Fernweh - oder: Von der Kunst, zufrieden zu sein

Gottesdienst am Sonntag, 12. Juli 2009

Thema: Fernweh

- oder: Von der Kunst zufrieden zu sein

Text: Hesekiel 17,1-8

 

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

 

Liebe Gemeinde!

 

„Es war einmal ein Prinz, weit drüben im Märchenlande.“ So erzählt Bertolt Brecht. „Weil der Prinz nur ein Träumer war, liebte er es sehr, auf einer Wiese nahe dem Schlosse zu liegen und träumend in den blauen Himmel zu starren. Denn auf dieser Wiese blühten die Blumen größer und schöner als sonst wo. Und der Prinz träumte von weißen Schlössern mit hohen Spiegelfenstern und leuchtenden Türmen.

Es geschah aber, dass der alte König starb. Nun wurde der Prinz sein Nachfolger. Und der neue König stand nun oft auf den Türmen seines weißen Schlosses mit den hohen Spiegelfenstern. Und er träumte von einer kleinen Wiese, wo die Blumen größer und schöner blühten als sonst wo.”

 

Dies Märchen von Bertolt Brecht erinnert uns daran, dass wir das Glück immer dort vermuten, wo wir nicht sind. Immer das, was andere haben oder woanders ist, wäre das Glück. So sind wir manchmal mehr vom Fehlenden bestimmt als von dem Vorhandenen erfüllt.

 

Da plagt einen das ganze Jahr über das Fernweh, man schaut auf die regennasse Terrasse, träumt vom Urlaub unter Palmen, weit weg vom kalten Deutschland, endlich mal 30°C im Schatten, das wär’s doch. Und dann sitzt er endlich da, irgendwo in Ägypten, bei 30°C im Schatten –  nur leider ist kein Schatten da! Die Sonnenschirme alle belegt – und dann träumt er von einem erfrischenden Regenschauer; wie entspannend wär’s doch jetzt im heimischen Garten, zum Frühstück mal wieder echtes gutes deutsches Vollkornbrot. Das wär’s doch!

 

Wir übersehen das Glück, das wir haben, indem wir von dem Glück träumen, das woanders wohnt, das wir gerade nicht haben. Wie können wir zufrieden werden?

Ein recht ungewöhnlicher Predigttext kann uns dabei helfen. Eine Geschichte, die auch den besten Bibelkennern unter Ihnen kaum vertraut sein dürfte. Ein Text aus dem Alten Testament, der uns zunächst ganz fremd und unverständlich erscheinen mag, und doch glaube ich, dass er uns sehr hilfreich sein kann. Hesekiel 17,1-8

 

1 Der Herr sprach zu mir: 2 "Du Menschenkind, gib dem Volk Israel ein Rätsel auf, erzähl ihnen ein Gleichnis! 3 Denn sie sollen erkennen, was ich, der Herr, ihnen zu sagen habe. Erzähl ihnen: Ein großer Adler mit riesigen Flügeln und weiten Schwingen, mit dichtem und buntem Gefieder flog auf den Libanon. Dort riss er den Wipfel einer Zeder ab, 4 brachte den obersten Zweig in ein Land, in dem es viele Kaufleute gab, und dort in eine Händlerstadt. 5 Dann holte er aus der Erde Israels ein Gewächs und pflanzte es in ein gutes, fruchtbares Land, wo viel Wasser war.  6 Aus ihm sollte ein ausgebreiteter, aber niedrig wachsender Weinstock werden. Seine Ranken sollte er dem Adler entgegenstrecken und seine Wurzeln tief in die Erde wachsen lassen. So wurde aus dem kleinen Gewächs ein Weinstock, der kräftige Ranken und immer neue Triebe bildete. 7 Doch dann kam ein anderer großer Adler mit riesigen Flügeln und dichtem Gefieder. Und siehe da: Der Weinstock drehte seine Wurzeln diesem Adler zu und streckte ihm seine Ranken entgegen. Er hoffte, der Adler würde ihm Wasser geben - mehr als das Feld, in das er gepflanzt worden war. 8 Dabei hatte er doch guten Boden und reichlich Wasser. Er hätte Zweige treiben und Früchte tragen können und wäre zu einem prächtigen Weinstock geworden.

 

Merkwürdige Geschichte. Rätsel wird es genannt. Doch es lohnt sich dieses Rätsel zu lösen, mehr als irgendwelche Kreuzworträtsel oder Sudokus.

