Jubel, Trubel, Einsamkeit

Gottesdienst am Palmsonntag, 5. April 2009
Thema: „Jubel, Trubel, … Einsamkeit!“

Text: Johannes 12,12-19

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

Liebe Gemeinde!

Fußballtrainer zu sein ist wohl einer der schwierigsten Jobs der Welt. Gestern – so habe ich gelesen – saß er da, der liebe Klinsi, bei der Pressekonferenz und hatte beinahe Tränen in den Augen. „1:5-Klatsche. Wölfe zerfleischen Klinsmann“, so lauten die Schlagzeilen nach der 1:5-Niederlage der Bayern gegen Wolfsburg. Vielleicht hat sich Klinsi an die Zeiten erinnert, wo ihm ganz Deutschland zu Füßen lag. Wo er bejubelt und beinahe vergöttert wurde. Wie schnell wendet sich die Gunst des Publikums. Statt Jubelrufen gibt es Pfeifkonzert. Noch bleibt er.
Doch wie viele Trainer haben diese Erfahrung schon gemacht: Erst gefeiert – dann gefeuert. Jubel, Trubel, …Einsamkeit.
Liebe Gemeinde, ich glaube, das geht nicht nur Trainern so. Auch jeder normale Mensch kann diese Erfahrung machen: So lange alles glatt läuft, solange du Erfolg hast, da hast du Freunde, da hast du Fans. Aber wehe, du machst mal einen schweren Fehler, es geht etwas schief, du verlierst deine Attraktivität. Dann kann man sich schnell einsam fühlen.
Jesus – er macht auch diese Erfahrung. Innerhalb von kürzester Zeit, von wenigen Tagen nur erlebt er, wie ihm Massen zujubeln und kurz darauf andere schreien: „Kreuzige ihn!“. Begleiten wir Jesus heute ein Stück auf diesem Weg.
Ich möchte einmal drei Beobachtungen dabei herausgreifen, die für unser Leben und für unseren Glauben sehr wichtig sein können. Die erste etwas ausführlicher, die andern beiden dann recht kurz.

