Die große Erbschaft
Gottesdienst am Sonntag, 13. September 2009
Thema: Die große Erbschaft
Text: Römer 8,14-17
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde,
kennen Sie den Hund Lucky? Hund Lucky beschäftigt seit letzter Woche das Landgericht Bonn. Und Lucky macht seinem Namen alle Ehre: Lucky ist nämlich glücklicher Alleinerbe einer großen Erbschaft. Ein 52-Jähriger hat in seinem Testament erklärt, sein ganzes Hab und Gut, darunter einige Häuser, seinem Hund "Lucky" zu vermachen. Er liebte seinen Hund über alles, darum sollt er auch alles erben.
Nun – in Deutschland kann ein Hund eigentlich nicht erben, so beschäftigt sich nun - wie so oft leider - das Gericht mit den Erbangelegenheiten. Aber was deutlich wird: Wenn jemand ganz bewusst im Testament als Erbe eingesetzt wird, dann wird der schon sehr geliebt, ob Hund oder Mensch!
Auch Gott hat ein Testament gemacht. Sogar ein neues Testament. Das überraschende: Sie sind darin als Erbe eingesetzt. Du bist darin als Erbe eingesetzt. Ich bin darin als Erbe eingesetzt. Warum? Weil wir sehr von Gott geliebt sind.
Sicher überlegt mancher jetzt: Hm, passt der Vergleich? Um zu erben, muss doch gewöhnlich jemand sterben? Ist Gott tot? Auch wenn manche das denken: Ach, Gott ist tot! Den gibt es nicht, nur eine Einbildung, ein Wunschtraum. Nein, Gott ist der lebendige Gott, der niemals stirbt. Und doch: in seinem Sohn Jesus Christus am Kreuz hat auch Gott den Tod geschmeckt. Und so ist der Tod Jesu eigentlich das Testament, das uns das Erbe erschließt. Versuchen wir heute zu verstehen,
1) dass wir erben, 2) was wir erben, 3) wie wir erben…
Hören wir dazu den Predigttext aus dem Römerbrief 8,14-17:
14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Diese wunderbaren Worte des Paulus, können uns die Augen öffnen für ein großartiges Geheimnis, das uns auch hilft in aller Not, in allem Leid. Das Geheimnis des Glaubens. Wir entdecken:
1) Dass wir erben
Ich glaube, uns ist der Reichtum des Glaubens oft nicht so recht bewusst. Vor einiger Zeit las ich in der Zeitung folgende Überschrift: „Ahnungslose Millionärin lebt als Obdachlose“. Das klingt interessant. Und da heißt es: Bratislava. Eine Multimillionärin in der Slowakei hat jahrelang ahnungslos als Obdachlose gelebt. Die 73jährige hat nun erfahren, dass sie rechtmäßige Besitzerin eines 80.000 Quadratmeter großen Grundbesitzes ist. Das Grundstück liegt in der lukrativen Tourismusregion Hohen Tatra. Erst eine Überprüfung in der Grundbuchverwaltung der Gemeinde hatte ergeben, dass ihre vor Jahren verstorbenen Eltern das Land besessen hatten und sie als einzige Tochter Alleinerbin ist. Der Wert des Grundstücks wird auf mehrere Millionen Euro geschätzt.
Ahnungslose Millionärin lebt als Obdachlose! Da hat diese arme, reiche Frau ein Vermögen und weiß nichts davon! Da hat sie Grund und Boden und streift als Obdachlose heimatlos durch die Lande. Ist das nicht das Schicksal vieler Menschen? Gott hat für uns ein großes, ein wunderbares Erbe – das sich mit Geld gar nicht bemessen lässt: eine ewige Heimat, ein Grundstück im Himmel, ewige Gemeinschaft mit Gott. Und wir Menschen? Wir irren oft ziellos und orientierungslos durch die Zeit. Auf der Jagd nach ein paar Momenten Glück im Leben, auf der Suche nach ein paar Häppchen Sinn im Leben, getrieben von der Sehnsucht nach Liebe, nach Anerkennung, nach Geborgenheit.
Da pilgern im Juli dieses Jahres Zehntausende ins Stadion nach Frankfurt, um fernöstliche Weisheiten des Dalai Lama aufzusaugen, religiöse Brosamen zu erbetteln – und der Reichtum des Wortes Gottes steht im Bücherregal und verstaubt.
Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi.
Lassen wir uns heute neu daran erinnern: Ganz gleich, in welchen Umständen du lebst, ganz gleich, wie es dir materiell geht, ganz gleich, durch welche dunklen Täler du wanderst: Es gibt ein Erbe für dich, das dich im Herzen reich machen kann.