Also, worum geht’s? Zunächst brauchen wir ein bisschen den geschichtlichen Hintergrund.

Wir schreiben das Jahr 597 vor Christus. Das Königtum Juda, hier im Rätsel mit einer mächtigen Zeder verglichen, von Gott selbst gepflanzt, als er David zum König erwählt hatte, erbebt unter den Soldatenstiefeln und Streitwagen eines übermächtigen Feindes. Babylon schickt sich an, mit seinen Heeren die Welt zu erobern. Gott vergleicht dieses Reich mit einem großen Adler mit riesigen Flügeln. Auch vor Juda und Jerusalem macht der Adler nicht halt: Der Adler reißt der Zeder, dem Königreich Juda, die Spitze ab. Weil man gottlos und hochmütig geworden war. Die Spitze, das war der König selber. Damals Jojachin. Er wird gefangen in die Händlerstadt Babylon geführt. Ein neuer König wird eingesetzt. Das Rätsel sagt dazu: Ein Weinstock wird gepflanzt. Dieser neue König hat den Namen Zedekia. Natürlich war sein Königreich nicht mehr so strahlend wie das frühere, von David. Es war keine stolze Zeder mehr.  Juda war nun klein und schwach. Menschlich gesprochen: ziemlich kümmerlich und trostlos. Und doch: Gott selbst hat Zedekia eingesetzt, an seinen Platz gestellt. Gepflanzt als einen kleinen Weinstock. Wäre er doch nur zufrieden gewesen.

Nun dazu drei Anmerkungen:

1) Das Unglück des Unzufriedenseins

2) Das Glück des Zufriedenseins

3) Er ist unser Friede

 

1) Das Unglück des Unzufriedenseins

Gott hatte Zedekia als kleinen Weinstock eingepflanzt, er war König, wenn auch nicht so bedeutend wie er gerne wäre. Doch nun beginnt die Tragödie: Statt erfüllt und dankbar zu sein für das, was Gott ihm gibt, ist er unzufrieden und strebt nach Höherem. Unzufriedenheit ist Undankbarkeit. Du bist nicht mehr in der Lage, Gott zu danken für das, was du hast, weil du dich nach dem sehnst, was du nicht hast. Und damit ist Unzufriedenheit sogar Unglaube: Du meinst, Gott will dir etwas vorenthalten, was dir zusteht. Du meinst: Gott meint es nicht gut mit dir. Es wiederholt sich dasselbe böse Spiel wie einst im Garten Eden: Die Schlange, der Teufel flüstert dir ein: „He, Gott will dir diese schöne Frucht verbieten, er gönnt sie dir wohl nicht. Nimm sie dir!“ Und Eva fällt drauf rein: Sie sieht: Hm, lecker… Und sie begehrt, sie greift zu.

Genauso bei Zedekia: Im Rätsel gesprochen: Der Weinstock – Zedekia – sieht auf einmal einen anderen großen Adler, das ist das Reich Ägypten. Und dann hat er Fernweh, Verlangen, das wär’s doch: Ich verbünde mich mit Ägypten und werde dann groß und mächtig! Was Gott mir zugedacht hat, ein kleiner Weinstock, ein kleines Mini-Reich unter der Knute Babylons zu sein, das passt mir nicht. Ich will mehr, will eine mächtige Zeder sein!

Aus der Unzufriedenheit wächst das Verlangen, das Begehren! Aber es ist ein falsches Begehren, nach Ruhm, Ehre, Macht, Größe, Reichtum. David hatte auch Verlangen: Er betet in Psalm 25: Nach dir, Herr, verlangt mich. Oder Ps. 42: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so dürstet meine Seele nach dir, Herr!“

Gott hat auch dich gepflanzt an deinen Ort, in deine Familie, mit deinen Gaben. Jeder anders. Der eine ist vielleicht eine alte knorrige Eiche, unzufrieden dass er keine Äpfel trägt, dabei kann er besonders gut Wind und Wetter trotzen und hat schon manchem Sturm standgehalten. Die andere ist vielleicht ein kleines Gänseblümchen und ganz traurig, dass sie so klein ist – dabei kann sie ein kleines Kind erfreuen und womöglich Teil einer Blumenkranzkrone sein. Was bist du für eine Pflanze? Vielleicht können andere in deinem Schatten sich ausruhen, vielleicht bringst du gute Früchte. Es ist schön, dass wir verschieden sind, wir sollten nicht neidisch sein auf andere, weil andere vielleicht glücklicher erscheinen, erfolgreicher sind, den besseren Ehepartner, die braveren Kinder, das schickere Auto haben, in der Gemeinde beliebter sind, belastbarer wirken, gläubiger erscheinen… Unzufriedenheit und Neid sind Zwillingsgeschwister.

