Es ist vollbracht
Gottesdienst am Karfreitag, 10. April 2009
Thema: „Es ist vollbracht!“
Text: Johannes 19,16-30
Predigt: Pastor Gero Cochlocius
Liebe Gemeinde!
„Ich will das nicht, dass jemand für mich stirbt.“ – Diese Worte einer Frau zitierte unser Superintendent in seiner Zeitungsandacht zum Karfreitag. Das ist eine ganz typische Aussage für viele Menschen unserer Zeit. Das Kreuz Jesu Christi, Karfreitag, der Tod Jesu für unsere Sünden – das sind wirklich schreckliche Worte. Es klingt grausam. Ja, es ist grausam! Und sogar innerhalb der evangelischen Kirche ist eine Diskussion entbrannt, ob man das heute noch sagen kann: „Jesus ist für unsere Sünden gestorben.“ Jüngst gab es eine Reihe von Hörfunkandachten mit WDR mit dem Bonner Pfarrer Burkhard Müller, der eine Woche lang zum Ausdruck brachte: Er glaubt nicht, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei.
Doch wie sagt es das ganze neue Testament und Jesus selbst? Zum Beispiel Matthäus 26: „Das ist mein Blut des neuen Bundes, dass vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ Und bereits im Alten Testament heißt es von Jesus in Jesaja 53: „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“
Doch das will man heute nicht mehr hören. Das brauchen wir nicht, dass jemand für uns stirbt. So schlecht sind wir doch auch wieder nicht… „Das will ich nicht“.
Doch was hat es mit dem Kreuz auf sich, das viele so störend und wertlos halten?
Ein junger, armer Maler in Paris ging im Jahr 1834 mit mühsam ersparten hundert Franken zu einer Auktion. Nachdem er für 75 Franken ein Bett gekauft hatte, wollte er eben sich entfernen, als ein altes, ganz mit Staub und Schmutz überzogenes Kreuz, ein Kruzifix zur Versteigerung kam, für das unter rohen Späßen nur ganz wenig geboten wurde.
„Es ist sehr schwer, es wird von Blei sein”, meinte einer, „ich gebe drei Franken dafür.” „Fünf Franken!”, rief da unser Maler, dem der Spott der Leute wehtat. Er erhielt's und ging schnell damit davon.
Am andren Morgen reinigte er es mit einer Bürste und las an seinem Fuß den Namen „Benvenuto Cellini”, ein berühmter Künstler zu Florenz aus dem 16. Jh. gewesen, und fast noch mehr war er erstaunt, als sich bei weiterer Reinigung ergab, dass das Kruzifix zum Teil aus Gold gefertigt war.
Er ging sofort mit dem Kruzifix zu einem kunstverständigen Goldschmied, der ihm den Wert des seltenen Kunstwerks auf 60 000 Franken schätzte.
So viel bezahlte ihm auch der König dafür, der von dem Fund erfuhr, und setzte dazu noch den jungen Maler an seinem Hofe in Arbeit, so dass er bald zu Ruhm und Ansehen gelangte. Das kostbare Kruzifix war einst bei der Französischen Revolution im Schloss Versailles vom Pöbel geraubt und dann verschleudert worden.
Paulus sagt:
Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft. (1.Korinther 1,18)
Worin liegt das Geheimnis des Kreuzes? Warum ist es so zentral für unseren Glauben, warum ist es in allen Kirchen der Mittelpunkt? Es gäbe doch so viele andere Symbole? Warum nicht die Krippe, der Regenbogen, die Taube, nein: es ist das Kreuz! Ein Folterinstrument, ein Zeichen des Todes. Ein Marterpfahl. Die letzten drei Worte Jesu helfen uns weiter.
Es ist vollbracht! – Man kann auch übersetzen: Es ist vollendet. Und das griechische Wort für „Ende“ ist dasselbe wie für „Ziel“. Das Ziel ist erreicht. Welches Ziel denn? Gottes Ziel: den Menschen mit Gott zusammenzubringen! Gottes großer Heilsplan. Vielleicht hätte Gott auch andere Wege finden können als das Kreuz – aber er hat sich für diesen Weg entschieden, und wer sind wir Menschen, dass wir mit Gott über seinen Heilsplan diskutieren wollten? „Es ist vollbracht“ – dies beinhaltet in dem Bericht, den wir aus dem Johannesevangelium gehört haben, drei Botschaften:
1) Zuletzt hat er die Macht: Es ist vollbracht!
Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.
