Ausweg aus der Ich-Falle
Sonntag, 4. Oktober 2009
Festgottesdienst zum Erntedankfest
Thema: Ausweg aus der Ich-Falle
Text: Lukas 12,15-21
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde,
ein Pastor macht einen Besuch bei jemandem, von dem er weiß, dass er mit dem Glauben nicht viel am Hut hat. Er möchte aber doch so gerne mit ihm ein Glaubensgespräch führen und sucht nach einem Anknüpfungspunkt.
Schließlich zeigt der Mann ihm seinen wunderschönen, gepflegten Garten und man merkt, wie stolz er darauf ist. Alles grünt und blüht. „Das ist meine Chance“, denkt der Pastor und sagt: „Ist es nicht wunderbar, wie unser Schöpfer alles so herrlich wachsen lässt?“ - „Ja, das stimmt schon“, meinte der Mann, und fügt mit stolzgeschwellter Brust hinzu: „aber sie hätten mal sehen sollen, wie es ausgesehen hat, als der Schöpfer hier noch alleine am Werk war!“
Letztlich ist es mein Verdienst! Ich habe es mir zu verdanken! Das ist doch die Aussage. Ich hatte einen entfernten Verwandten, der „gut betucht“ war. Sein liebstes Hobby war es, sich jede Woche von seiner Frau die Kontoauszüge seiner Bankkonten holen zu lassen und diese dann stundenlang genüsslich zu betrachten. Vom Glauben hielt er nichts. Wenn meine Frau und ich ihn besuchten, dann versuchten wir auch gelegentlich, im Gespräch die Frage nach Gott einfließen zu lassen. Seine Antwort: „Ach, Gott, brauch ich nicht! Ich habe mir alles selbst erarbeitet.“ Daraufhin bohrte ich nach: „Sicher, du warst sehr fleißig. Aber dass du es konntest, dass du den Krieg unbeschadet überstanden hast, dass du auch jetzt noch – mit über 90 Jahren so gesund bist, dass du sogar noch Auto fahren kannst. – Meinst du nicht, dass es Grund ist, Gott dankbar dafür zu sein?“ – Da lächelte er kopfschüttelnd: „Weißt du, alles das verdanke ich mir selbst! Junge, du musst noch viel lernen! Das ist mein Geheimnis: Ich habe eiserne Disziplin! Ich bin sparsam, ich ernähre mich gut, und ich mache Sport: Jeden Tag mache ich noch meine Liegestütze und Kopfstand! Das hält mich gesund!“
Ich war einigermaßen ratlos. Einen Versuch machte ich noch: „Aber, dass du überhaupt hier geboren bist – und nicht in Afrika, wo Hunger und Not herrscht. Da kannst du nichts dafür.“ – Er winkte ab: „Weißt du, die sind selber schuld, dass es denen so schlecht geht! Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“
Ich war traurig. Als ich auf der Autofahrt mit Christiane darüber sprach, kam mir die Geschichte in den Sinn, die Jesus einmal erzählt hat, unser heutiger Predigttext. Lukas 12,15-21:
15 Und Jesus sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. 16 Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. 17 Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. 18 Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und ich will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte 19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! 20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? 21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.
Der reiche Mann führt ein Selbstgespräch. Das sind 3 Verse. Ist Ihnen aufgefallen, wie oft das Wörtchen „ich“ – bzw. „mein“ – vorkommt? Elfmal!!! Gefangen in der „Ich-Falle“.
Aber, heute an Erntedank, wollen wir ja nicht stehen bleiben bei dieser traurigen Situation. Sondern wir wollen Auswege finden. Auswege aus der Ich-Falle.
