Nicht von dieser Welt
Gottesdienst am 01. Februar 2009
Nicht von dieser Welt
Text: Matth. 17, 1–9
Predigt
Liebe Gemeinde!
Lieber Jan, liebe Monika, gratuliere! Das gelingt nicht vielen, sich für die Taufe seines Kindes einen Sonntag herauszusuchen, wo der Name des Täuflings im Predigttext vorkommt. Elias oder Elia – ja, der taucht heute auf. Zusammen mit Mose. Und die beiden unterhalten sich mit Jesus. Ein merkwürdiges Gipfeltreffen dieser drei so wichtigen Personen der Bibel.
Wenn man bedenkt, dass zwischen Mose und Elia über 500 Jahre und zwischen Elia und Jesus rund 850 Jahre lagen – dann ist dies umso erstaunlicher. Ein Gipfeltreffen der besonderen Art. Irgendwie nicht von dieser Welt. Wir hören den Predigttext aus Matthäus 17:
Die Verklärung Jesu
1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. 4 Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! 6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. 9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.
1) Raus aus dieser Welt!
1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.
„Nach sechs Tagen.“ So beginnt diese Geschichte. Ein seltsamer Beginn, liest man im Kapitel vorher, weiß man gar nicht so ganz genau, was diese Zeitangabe zu bedeuten hat. Man weiß gar nicht, was sechs Tage zuvor war. Und doch betont es Matthäus so. Die Menschen seiner Zeit kannten die Bibel, sprich für sie damals das Alte Testament, noch gut. Aber auch bei uns klingeln vielleicht die Ohren, wenn wir hören „nach sechs Tagen“. Das ist doch eine Erinnerung an die Schöpfungsgeschichte. Und in den zehn Geboten heißt es:
„Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun, aber am 7. Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun. Denn in sechs Tagen hat der Himmel und Erde gemacht und ruhte am 7. Tage.“ (2. Mose 20,9.11)
. Ob unsere Geschichte damit was zu tun hat? Nach sechs Tagen nahm Jesus die drei Jünger mit sich und führte sie allein auf einen hohen Berg. Er nimmt sie raus aus dem Alltagstrubel. Raus aus dieser Welt an einen einsamen Ort… So wie der Sonntag uns rausführt aus der Welt des Alltags in die Begegnung mit Gott, in die Stille.
Das fällt mir auf in den Evangelien: Ganz oft heißt es von Jesus: Er zog sich zurück an einen einsamen Ort. Kurz zuvor etwa (Mt. 15):
„Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten.“ (Mt. 15,23).
Oder Markus 1, schon ganz am Beginn seines öffentlichen Wirkens, wo Jesus unglaublich viel Zulauf hatte, wo er viele Kranke heilte und die Bude voll war, Petrus zu ihm rannte und sagte: „Jedermann sucht dich“, da heißt es: „Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete.“
Er ging hinaus… Raus aus dem Trubel des Alltags, ja selbst dann, als es gut lief, als der Erfolg da war, und man gedacht hätte: Jetzt kann ich mir das nicht leisten innezuhalten: Jetzt sind so viel Leute da, die Gelegenheit kommt nie wieder. Doch genau dann steigt Jesus immer wieder aus. Raus aus dieser Welt, die uns sonst gnadenlos kaputt macht. Ich glaube, wir brauchen das. Sonst rennen wir uns im Hamsterrad von Beruf und Alltagsstress tot. Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit, mich mit einem Herzchirurgen zu unterhalten. Und da fand ich erstaunlich: Obwohl er, der erfolgreiche Professor schon mit Tausenden von Herzinfarkten zu tun hatte, obwohl er genau weiß, dass Stress ein wichtiger Auslöser ist, sagte er: „Wissen Sie, ich schaff das einfach nicht: weniger zu arbeiten, oder mehr Schlaf zu finden. Es klappt einfach nicht. Ich hab’s probiert. Keine Chance.“ Ich kenne das Gefühl gut. Ich bin da nicht besser. Man nimmt es sich immer vor, mehr zur Stille zu kommen. Einfach mal raus aus dieser Welt, weg von Hektik und Hetze, von Sorgen und Stress, von Arbeit und Aktion. Ich will dies von Jesus neu lernen. Wenn er, der wusste, dass er nicht alt wird, der den wichtigsten Auftrag der Welt hatte, es sich leisten konnte, immer wieder raus zu gehen aus dieser Welt, dann sollte das für uns auch möglich sein.