Das klingt zunächst gar nicht nach Macht – es ist Ohnmacht. „Sie nahmen ihn aber“ – Völlig wehrlos wird er gepackt, muss den Querbalken seines Kreuzes tragen, und dann geht es hinaus. „Er ging hinaus“ aus Jerusalem. Aus seiner Stadt. Liebe Gemeinde, dieses „hinaus“ – das erschüttert mich. Da ist Jesus, der lang ersehnte Messias, endlich gekommen, und die Menschen schmeißen ihn raus. Hinaus muss er! Sie schließen ihn aus der Stadt aus, sie schließen ihn aus ihrem Leben aus, sie schließen ihn aus ihrem Herzen aus. Ist das nicht das eigentlich Grausame und Erschütternde an der Kreuzigung? Schon im 1. Kapitel des Johannes-Evangeliums heißt es: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Ist das nicht die Not unserer Zeit: Dass wir Jesus nicht haben wollen, dass wir Gott nicht haben wollen? Zumindest nicht in unsrer Mitte! Ja, außerhalb der Stadtmauern unsres Alltags – zu besonderen Anlässen, da kann er bleiben. So als Dekoartikel zu Weihnachten oder Ostern. Für die Menschen von Jerusalem war es ein Spektakel. Sehr dicht an den Stadtmauern lag Golgatha, eigentlich die Müllkippe Jerusalems, ein alter Steinbruch, wo man den Schmutz und Unrat hinschaffte. Und da schauten alle zu, wie er gekreuzigt wurde, die Gaffer waren zur Stelle. Hauptsache, er ist draußen. Und er lässt es mit sich geschehen – das ist kein Zeichen von Macht. Eher von Ohnmacht.
Aber dann passiert etwas Merkwürdiges:
19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Pilatus, der ohnmächtige Machthaber, der zu feige ist, auf sein Gewissen zu hören, der in vollem Bewusstsein einen Unschuldigen verurteilt, der erlaubt sich einen Jux – um die Juden zu ärgern, schreibt er drauf: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“. Halt, halt! schreien die Hohenpriester. Was machst du da? Das ist ganz missverständlich. Das klingt ja so, als ob er wirklich der König ist. Schreibe: „Er hat es nur behauptet, zu sein.“ Und jetzt at Pilatus auch seinen Stolz: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Und damit bringt er ungewollt und unbewusst durch Gottes Willen zum Ausdruck: Ja, zuletzt hat Jesus doch die Macht! Und zwar in drei Sprachen: Hebräisch – das steht für die Sprache der Bibel, der Religion: Da, schaut her, ihr Religiösen: Nicht eure frommen Werke zählen, sondern er ist der König, er ist der Weg! Auf Griechisch: Das steht für die abendländische Philosophie und Weisheit. Gleichsam eine Mahnung an die Gebildeten und Weisen: Da, schaut her, ihr Weisen dieser Welt! Er ist der König – vertraut nicht auf eure Weisheit. Und auf Latein, die Sprache des römischen Weltreichs, die Sprache der Macht. Da schaut her, ihr Mächtigen: Er ist der König!
Kann man das sagen? Ein Gekreuzigter ein König? Die Krone – eine Dornenkrone? Indem Jesus ausruft: „Es ist vollbracht!“ – und das ist was völlig anderes als „Es ist vorbei“ – macht er deutlich: Hier geschieht nicht ein Schicksal, ein Unfall, eine Katastrophe – sondern hier wird ein Ziel erreicht, ein Sieg errungen. Man sagt: Nichts ist so stark wie der Tod. Doch Gottes Wort sagt im Hohenlied der Liebe 8,6: „Liebe ist stark wie der Tod.“ Ich bin überzeugt: Jesus hätte die Macht gehabt, vom Kreuz zu steigen. Doch er tut es nicht. Weil er weiß, wir Menschen schaffen es nicht allein, unsere Sünde, unser Versagen aus der Welt zu schaffen. Die Folge der Sünde aber ist der Tod, die Trennung von Gott. Und so nimmt er, der einzig Sündlose, den Tod auf sich. Aus Liebe zu uns. Das ist die wahre Macht, dem Tod standzuhalten. Und die Auferstehung wird deutlich machen: Der Tod ist überwunden. Zuletzt hat nicht der Tod, sondern Christus die Macht: Es ist vollbracht!
2) Ein Plan von Gott erdacht: Es ist vollbracht!