1) Statt Selbstlob: Danken
Es geht ja gut los: „Es war ein reicher Mann, dessen Feld hatte gut getragen.“ Jetzt würde man – gerade am heutigen Tag – erwarten, dass es weiter geht: „Und so feierte er ein fröhliches Erntedankfest.“ Aber genau das passiert nicht! Der Mann macht sich zwar durchaus Gedanken und er fragt: „Hm, was soll ich tun?“ Aber die Antwort heißt eben nicht: Ich feiere Erntedank, sondern: „Ich will größere Scheunen bauen!“ Erntedankfest fällt aus. Das wäre auch eine treffende Überschrift über diesem Abschnitt. Ich hab überlegt, ob man das Thema heute so nennen könnte: „Erntedankfest fällt aus!“ – Stellen Sie sich das mal vor: Im Gemeindebrief und bei den Einladungen in Ihrem Briefkasten: „Herzliche Einladung zum Gottesdienst am 4.10. – Erntedankfest fällt aus!“ Das wär’n Ding! Würde sicher Verwirrung stiften. Aber genau das passiert in der Geschichte und leider auch oft in unserm Leben. Wir fahren reiche Ernte ein, wie dieser Landwirt hier, wir lassen es uns gut gehen. Trotz manchen Nöten und Schwierigkeiten, mit denen viele von uns zu kämpfen haben – im Beruf oder im Privaten, geht es uns doch oft wirklich gut, wir müssen keinen Hunger leiden und auch an Nichtmateriellen erleben doch die meisten von uns viel Gutes Tag für Tag. Das ist auch Ernte! Familie, Freunde, Gesundheit, Erfolg. Das alles ist Ernte – doch wie oft fällt das Erntedankfest aus? Warum? Weil wir das Gute nur allzu oft uns selbst zuschreiben. Wie dieser Knabe hier: Ich will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte. Meine Güte! So viel Selbstlob! Hat er denn das Korn wachsen lassen? Hat nicht vielmehr Matthias Claudius Recht, wenn er sagt: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ Dass wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich hat niemand was gegen ein gesundes Selbstbewusstsein, und wir dürfen uns auch von Herzen freuen, wenn uns etwas gelungen ist. Auch in der Gemeinde. Wenn gestern so ein schönes Frauenfrühstück und so ein lustiger Männerabend stattgefunden hat. Herrlich. Aber wie gut ist es, wenn aus der Freude über das Gelingen der Dank an Gott entspringt! Also: Ausweg aus der Ich-Falle: Statt Selbstlob: Danken! Aus Freude wird Dank und wenn wir mit dem Danken beginnen, werden wir merken, wie daraus umgekehrt Freude erwächst! Vielleicht bist du in einer völlig anderen Situation als der reiche Kornbauer: Du bist weit entfernt von Selbstlob, sondern dich drücken Selbstzweifel, Versagensängste, du bist verzweifelt, weil dir eben nichts zu gelingen scheint und die Felder deines Lebens nicht gut getragen haben. Dies kann auch in die Ich-Falle führen. Man dreht sich nur noch um sich und seine Probleme. Doch auch hier kann Danken ein Ausweg sein. Probier es aus: Trotz allem danken. Schau auf die Dinge, für die du trotz allem dankbar sein kannst. Setzt dich hin heute Nachmittag zum persönlichen Erntedank und schreib einen Brief an Gott, der so beginnt: „Lieber Gott, oft schon hab ich dir mein Leid geklagt. Vieles ist nicht so, wie ich es mir wünsche, aber heute möchte ich dir einmal danken für… meine Wohnung, die Musik, deine herrliche Schöpfung, das aufmunternde Wort von meiner Arbeitskollegin letzten Mittwoch, meine schöne Gemeinde oder was auch immer…“ Und ich wette, dass aus dem Danken auch Freude erwächst.
