Angst gewinnt

Gottesdienst am Sonntag Rogate, 17. Mai 2009

Thema: Angst gewinnt?

Text: Johannes 16,23b-28.33

 

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Angst vor der Geschichte
Angst vor sich selbst
sich in sich zurückzuziehen
aus Angst vor der Welt
Angst auszubrechen
sich zu blamiern
sich auf's Eis zu wagen
Angst zu erfriern

Angst zu verblöden,
vor der Endgültigkeit
sich an alles zu gewöhnen
aus Angst vor der Zeit

Angst überholt zu werden
Angst vor Konkurrenz
Angst vor der Dummheit
vor ihrer Intelligenz
Angst stellt ruhig
Angst kriegt klein
Angst vor einander
Angst 'rauszugehen
wir sind uns alle verdächtig
Angst in die Augen zu sehen
Angst vor Gefühlen
 
 
Angst ferngelenkt zu werden
Angst vor dem Aus
Angst es allen rechtzumachen
Angst frisst auf
Angst sich zu wehren
Angst alleine zu sein
Angst vor der Angst
wir schlafen ein.

 

Ein Lied von Herbert Grönemeyer. Wie ich finde, beschreibt er sehr tiefsinnig die Macht und die Vielfalt von Angst.

Jesus ist Realist: Auch Jesus redet von der Angst – und er blendet sie nicht aus. Unser Predigttext zeigt uns Wege auf, nicht: die Angst zu umgehen, wohl aber: mit der Angst umzugehen.

Jesus sieht nämlich sehr nüchtern: Angst gehört zu unserm Leben dazu. Aber sie soll nicht gewinnen.

Deshalb sagt er: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Diese Worte haben Gewicht. Sie kommen aus den Abschiedsreden Jesu, kurz vor seiner Kreuzigung, gibt Jesus den Jüngern das mit auf den Weg, was ihm das Wichtigste ist. Schauen wir hinein in die Verse, die wir vorhin bereits gehört haben.

Drei Gedanken dazu:

Unsere Lage, Unser Ausweg, Unser Herr!

 

1) Unsere Lage: In der Welt habt ihr Angst

 

Ängste gehören zu unserer Welt. Ängste gehören zu unserem Leben. Das gilt es erst mal zu akzeptieren. Angst ist in unserer gefallenen Welt der Gefahren nicht automatisch etwas Schlechtes. Darum sagt Jesus nicht: „Reißt euch mal’n bisschen zusammen, und habt keine Angst.“ Sondern: Er sagt: Ja, in der Welt habt ihr Angst! Das ist so. Das muss man erst mal akzeptieren. Und Psychologen sagen: In gewissem Maß kann Angst sogar etwas Positives haben: Die Reflexangst etwa kann uns in Gefahren-Situationen schneller handeln lassen als der Verstand. Und doch – keiner fühlt sich wohl bei dem Begriff Angst.

Hat Angst doch – schon von der Wortbedeutung – etwas mit Enge, Beengung zu tun. Da schnürt sich uns die Kehle zu.

Einmal war ich als Student mit einem Freund als Rucksacktourist ein paar Wochen in der Türkei und Syrien unterwegs. Wir kamen mitten in der Nacht in Istanbul auf dem Flughafen an, der ja über 30km außerhalb der Stadt liegt. Da wir für die paar Stunden der Nacht nicht noch irgendein Hotel aufsuchen wollten, schauten wir uns außerhalb des Flughafengeländes ein wenig um. Da! Ein halbfertiger Rohbau. Weit und breit keine Menschenseele. Mit einem etwas mulmigen Gefühl schlichen wir durch die dunkle Baustelle und breiteten irgendwo in einer Ecke des Gebäudes Isomatte und Schlafsack aus. Alles stockdunkel. Hier wird ja wohl keiner vorbei kommen. Wir waren gerade so am Einschlafen, plötzlich hörten wir Schritte. Wer war das? Am besten mucksmäuschenstill verhalten. Der kann uns ja nicht sehen. Der weiß ja nichts von uns. Doch die Schritte kamen immer näher. Direkt vor uns stand er. Wir stellten uns schlafend. Augen fest geschlossen. Auf einmal beugt sich dieser Kerl über mich. Ich kann seinen Atem spüren. Er hantiert über meinem Gesicht. Ich denke, mein letztes Stündlein hat geschlagen.