Wenn die Worte „Es ist vollbracht“ auch übersetzt werden können mit: „Es ist vollendet“ – dann fragt man sich: Ja, was eigentlich ist vollendet? – Nun, es ist ganz klar: Der Plan Gottes, der Heilsplan Gottes. Um uns wieder mit sich in Verbindung zu bringen. Um den Abgrund der Sünde zu überwinden. Neulich habe ich gelesen: Was für ein grausamer Gott muss das sein, der seinen Sohn opfert! Was für ein grausamer Plan ist das! Doch so kann man das gar nicht sagen. Gott Vater und Sohn sind doch nicht zwei ganz verschiedene, von einander getrennte Figuren. Das ist viel zu menschlich gedacht. Wir glauben an die Dreieinigkeit Vater, Sohn und Geist sind eins. Es sind die drei Wesensarten ein und desselben Gottes. Wir glauben an einen Gott, nicht an drei Götter. Und so muss es nicht heißen: Ein grausamer, blutrünstiger Gottvater opfert seinen Sohn. Sondern: Gott opfert sich selbst in Jesus, seinem Sohn. Und wer sich selbst für andere hingibt – der ist nicht grausam, sondern voller Liebe. Und wenn wir unseren Text genau lesen, sind so viele Hinweise darauf, dass damit ein Plan in Erfüllung geht, der schon im Alten Testament versteckt ist. Da ist die Sache mit dem Gewand. Was im Psalm 22 1000 Jahre zuvor prophezeit wurde, wird Wirklichkeit: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.“ Aber was hat es mit diesem Gewand auf sich? Die Oberkleider werden einfach in vier Teile geteilt, aber das Untergewand? Das wird nicht zerteilt. Johannes beschreibt es so überraschend detailliert: Das Gewand war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Es ist ein wertvolles Stück. Es gibt die Vorschrift, dass der Hohepriester ein Gewand ohne Naht zu tragen hatte. Indem Johannes dies so genau beschreibt, dass Jesus genau solch ein Gewand ohne Naht trägt – wird deutlich: Ja, Jesus ist der Hohepriester! Der wahre Hohepriester! Was ist ein Hoherpriester? Im Alten Israel war er der Verbindungsmann zwischen Mensch und Gott. Der, der die Opfer für die Sünden des Volkes vor Gott gebracht hat. Und im Hebräerbrief wird das ganz deutlich: Jesus ist der wahre Hohepriester, der nicht nur Opfer für die Sünden des Volkes darbringt, sondern sich selbst als Opfer gibt – und damit die Verbindung zwischen Gott und Mensch wiederherstellt. Damit ist der Heilsplan erfüllt! Ein Plan von Gott erdacht: Es ist vollbracht!
3) Er hat stets auf uns Acht: Es ist vollbracht!
Noch eine kleine Beobachtung am Rande: Da ist Jesus selber im Sterben – und er sieht seine Mutter Maria, er sieht den Jünger, den er sehr lieb hat, Johannes. Und er kümmert sich darum, dass die beiden in ihrem Schmerz, in ihrer Trauer nicht allein sind. Noch in seiner Todesstunde denkt er an andere hat er auf sie Acht. Das ist eigentlich schon ein Hinweis auf Gemeinde: Jesus hat auf uns Acht und will uns zusammenbringen, dass wir aufeinander achten. Frau, siehe, das ist dein Sohn – Siehe, das ist deine Mutter! So sagt Jesus uns auch: Da, sieh, da ist deine Schwester im Glauben, da ist dein Bruder, deine Mutter, dein Sohn. Jesus macht deutlich: Er hat immer auf uns Acht. Auch in großer Not und im Leiden ist er uns nahe, weil er ja selber so gelitten hat!
Jetzt bei dem Erdbeben in Italien mit diesem unsäglichen Leid von fast dreihundert Toten in L’Aquila, das hat mich doch sehr bewegt, dieses Interview mit einer Überlebenden, die so viel verloren hat. Und da sitzt sie im Schatten des mittelalterlichen Gotteshauses in L'Aquila, das seine Kuppel eingebüßt hat: Marisa Giacomo zwischen Plastiktüten mit geretteten Habseligkeiten: "Ich habe alles verloren, aber ich habe immer noch Gott", sagt sie gefasst. "Es ist wichtig, in diesem Augenblick dass Jesus nahe ist", sagt Pfarrer Mauro Orru. In dem Dorf Onna, wo 40 der 300 Einwohner bei den Beben umkamen, holten Überlebende aus den Ruinen ihrer Häuser – nicht ihre Portemonnaies, ihre Fotoalben, sondern ihre Kruzifixe aus den Wohnstubentrümmern, sobald sie Gelegenheit dazu bekamen. Die Menschen in den Abruzzen sind schwere Zeiten gewohnt. Gläubige wie Marisa Giacomo sehen im Leiden Christi eine tiefere Bedeutung. "Dieses Leben ist nicht leicht. Aber es ist nicht das einzige Leben", sagte sie und meint ihre Hoffnung auf ein Dasein nach dem Tod. Sie weiß, dass sie nicht allein ist im Leid. Sie klammert sich an ihr Kruzifix, an das Kreuz Jesu. Er hat selbst gelitten, und er hat auf sie Acht. Er wird ihr Kraft geben, auch auf die andern zu achten, denen es noch schlechter geht als ihr. Ihn hat sie vor Augen in diesem Elend, wie er am Kreuz gerufen hat: Es ist vollbracht!
Amen.