2) Statt Selbstsucht: Teilen
Ich, icher, am ichsten… Ja, er denkt wirklich nur an sich und seine Zukunft. Es ist ja nichts Schlimmes, für seine Zukunft zu sorgen, vorzubeugen. Altersvorsorge zu betreiben. Ein Narr, wer das nicht tun würde! Aber was das Problem dabei ist: Er bleibt nur bei sich selbst! Andere sind für ihn überhaupt nicht im Blick. Von dem großen Überfluss, für den er ja gar nichts konnte – denn es war das Feld, das gut getragen hatte – wenigstens etwas abzugeben, das hätte ein Ausweg aus der Ich-Falle sein können. Das ist doch ganz einleuchtend: Wenn ich den Blick richte auf andere Menschen. Auf Menschen, die in Not sind, die meine Hilfe brauchen, die Gott mir zeigt, wenn ich auf die den Blick richte, dann geht das nur, wenn ich von mir selber wegschaue. Und denken wir bei Teilen nicht nur ans Finanzielle, dass ich mal ein paar Euro spende für Erdbebenopfer oder hungernde Kinder in Afrika. Sicher ist das gut und richtig. Aber Teilen – wenn es nicht nur Alibi-Funktion hat, kann auch ganz anders aussehen: Ich teile meine Zeit mit anderen, ich setze Kreativität und Mühe ein für einen anderen Menschen, ich besuche andere, um ihnen einen Freude zu machen, ein Brief, eine Email, ein Anruf. Teilen ist mit einem Wort Ausdruck der Liebe. An dieser Stelle einmal ein herzliches Dankeschön an alle, die ihr Geld, ihre Zeit und Kraft teilen, um Gott und anderen Menschen auch hier in der Gemeinde zu dienen. Allen Ehrenamtlichen, die in einer Gruppe oder einem Kreis mitwirken, die musizieren in Kirchenchor oder Posaunenchor. Stellvertretend für so viele möchte ich heute einmal Lothar Lorz erwähnen. Warum? Weil er genau vor 10 Jahren, am Erntedankfest 1999 zum Lektor eingeführt wurde! Vielen Dank dir für alle Dienste hier in der Martins-Gemeinde und auch darüber hinaus im Reich Gottes. Ausweg aus der Ich-Falle: Statt Selbstsucht: Teilen.
3) Statt Selbstgespräch: Gebet
Dies ist wohl der wichtigste Ausweg aus der Ich-Falle: Der arme reiche Mann war ja so in sich selbst gefangen, dass seine ganze Kommunikation nur auf sich selbst gerichtet. V. 17: „Er dachte bei sich selbst“, V .19: Ich will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, iss, trink und habe guten Mut!“. Er redete nicht mit Gott, er redete nicht mir einem anderen Menschen, er redete nur mit sich. Wissen Sie, wie Martin Luther Sünde definiert hat? „Incurvatio in se ipsum“ – In sich selbst verkrümmt, verbogen. Dieser Mann ist das lebendige Beispiel dafür. Lebendig? Na ja, Gott spricht zu ihm: „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.“ Furchtbar! Ich denke an meinen Verwandten. Vor einiger Zeit ist er sehr schnell gestorben. Und seine Frau jammert: Ach, Gero: Wir haben alles falsch gemacht! Mein Mann hat ja immer nur ans Geld gedacht, immer gehortet und gehortet, wir haben uns nichts gegönnt, alles gespart – für ein angenehmes Leben im Alter. Und jetzt? Was hat er davon? Nichts!!! Alles umsonst!“ So wiederholt sich diese Geschichte Jesu bis in unsere Zeit. Unzählige Male. Was in dem Gleichnis beschrieben wird, ist praktischer Atheismus. Es gibt ja heute viel theoretischen Atheismus. Wissenschaftler versuchen Argumente zu finden, warum es Gott nicht gibt. Aber viel häufiger gibt es den praktischen Atheismus. Man glaubt vielleicht, dass es Gott gibt, aber man lebt so, als ob es ihn nicht gibt. Man nimmt sein Leben selber in die Hand. Es ging dem Mann ja um seine Zukunft: Er wollte Sicherheit, „großen Vorrat für viele Jahre“, „liebe Seele, habe nun Ruhe und habe guten Mut!“ – Als ob wir über die Zukunft unseres Lebens selber bestimmen könnten. Statt dieser Selbstgespräche wäre der Ausweg gewesen: das Gebet. Die lebendige Beziehung zu Gott. Das tut so gut und gibt genau das, was der arme Reiche mit all seinem Reichtum gewollt, gesucht und doch nicht gefunden hat: Nämlich Geborgenheit: Dann musst du es dir nicht selber einreden, sondern Gott sagt es zu dir: „Habe nun Ruhe! Iss, trink und habe guten Mut!“ Statt Selbstgespräch: Gebet. Es gibt noch eine Stelle in der Bibel, wo jemand seine eigene Seele anspricht. Aber das ist das glatte Gegenteil: Da ist es ein Gebet: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Amen!