Mag sein: Dass wir Erben Gottes sind, klingt manch einem ein wenig abstrakt, wenig greifbar, wenig hilfreich. So ein paar Millionen wären einem da vielleicht doch schon lieber. Wobei uns allen doch klar ist in dieser Woche, dass Dinge im Leben geschehen, denen gegenüber Geld und Gut so was von belanglos und lächerlich unwichtig wird. Aber auch da – wenn schlimmes, unfassbares Leid geschieht - stellt sich doch die Frage: Was nützt mir, dass Gott mich zu seinem Erben gemacht hat. Was nützt mir der Reichtum Gottes, wenn ich davon jetzt so wenig spüre? Wenn ich mich so leer und arm fühle…
Darum ist es gut noch einmal genauer zu sehen, nicht nur, dass wir erben, sondern was wir erben.
2) Was wir erben
Zum einen wird ganz deutlich: Paulus redet hier nicht davon, dass wir als Christen leidfrei und sorgenfrei durchs Leben spazieren. Im Gegenteil: Er sagt es ja ganz deutlich: Wir sind Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden. Wenn wir weiterlesen, dann zeigt sich, dass Paulus kein Naivling ist, der von einer heilen Welt hier auf dieser Erde träumt. Nein, er redet vom „ängstlichen Harren der Kreatur“, er redet davon, dass die „ganze Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen“ ist. Er redet davon, dass er manchmal seufzen muss und wie sehr er sich sehnt nach Erlösung aus diesem Leben geprägt von Schmerzen, von Leid, von Tod. Deutlicher, realistischer kann man es doch gar nicht sagen: V.22: Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Und trotzdem kann er sich von Herzen freuen über das große Erbe Gottes. Und er sagt es so: V. 18: „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden – so schlimm sie auch sein mögen! – am Ende nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ Eine große Herrlichkeit wartet auf uns. Der Himmel Gottes! Nicht Wolke 7 oder irgendwelche Quatschvorstellungen sind gemeint, mit 1000 Engeln dauernd Harfe spielen und Halleluja singen. Das ist doch eine Karikatur! Nein, wer das Buch der Offenbarung liest, der weiß was der Himmel ist. Eine tiefe, echte, unbeschädigte Gemeinschaft mit Gott. Herrlichkeit, sagt Paulus! Ein Ort voller Liebe und Trost, von dem es heißt (Offb. 21,4f): „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Schmerz noch Geschrei wird mehr sein; denn das erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“
Ein wunderbarer Ausblick auf das Leben nach diesem Leben. – Natürlich könnte man dagegenhalten: Ist das wirklich Trost oder Vertröstung? Paulus sieht das so: Das ist keine Vertröstung auf eine ungewisse Zukunft, sondern, es ist echter Trost, weil wir schon heute von diesem Erbe leben können. Er sagt nicht: Wir werden einmal Gottes Erben sein - irgendwann, sondern: Wir sind Gottes Erben. Und das hat Auswirkungen auf das Hier und heute! Denn wir können ja nur Erben Gottes sein, wenn wir Gottes Kinder sind. Und als Kinder Gottes können wir schon jetzt anders leben. Gott beschenkt uns schon jetzt mit seinem Geist! Und dieser Geist, der heilige Geist genannt, ist eine verborgene Kraftquelle: Es ist ein Geist der Liebe, der Kraft, des Trostes. Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet. Sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: „Abba, lieber Vater.“ Das bedeutet: Ich darf wissen: Gott ist nicht mein Feind. Was immer geschieht, Gott wird mir beistehen, mich tragen, wie ein lieber Vater, ein lieber Papa, sein Kind trägt und tröstet. Das Verhältnis zu Gott soll nicht kindlich und nicht knechtisch sein. Was bedeutet das? Nun, ein Knecht, der tut seinen Job, weil er dafür was bekommt. Viele sehen das Verhältnis zu Gott so: Na ja, man betet ab und zu, geht mal in die Kirche, und benimmt sich anständig, und dafür bekomme ich etwas: Dass es mir gut geht, und ich irgendwann in den Himmel komm. Ich geb mir Mühe und krieg meinen Lohn. Nein, sagt Gott: So geht das nicht: Sondern nur durch eine kindliche Vertrauensbeziehung. Dass ich mich nicht vor Gott fürchte und dass ich nicht meine, mir den Himmel erarbeiten zu können, sondern dass ich mich wie ein Kind beschenken lasse. Also: Was erben wir? Nicht nur den Himmel, sondern dieses kindliche Verhältnis zu Gott, das mir Geborgenheit gibt. Ein Kind kann das Handeln seiner Eltern oft nicht verstehen. Manchmal nehmen die Eltern ihm etwas weg, und es versteht nicht warum. Aber ein Kind weiß dennoch: Mama und Papa haben mich ganz doll lieb. Und so dürfen wir uns als Kinder Gottes auch daran klammern, gerade in schweren Zeiten. Gottes Liebe hat das letzte Wort.