Und wir wünschen uns, dass die Angst nicht überhand nimmt, nicht gewinnt. Mein Puls pocht wie verrückt. Stoßgebete zum Himmel. Ich halte es fast nicht mehr aus. Plötzlich das Geräusch eines Feuerzeugs. Er leuchtet in mein Gesicht. Jetzt ist es aus! Doch dann, ich höre, wie er sich wieder aufrichtet, Schritte entfernen sich. Er verschwindet in der Dunkelheit. Wer das war? Ich werde es nie erfahren.

Aber es war eine schreckliche Angst gewesen. Das Typische daran: Angst bedeutet Ungewissheit: Du weißt nicht, wer oder was da aus der Dunkelheit auf dich zukommt. Du weißt nicht, wie es ausgeht. Nebulös. Unheimlich. Angst ums eigene Leben. Oder es ist die Angst um das Leben eines geliebten Menschen. Sie als Tauffamilie kennen auch Ängste. Jeder, der Kinder hat, weiß, was es bedeutet, Angst um sie zu haben. Als unser Daniel gleich nach der Geburt mit Rettungswagen nach Minden auf Intensiv gebracht wurde – ja, da hatten wir auch mächtig Angst. Viele von uns kennen solche Ängste, manche auch noch viel schlimmere.

Was sind Ihre Ängste? Vielleicht auch die, von denen Grönemeyer singt:

 Angst vor sich selbst
sich in sich zurückzuziehen
aus Angst vor der Welt

Angst überholt zu werden
Angst vor Konkurrenz
Angst vor der Dummheit
vor ihrer Intelligenz

Oder Angst vor der Endgültigkeit – wie Grönemeyer singt. Da ist dann irgendwas endgültig aus und vorbei. In der Welt habt ihr Angst!

 

2) Unser Ausweg: Aber seid getrost

Bei aller Angst kommt nun ein dickes ABER. Das Aber des Glaubens, das uns so oft in der Bibel begegnet. Denken wir an Hiob, der mitten in seinem tiefsten Leid, in seiner Angst bekennt: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Die Lage wird nicht auf einmal durch den Glauben verändert. Eine bedrohliche Lage bleibt bedrohlich. Aber: der Mensch, der sich in dieser Lage befindet, wird verändert durch den Glauben.

Wie kann das geschehen? Der Taufspruch für den kleinen Melvin Christoph zeigt uns den Weg: „Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir.“

Hier ist von der Gegenwart Gottes die Rede: Er ist mitten in der Angst bei uns. Und so wie ein kleines Kind automatisch in Angstsituationen nach der Hand des Vaters oder der Mutter greift, so können wir nach der Hand Gottes greifen – und er hält uns. Er hält uns fest. Wenn uns der Boden unter den Füßen wegfällt, er hält dich. Wenn Ungewissheit der Zukunft drohend vor dir liegt, er hält dich. Wenn die Angst wie ein Fremder sich heimlich und unheimlich heranschleicht, er hält dich. Und er spricht zu dir. Schon darin liegt Trost. Dass Gott redet und nicht schweigt. Er redet durch sein Wort, die Bibel, den Gottesdienst. Worin wir erkennen können, wie mächtig er ist, dass er auch da noch Auswege weiß, wo menschlicher Vernunft an ihre Grenzen kommt. Er kann auch durch andere Menschen reden. Zu Melvin etwa durch die Eltern und Paten. Er spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir.