 


2) Das Glück des Zufriedenseins

Zedekia brachte eigentlich genügend Voraussetzungen mit, um zufrieden sein zu können. Er war der Sohn von König Josia, das war ein wirklich gläubiger Mensch, der seinen Kindern sicher viel vom Glauben an den lebendigen Gott weitergegeben hat. Zedkia – sein Name heißt: Der Herr ist meine Gerechtigkeit. Er war ans Wasser gepflanzt auf guten Boden. Dabei hatte er doch guten Boden und reichlich Wasser. Er hätte Zweige treiben und Früchte tragen können und wäre zu einem prächtigen Weinstock geworden.

So auch wir! Unser Wasser, unsere Quelle ist Jesus Christus. Der sagt ja: Wen da dürstet, der komme zu mir. Ich gebe das Wasser des ewigen Lebens. Wenn du Sehnsucht hast, dann komme zu mir. Ich gebe dir erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche. Auch guten Boden haben wir: Das Wort Gottes, die Gemeinde, wo wir Wurzeln schlagen können und Nahrung aufnehmen für unsern Glauben. Auch wir können Früchte tragen und ein prächtiger Weinstock werden, wenn wir ganz an Jesus bleiben. Er sagt: „Ich bin der wahre Weinstock. Bleibt in mir und ich in euch, dann bringt ihr viel Frucht.“

Und wenn wir das neu begreifen, dann sehen wir auf einmal all das Gute, was Gott uns geschenkt hat. Dann werden wir dankbar. „Lobe, den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Damit ist das Geheimnis der Zufriedenheit deutlich: Zufriedenheit kommt aus der Dankbarkeit. Merken Sie sich für heute zumindest einen Satz, nämlich diesen: „Zufriedenheit ist nicht: zu bekommen, was man will. Zufriedenheit ist zu wollen, was man hat.“

Ein Mann besaß ein schönes Grundstück mit einem hübschen, wohnlichen Haus darauf. Aber er träumte von einem noch besseren Haus. Schließlich wurde er so unzufrieden, dass er beschloss, sein Anwesen zu verkaufen und sich nach seinem Traumhaus umzusehen. Mit dem Verkauf beauftragte er einen Makler. Nun machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten neuen Haus. Eines Tages entdeckte er in der Zeitung ein wunderbares Angebot. Alle Angaben entsprachen seinen Vorstellungen. Als er die näheren Unterlagen anforderte, musste er mit Verwunderung feststellen, dass es sich um sein eigenes Grundstück handelte.

Es ist schön, Träume zu haben und Fernweh. Es ist schön sich auf Urlaubsreisen zu freuen, und auch ich freue mich schon sehr auf unseren Urlaub, nach der Jugendfreizeit. Aber lernen wir es, auch im Alltag zufrieden zu sein mit de, was Gott uns schenkt.

 

3) Er ist unser Friede

In dem Wörtchen Zufriedenheit steckt ja das Wort FRIEDE. Zedekia hat für sich keinen Frieden gefunden. Seine Unzufriedenheit musste er teuer bezahlen, als die Babylonier ihn gefangen wegführten. Doch wenn wir das Kapitel weiterlesen kommt am Ende noch eine erstaunliche Verheißung.

 

22 Aber nun verkünde ich, der Herr: Ich selbst werde einen zarten Zweig aus dem Wipfel einer hohen Zeder brechen und ihn auf einem hohen Berg einpflanzen. 23  Dort treibt er neue Zweige, trägt Früchte und wird zu einer großen Zeder. Vögel aller Art werden in seinen Zweigen wohnen und dort Schatten finden.

 

Gott pflanzt einen neuen Baum, einen neuen König. Dies ist eine Weissagung auf Jesus Christus. Und in ihm werden alle Frieden finden. Frieden für von Sehnsucht geplagte Seelen. Er ist unser Friede – so sagt es Paulus. Er wird abwischen alle Tränen. Kein Leid wird mehr sein, kein Schmerz, kein Geschrei. Sondern wir werden ewigen Frieden haben. Und damit tiefste Zufriedenheit. Für immer.

 

Amen.