Martin Luther sagt einmal: „Ich habe heute viel zu arbeiten, darum habe ich heute keine Zeit fürs Gebet.“ Nein, so sagt er gerade nicht, sondern: „ich habe heute viel zu arbeiten, darum muss ich heute viel beten.“
Ich glaube, allein kommen wir da nicht so leicht raus aus dem Getriebe dieser Welt. Aber es heißt hier: Jesus nahm sie mit sich. Lassen wir uns doch mitnehmen von Jesus. Raus aus dieser Welt! Immer wieder nach sechs Tagen: Am Sonntag im Gottesdienst. Aber auch an jedem Tag, vielleicht immer mal so nach sechs Stunden… Einfach mal raus! Einen Moment Innehalten, ein Gebet. Ruhe und Kraft schöpfen bei Gott.
2) Besuch aus einer andern Welt
Und nun passieren einige faszinierende Dinge. Ein Gipfelerlebnis, eine glaubensstärkende Begegnung mit Gott für Jesus selbst, für die Jünger, auch für uns. Eine Begegnung – nicht von dieser Welt. Eine Begegnung, nach der wir uns sicher manchmal sehnen: Gott so intensiv, so strahlend zu erleben, dass sich jeder Zweifel erübrigt. Doch zunächst fallen noch drei Dinge auf: Wenn es heißt: Jesus nahm sie mit sich, er führte sie, dann ist für mich ganz klar: Um Gott zu begegnen, brauchen wir Jesus, muss er uns führen. Einfach nur aussteigen aus dieser Welt, das haben die Hippies und Aussteiger gemacht und manchem Ausstieg folgte der Abstieg… Und es reicht auch nicht, einfach Stilleübungen, Yoga oder Qi-Gong zu machen, das ist überhaupt nicht gemeint. Sondern es geht um die Begegnung mit Gott, die es nicht ohne Jesus Christus gibt. Dann fällt auf, dass Jesus drei Jünger mitnimmt, Petrus, Jakobus, Johannes. Dies ist ganz wichtig: Nach dem altisraelitischen Zeugenrecht, war eine Aussage nur dann wahr und gültig, wenn sie aus dem Munde von zwei oder drei Zeugen bestätigt wird. Drei Zeugen konnten nach Jesu Auferstehung dieses Geschehen bestätigen und beglaubigen. Hier war nicht fromme Fantasie oder Ekstase im Spiel oder Halluzination, sondern tatsächlich ein kurzer Einblick hinter den Vorhang in Gottes Herrlichkeitswelt. Ein Besuch aus einer andern Welt. Und schließlich: er führte sie auf einen hohen Berg. Das war ein steiler Weg, auch anstrengend. Vermutlich der über 2000 m hohe Berg Hermon im Norden Israels. Liebe Gemeinde, der Weg mit Jesus ist kein Spaziergang. Das müssen wir uns auch als Gemeinde immer wieder klarmachen. So sehr wir darauf achten, dass sich Menschen bei uns wohlfühlen, in den Gottesdiensten und Veranstaltungen, aber Nachfolge Jesu ist kein Wohlfühlleben. Der Glaube macht nicht nur Spaß, ist unterhaltsam und locker. Nein, Glaube kostet auch: Anstrengung, Mühe, manchmal Einsamkeit – eben wie ein steiler Berganstieg. Aber dafür eine wunderbare Aussicht. Oben angekommen werden die Jünger für alle Mühen reichlich entlohnt. Jesus wurde verklärt, das heißt: verwandelt, verherrlicht. Jesus – wahrer Mensch und wahrer Gott – hier nun wird dies ganz deutlich: Jesus ist Gottes Sohn, in ihm spiegelt sich Gottes Herrlichkeit und Reinheit wider. Sein Angesichtet leuchtet wie die Sonne – das bestätigt seine Aussage: Ich bin das Licht der Welt. In Gottes neuer Welt wird es übrigens keine Sonne geben nach der Johannesoffenbarung – Warum? Weil Jesus selbst das Licht sein wird. Und denken wir an die Schöpfungsgeschichte. Es heißt am Anfang: Gott sprach: Es werde Licht! Aber erst am 4. Schöpfungstag werden Sonne, Mond und Sterne geschaffen! Woher kommt vorher das Licht? Die Antwort ist hier: Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne! Eine überwältigende Herrlichkeit. Und Reinheit. Seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Weiße Kleider sind in der Bibel immer ein Bild für Reinheit. Hier wird deutlich: Jesus hat das, was kein Mensch hat: vollkommene Reinheit – keine Sünde. Nur darum konnte er uns erlösen. Nur wer selber keine Schulden hat, kann für andere die Schulden bezahlen. So ist das normalerweise (auch wenn die Bundesregierung sich an