Um den Ausweg aus der Angst zu finden, ist der entscheidende Schlüssel das Gebet. Heute ist Sonntag Rogate. Das heißt „betet“. Und im Evangelium, was wir vorhin gehört haben, das unserm Vers vorausgeht, sagt es Jesus ganz deutlich: „Wahrlich, wahrlich: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinen Namen, wird er’s euch geben. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.“ Der Angst werden das Gebet und die Freude entgegengesetzt. Ich weiß: Jetzt kommen Einwände. Stimmt das, was Jesus da verspricht? Habe ich nicht schon so oft gebetet, und Gott hat es nicht erhört? Das kenne ich auch. Enttäuschung über unerhörte Gebete. Doch ich kann Gott nicht in die Karten schauen. Er weiß so unendlich viel mehr als das, was ich mir wünschen und vorstellen kann. Und ich habe so oft schon das andere erlebt: dass Gott Gebete erhört. Ich möchte mich an den Stellen nicht entmutigen lassen, wo meine Erfahrung dagegen zu sprechen scheint. Wenn es hier heißt: in meinem Namen, dann meint das: in der Autorität Jesu, aber auch: Beten im Sinne Jesu. Und da ist es gut zu Jesus zu vertrauen. Nicht bei jedem Gebet können wir letztlich wissen, was Jesus im Sinn hat.

Entscheidend beim Beten ist die Beziehung. Wie ein Kind, das sich von seinen Eltern geliebt weiß: „Er selbst, der Vater, hat euch lieb,“ sagt Jesus.  Und das ist das ist der Ausweg aus der Angst. Ich weiß mich geliebt, auch wenn nicht jeder Wunsch und jedes Gebet in Erfüllung geht. Bei meinen Kindern ist das auch so: Nicht alles, was sie sich wünschen, geben wir Ihnen – obwohl es keine schlechten Wünsche sind. Wenn sich Christina ein echtes Schaf wünscht oder am besten ganz viele, und Anna einen Teich mit vielen Fischen darin. Dann erfüllen wir diese Wünsch nicht – und haben sie trotzdem lieb. Und manchmal werden Wünsche dann doch wahr – auf ganz unverhoffte Weise: Z.B. dass dann plötzlich der Nachbar den Fischteich baut. Die Beziehung zum Vater ist entscheidend. Und die wird durchs Gebet gepflegt und wächst. Und zwar nicht nur in Angst!

Wie bei Paulchen, der ist in seinen ersten Schulferien bei der Großmutter zu Besuch. Oma möchte von ihrem Enkelkind viel wissen.

„Sag mal betest du auch am Abend vor dem Zubettgehen?” - „Ja, jeden Abend”, antwortet der Junge. „Und wie ist es am Morgen?”, fragt die Großmutter weiter. „Nö, morgens nicht. Am Tage habe ich keine Angst!”

Beten heißt nicht nur: beten in Angst. Aber in Angst eröffnet das Gebet Auswege und schenkt Trost.

 

3) Unser Herr: Ich habe die Welt überwunden.

Eigentlich steht da im griechischen: Ich habe die Welt besiegt. Das klingt fast ein wenig militärisch. Doch es ist das Gegenteil. Während in dieser Welt Siege mit Waffen und mit Gewalt errungen werden, und damit neue Angst erzeugt wird, ist Jesu Reich nicht von dieser Welt. Sein Sieg war ein Sieg der Liebe. Seine Macht ist nicht die angstmachende Macht der Gewalt, sondern die angstbesiegende Macht der Liebe. Ein Liebe, die bereit war, sich selbst in den Tod zu geben. Und dadurch wurde der Sieg über die Welt errungen. „Welt“ bedeutet in diesem Fall die gottfeindliche, gefallene, angstbesetzte Welt. Und deren Speerspitze ist der Tod. Wie hieß es noch bei Grönemeyer: Angst vor der Endgültigkeit… Der Tod ist das endgültigste, was man sich vorstellen kann. Und wenn der besiegt ist, dann ist zugleich alles besiegt, was uns Angst machen kann. Und genau das ist geschehen durch Jesu Sterben am Kreuz und seine Auferstehung an Ostern. Der Tod ist besiegt. Er verliert seine Endgültigkeit durch die wahre Endgültigkeit des Sieges Jesu. Denn in Wahrheit endgültig ist, was am Ende gültig ist: Und das ist die Liebe unseres Herrn, der über allem steht! Weil wir diesen Herrn haben, braucht die Angst nicht mehr zu gewinnen. Er ist immer bei uns. Und er ist der Sieger über alles, was Angst machen kann und damit auch über die Angst selbst.

Unsere Lage: In der Welt habt ihr Angst.

Unser Ausweg: Aber seid getrost.

Unser Herr: Ich habe die Welt überwunden.

Amen.