1) Jubeln statt jammern
12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

Das ist schon bemerkenswert. Nur wenige Verse vorher spricht Jesus noch davon, dass er sterben muss, er redet von seinem Begräbnis und lässt es geschehen, dass er in Bethanien von einer Frau mit kostbarem Salböl gesalbt wird. Auch seine Jünger wissen: Die letzte Wegstrecke nach Jerusalem wird steil und schwer – nicht nur weil Jerusalem hoch in den Bergen liegt (900m hoch), sondern weil es für Jesus der Weg in den Tod sein wird. Zumindest hatte Jesus dies mehr als einmal angekündigt.
Da wäre einem wirklich eher nach Jammern zumute. Und was passiert? Massen von Menschen, viele davon sind Auswärtige, die zum Passahfest nach Jerusalem gepilgert waren, fangen plötzlich an, Jesus zuzujubeln. Tosender Beifall brandet ihm entgegen. Viele sind auch Bewohner der ärmlichen Vororte Jerusalems aus dem Kidrontal. Auch die Jünger machen mit, wie wir aus den anderen Evangelien wissen. – Und das Erstaunliche: Jesus lässt sie gewähren! Er lässt dem Jubel freien Lauf. Und als wenig später ein paar Hohepriester und Schriftgelehrte – die Hüter von Tradition, die Wächter von Recht und Ordnung wieder mal mosern und meckern: Das geht doch nicht! Wie ist das würdelos, wie die da rumkreischen! Kannste doch nicht dulden! So was gabs doch noch nie! Das stört doch die feierliche Atmosphäre in dieser Gottesstadt…, da sagt Jesus: „Lasst sie jubeln! Wenn sie es nicht täten, würden es die Steine tun!“
Offensichtlich gibt es Grund zum Jubel – obwohl eigentlich ein viel größerer Grund zum Jammern und Klagen da wäre. Wir wollen dem nachspüren.
Zunächst mal ist da von „der großen Menge“ die Rede. Es ist nicht oft, dass Jesus der „großen Menge“ so positiv begegnet. Meist sondert er sich ab, meist ist er skeptisch, wenn die Massen sich versammeln. Er redet von der engen Pforte, vom schmalen Weg – der zur Seligkeit führt. Und wenige sind’s, die darauf gehen! Doch hier ist es anders. Er freut sich, dass sie sich freuen. Und dass es so viele sind. Und das geht uns doch genauso. Es könnte einen ja wirklich frustrieren, wenn man sich überlegt: Wie wenig Menschen glauben eigentlich noch Jesus Christus. Als wir ein Thema für unseren letzten Jugendgottesdienst suchten, sagte ein Mädchen: „Die meisten meinen doch, es ist verrückt, wirklich echt an Jesus zu glauben.“ Wer macht das heute schon? Na klar, so’n bisschen religiös sein, das ist was anderes. Parzany würde sagen: So’n bisschen religiöse Soße auf’s Leben. Das wollen viele. Aber wirklich seine ganze Existenz auf den Glauben an Jesus Christus gründen. Da steht man alleine da. Da halten einen die Leute für verrückt. Und so wurde der Titel: „Bist du verrückt?“ Und da tut es so gut zu sehen: Nein, wir sind eben nicht alleine. Viele folgen diesem Jesus nach durch die Jahrhunderte, durch alle Länder dieser Erde. Auch bei uns. Das ist ein Grund zu jubeln. Was für eine tolle Sache, dieses ProChrist! an 1300 Veranstaltungsorten kommen Christen zusammen und laden andere ein. Wenn die Woche heute Abend zu Ende geht, werden über 1 Million Besucher die Abende verfolgt haben! Das ist wirklich ein Grund zum Jubel! Und wie damals gibt es auch heute die Meckerer. Die Linke greift dieses große Glaubensfest an, ein paar Medien lästern rum. Und ein paar evangelische Pfarrer finden wieder Haare in der Suppe. Na und? Wir freuen uns. So wie sich damals die große Menge gefreut hat und Jesus zugejubelt hat. Wir brauchen das von Zeit zu Zeit zu sehen: Wir sind nicht allein. Viele andere gehen diesen Weg mit. Deswegen ist es auch so wichtig, dass viele zum Gottesdienst kommen. Um uns gegenseitig zu stärken und zu stützen. Und wenn du mal einen Sonntag keine Lust hast, du denkst: Ach, das gibt mir heute nichts. Dann geh trotzdem: Die andern brauchen dich. Dein Platz darf nicht leer bleiben. Wir gehören zusammen. Das wird umso wichtiger sein, wenn wir ins riesige Zelt umziehen.
Aber es gibt noch mehr Grund zum Jubeln als nur die Tatsache einer großen Menge. Sonst könnte man uns ja schnell vorwerfen: Ach, euer Glaube lebt ja nur von Events. Das wäre in der Tat zu wenig.
Lesen wir: Sie nahmen Palmzweige. Das schreibt nur Johannes, der tiefsinnige. Die andern Evangelien sagen: Sie hieben Zweige von den Bäumen ab. Johannes sagt extra: Sie nahmen Palmzweige. Nun, man muss wissen: In Jerusalem wachsen gar keine Palmen. Zu hoch gelegen. Alle Palmen, die da heute sind, sind künstlich angepflanzt. Na so was. Aber woher kommen dann die Palmenzweige, die Johannes hier so betont, die ja unserm Sonntag den Namen gegeben haben? Es gibt nur einen Anlass, ein Festritual, wofür man Palmenzweige brauchte: Das war beim Laubhüttenfest. Da wurden Palmenzweige von tief unten aus dem Jordantal, aus der Palmenstadt Jericho herauf  nach Jerusalem transportiert. Nur – das Fest war ein halbes Jahr vorher gewesen. Und jetzt kramt man die alten Palmwedel hervor? Warum das denn? Das Laubhüttenfest war das Fest zur Erinnerung an die Wüstenwanderung des Volkes Israel. Die Erinnerung daran, dass das Volk im Leiden, in der Wüstenzeit nicht allein war. Das Gott mitgegangen ist. Und die Palmwedel drücken dabei Freude in allem Leide aus. Deshalb galten die Palmen auch als Zeichen des Messias. Gott schickt uns einen Retter! Der uns durch alles Leid, durch alle Trauer und Bedrängnis und Einsamkeit hindurchhilft. Und die Leute spüren: Dieser Jesus hier, das ist er! Das ist der tiefste Grund zum Jubel. Die Leute ahnen: Hier kommt der Messias! Der Retter!
Ja, die Leute, die da jubeln, das waren nicht die auf der Sonnenseite des Lebens. Das waren nicht die hohen Herren aus Jerusalem. Das sind die aus den Armenvierteln. Der eine Ortsteil, heute das Dorf Silvan, aus dem die Leute kamen, war Müllkippe und Begräbnisort der Stadt! Da wollte niemand gerne wohnen. Und die merken: Jesus kommt für uns! Und deshalb rufen sie: Hosianna! Das heißt auf Deutsch: Herr, hilf doch! Also der Jubel ist nicht abgehoben und schwebt auf der Wolke 7 einer Heilen-Welt-Stimmung, sondern es ist ein Jubel trotz Not und Elend. Vielleicht ist Ihnen heute Morgen gar nicht zum Jubeln zumute. Sie sind voll Trauer, weil Sie einen lieben Menschen verloren haben. Was gibt da Trost? Wer gibt Trost? Die Leute damals merken: Nur Jesus kann es sein.
Warum? Weil er kommt im Namen des Herrn: Das muss ich übersetzen: „im Namen“ – das heißt: in der Vollmacht, in der Autorität, anstelle von… und „des Herrn“: das heißt: Gottes. Also an Gottes Stelle, in der Autorität Gottes kommt er. Das ist der Grund, warum wir so viel von Jesus reden. Weil in ihm Gott zu uns kommt. Deshalb ist er König! Das heißt: der, der alles in der Hand hat. Der die Macht hat. Wenn du ihn hast, dann brauchst du dir um die Zukunft keine Sorgen zu machen. „Fürchte dich nicht!“, heißt es hier. Du kannst mit dem früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, einem gläubigen Christen, sagen: „Die Herren dieser Welt gehen – unser Herr kommt!“ Das ist der Grund für den Jubel. „In dir ist Freude in allem Leide“ haben wir gesungen. „Wir jubilieren und triumphieren“ – auch angesichts des Todes, wenn wir wissen, dass Jesus den Tod überwunden hat und wir mit ihm das Ewige Leben haben. Als Zeichen hierfür hat Jesus kurz vorher den Lazarus vom Tod auferweckt. Ja, die Leute merken: Dieser hier ist stärker als der Tod. Deshalb ist der Jubel des Palmsonntags mitten in der Passionszeit. Jubeln statt jammern.
Nun noch zwei kurze Beobachtungen am Ende:

2) Esel statt Ehrenkutsche
14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht;

Tja, da kann man die Jünger verstehen. Sie begreifen nicht, dass Jesus da auf einem jungen Esel einreitet.
Was für’n peinlicher Auftritt für einen König! Für den König der Welt. Ein junger Esel! Das heißt, da berühren die Füße Jesu noch den Boden. Nicht „Hoch zu Ross“ also kommt er herein. Nicht in einer Ehrenkutsche. Sondern er behält Bodenhaftung. Und das macht nachdenklich. Diese Jubelerlebnisse – so wichtig sie sind, sie sind nicht der Kern unseres Glaubens. Wir wissen, dass das Leben, auch das Leben als Christ kein Spaziergang ist. Manche Entbehrung gehört dazu, auch Leiden, Enttäuschungen und unerfüllte Wünsche. Der Esel ist das genaue Gegensymbol zum Stolz königlicher Rosse. Ein Zeichen von Demut. Jesus wählt bewusst den Esel, weil er damit in Erfüllung bringt, was der Prophet Sacharja hunderte Jahre vorher angekündigt hat: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, und reitet auf einem Eselsfüllen.“ Lesen Sie mal nach in Sacharja 9. Im nächsten Vers heißt es: Gott spricht: „Ich will wegtun die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden.“ Dieser König ist kein Kriegskönig, sondern ein Friedenskönig. Und wir? Lasst uns Demut und Bodenhaftung lernen. Es gibt einen schwärmerischen Glauben, der abhebt, der nur noch im Lobpreis und im Hochgefühl aufgeht, der überhaupt ganz auf die Gefühle baut. Der trägt nicht, wenn Leiden kommen. Jesus zeigt uns: Unten bleiben. „Esel statt Ehrenkutsche“.
Und schließlich noch ein Schlussgedanke.

3) Nachfolger statt Nachläufer
19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

„Alle Welt läuft ihm nach.“ Ja, das sah in diesem Moment tatsächlich so aus. Aber Jesus braucht keine Nachläufer oder Mitläufer. Er braucht Nachfolger, die nicht nur im Jubeln bei ihm sind, bei ProCHrist oder beim Kirchentag. Sondern die ihr ganzes Leben mit ihm gehen – und das kann manchmal ganz schön einsam sein. Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich. Aber weil Jesus sein Kreuz auf sich genommen hat, hilft er uns dabei auch die Lasten zu tragen, die uns aufgelegt sind. Das gibt Mut für die Nachfolge. Er ist immer bei uns. In Jubel, Trubel und auch in Einsamkeit.

Amen