diesen Grundsatz nicht unbedingt hält). Weil Jesus ohne Sünde und strahlend rein ist, deshalb kann er auch uns rein machen, uns vergeben alle schlechten und schmutzigen Gedanken und Taten. Die Jünger durften Jesus in seiner Herrlichkeit sehen – warum? Damit sie selber gestärkt werden und erfahren was ihnen und uns verheißen ist. Auch wir werden – so sagt es Paulus in 2. Kor. 3 – verherrlicht werden in Gottes Ewigkeit. Auch wir werden angetan werden mit weißen Kleidern, das heißt: trotz all unserer Sünden makellos vor Gott erscheinen, weil Christus uns vergeben hat, uns reingewaschen hat:
„Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit werd ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn.“
Und dann kommen Mose und Elia hinzu. Sie reden mit Jesus. Mose und Elia stehen als Zusammenfassung des ganzen Alten Testaments. Mose für das Gesetz, die Thora, und Elia für die Propheten. Hier wird klar: Das AT hat ein geheimes Thema: Auf Christus hinweisen! Jesus ist die Erfüllung von Gesetz und Propheten. Und deswegen sollen wir auf ihn hören. So sagt Gott selber es: „Dies ist mein lieber Sohn, auf den sollt ihr hören!“ Die Stimme Jesu heraushören aus den vielen Stimmen dieser Zeit, das ist das Entscheidende.
Nun noch kurz das dritte:
3) Nicht von der Welt, doch in der Welt
Die Jünger würden dieses Erlebnis am liebsten konservieren, festhalten. Augenblick, verweile doch, du bist so schön! Lass uns Hütten bauen, sagt Petrus. Kennen wir das? Da hat man ein besonders schönes, tiefgreifendes Erlebnis im Glauben – und das möchten wir festhalten. Ich denke da, an so manche Jugendfreizeit als Jugendlicher, wo ich gar nicht mehr nach Hause wollte. Ich hatte Gott so nahe gespürt und die Gemeinschaft genossen, dass ich gar nicht wieder in den Alltag zurück wollte. Doch Jesus sagt: So geht das nicht. Wir sind noch nicht im Himmel. Wir sind noch in der Welt, wenn auch nicht von der Welt. Auch wenn er uns von Zeit zu Zeit besondere, glaubensstärkende Erlebnisse schenken mag: Er schickt uns doch immer wieder zurück von den geistlichen Höhenflügen und Gipfelerlebnissen zurück in den Alltag, zurück in die Welt. Denn hier ist unser Auftrag, hier werden wir gebraucht. Genauso auch damals. Es ging mit den 3 Jüngern wieder zurück ins Tal. Und zwar ins finstere Tal voller menschlicher Not und Krankheit und Leid. Wenn wir weiterlesen, erfahren wir, dass sie nun einem epileptisch kranken Jungen und seinem verzweifelten Vater begegnen. Die anderen Jünger standen hilflos daneben und konnten nicht helfen. Wie gut, dass Jesus und die drei nicht oben geblieben sind, sondern wieder heruntergekommen sind, um zu helfen, um anzupacken wo Not ist, um zu beten und das Evangelium vom Reich Gottes in Wort und Tat zu verkünden. Der Junge konnte geheilt werden. Beides gehört zusammen: Das Gipfelerlebnis, nicht von dieser Welt. Aber auch die Erfahrung: Wir sind noch mitten in dieser Welt.
Das letzte Werk des italienischen Malers Raffael ist eine Komposition genau dieser beiden Geschichten. Das Bild zeigt in der unteren Hälfte den Vater mit seinem epileptischen Sohn, wie er die Jünger Jesu um Hilfe anfleht. Die obere Hälfte vermittelt die Verklärung Jesu auf dem Berg: Elia und Moses stehen an seiner Seite. Für Raffael gehören die beiden 'Bilder' zusammen: Das endlose Leid der Welt und die Herrlichkeit des Christus mit dem offenen Himmel.
Leider hat man im Laufe der Zeit diese beiden Tatsachen getrennt. In dem Museum in Rom, wo das Bild Raffaels hängt, kann man ein Andachtsbild erweben, leider ist nur die obere Hälfte wiedergegeben. Der amerikanische Epilepsieforscher W. Lennox hat das gleiche Bild seinem großen Werk über Epilepsie vorangestellt, aber nur die untere Hälfte! Wollen wir doch beides zusammenhalten. Gott begegnet uns immer wieder in seiner Herrlichkeit – nicht von dieser Welt! Und doch ist unser Platz noch in der Welt.
Amen.