Es lohnt sich also, Gottes Erbe und Gottes Kind zu sein.
Doch nun stellt sich die Frage:
3) Wie wir erben
Es ist deutlich geworden. Um Erbe Gottes zu sein, braucht es eine wichtige Voraussetzung: Man muss Kind Gottes sein! Der Hund Lucky hat echte Schwierigkeiten, sein Erbe zu bekommen, denn er ist juristisch gesehen eben keine rechtsfähige Person. Wir wären normalerweise bei Gott auch keine rechtsfähige Person, weil wir durch die Sünde von Gott getrennt sind, mit Gott verfeindet – so wie der Bruder des Hundebesitzers mit diesem verfeindet war und deshalb nichts erben sollte. Und wir Menschen, die wir von unserer Natur aus nicht nach Gott fragen, die wir uns oft um uns selber drehen, die wir oft Gott los sind, wir hätten normalerweise kein Anrecht auf das Erbe. Aber Gott schenkt es uns dennoch. Wie? Das hängt mit seinem Sohn zusammen. V.17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Es ist erstaunlich: In diesem einen Vers kommt dreimal das Wörtchen „mit“ vor – immer verbunden mit Gottes Sohn, Jesus Christus. Es geht darum: Wenn wir mit Jesus, mit dem ursprünglichen Sohn Gottes verbunden sind, werden auch wir zu Söhnen und Töchtern Gottes. Und damit zu Erben. Anders nicht. Eine Geschichte, die mich sehr berührt hat:
Ein wohlhabendes Elternpaar hatte einen Sohn. Die Mutter starb, als der Junge noch klein war. Nun galt die ganze Liebe des Vaters seinem Kind. Der Junge wuchs unter der liebevollen Fürsorge des Vaters heran. Zwischen Vater und Sohn entstand eine innige Beziehung von Vertrauen und Zuneigung. Wie groß war der Schmerz, als der gerade erwachsene Sohn eines Tages starb! Der Vater litt unsäglich unter dem Verlust des geliebten Sohnes. Nach einigen Jahren starb auch der Vater. Nach der Beerdigung kamen die Verwandten, um das Testament zu öffnen. Sie waren gespannt, wem das große Vermögen zufiele. Aber sie suchten ohne Erfolg. Im ganzen Haus war kein Testament zu finden.
So beschlossen die Verwandten, den Besitz unter sich aufzuteilen. Am Nachmittag kam auch das Hausmädchen, das jahrelang für die Familie treu gearbeitet hatte. Sie trauerte dem Mann nach, der ihr in seiner Liebe zu seinem Sohn immer ein Beispiel gewesen war. Sie wollte nichts von den wertvollen Dingen aus dem Haus. Sie wollte nur ein Andenken an die Familie mitnehmen. So nahm sie ein kleines Bild von der Wand, das den Vater mit dem Sohn zeigte. Es war nur eine ganz einfache Fotografie, aber sie würde das Mädchen stets an die Liebe zwischen Vater und Sohn erinnern. Sie wusste: Der Sohn bedeutete dem Vater so viel. Deshalb wollte sie für ihre Erinnerung den Sohn und den Vater zusammen haben. Sie brachte das Bild nach Hause, und als sie es bei sich aufhängen wollte, fiel ein Stück Papier auf den Boden. Sie nahm es auf und fand das Testament des Vaters. Er hatte geschrieben: „Wer immer den Wunsch hat, dieses Bild zu besitzen, soll mein Erbe sein. Er zeigt damit, dass er meine Liebe zu meinem Sohn verstanden hat. Er soll meine ganzen Besitztümer erhalten!”
So ist es mit dem Erben bei Gott: Wenn wir den Sohn haben, haben wir alles. Johannes 3: „Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat das ewige Leben.“ Ich wünsche uns allen, dass wir ganz kindlich zu glauben lernen. Dass wir Kinder Gottes sind und als Kinder Gottes leben. Und als Kinder Gottes den Himmel ererben. Diesen Glauben können wir uns nicht selber machen. Es ist ein Geschenk. Gott kann ihn machen. Aber wir können ihn ganz kindlich darum bitten. Wie in dem alten Gebet aus Kindertagen:
Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.
Amen.