Noch ganz bei Trost
Gottesdienst am Sonntag, 22. November 2009
Ewigkeitssonntag
Thema: Noch ganz bei Trost…
Text: Offenbarung 21,1-7
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Sind Sie denn noch ganz bei Trost? So sagen wir, wenn wir jemanden beinahe für verrückt erklären wollen, liebe Gemeinde.
Ist es nicht tatsächlich verrückt, in einer Welt voller Leid und Traurigkeiten, in einer Welt, in der wir dem Tod oft wehrlos, machtlos, hilflos, trostlos ausgeliefert erscheinen, noch ganz bei Trost zu sein?
Heute möchte ich aus der Frage: Sind Sie denn noch ganz bei Trost? einen mutmachenden Zuspruch machen: Ja, wir sind noch ganz bei Trost!
Warum? Was gibt uns und besonders Ihnen, den Angehörigen der Verstorbenen des letzten Kirchenjahres, die Sie voller Trauer sind, noch Trost?
Es ist das ewige Wort Gottes. Ewig gültig und gütig, kraftvoll kraftgebend, heilig und heilend, lebendig und lebensschaffend, das uns Trost gibt – wie es seit 2000 Jahren Menschen getröstet hat. Der Predigttext für heute ist aufgeschrieben in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 21. Es sind genau 7 Verse, die Verse 1-7. Nachher entzünden wir zum Gedenken an die Verstorbenen des letzten Kirchenjahres jeweils eine Kerze. Was gibt uns denn dabei Trost? Es sind die sieben Trostsätze der Bibel, die wir heute miteinander bedenken. Und darum möchte ich auch für diese 7 Sätze eine Kerze entzünden auf so einem 7-armigen Israel-Leuchter.
1) Alles vergeht
Offenbarung 21,1:
1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Alles vergeht. Ist das ein Trostwort? Im ersten Moment macht uns das Angst. Himmel und Erde werden vergehen, sagt schon Jesus. Das klingt nicht nach Trost, sondern nach Weltuntergangsstimmung. Hier habe ich 2 Eintrittskarten für den Weltuntergang. Ja, Christiane und ich waren live dabei. Seit langem haben wir vor kurzem mal wieder einen Kinoabend gegönnt. „2012“ hieß der Film und der Inhalt war nicht weniger als der Untergang der Welt. Vom Hollywood-Regisseur Roland Emmerich, dem „Master of Desaster“ beeindruckend in Szene gesetzt. Wie gut, wenn man da nur Zuschauer ist! In gepolsterten Sesseln. Und nach 3 Stunden ist das Ende der Welt wieder zuende. Und man kommt zurück in seine gewohnte Welt. Gottes Wort sagt uns: Ja, diese Welt wird tatsächlich einmal untergehen, vergehen. Alles vergeht. Ein Trostwort? Ja, denn damit vergeht auch alles, was uns in dieser Welt zu schaffen macht. Alle Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit, alle Gier und Gewalt, Krankheit und Krieg, Terror und Tyrannen. Alles, was wir Menschen bei allem von uns geforderten notwendigen Einsatz für unsere Welt niemals besiegen werden. Das vergeht. Und das ist ein Trost! Denn dieses Ende ist nicht das Ende!
Alles vergeht… Auch beim Tod eines lieben Angehörigen ist es so, als ob eine Welt für uns zusammenbricht. Und wir spüren die Vergänglichkeit von allem, was uns lieb und wert ist. Alles vergeht. Dies allein wäre als Trost nicht hinreichend.
2) Neues entsteht
2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Was für ein wunderbares Bild begegnet uns hier: Das Bild eines Hochzeitsfestes. Das neue Jerusalem wie eine geschmückte Braut. Zunächst klingt das merkwürdig und fremd. Das ist ein Bild für den Himmel! Der Himmel eine Stadt? Und dann noch Jerusalem! Eine Stadt die für die Menschen seit 3000 Jahren Zankapfel ist und Anlass für unzählige Kriege. Doch hier ist von einem neuen Jerusalem die Rede. Jerusalem heißt von der Wortbedeutung her: „Stadt des Friedens“ – Der Himmel – das ist der Ort, wo endlich Frieden herrscht. Zwischen den Menschen, aber auch in unserer Seele. Dies macht uns Mut, schon jetzt dem Frieden nachzujagen! Und wem es bei aller Trauer, bei allem Schmerz noch zu schwer ist, schon Frieden für seine Seele zu finden, der darf hoffen und wissen: Ja, es gibt einen Ort des Friedens. Ruhe in Frieden! – Das ist keine leere Friedhofsphrase, sondern eine Beschreibung für den Himmel. Und Freude dazu. Deshalb das Hochzeitsfest. Das schönste Fest in einem Leben, das Fest für die Liebe zwischen zwei Menschen. Ganz oft wird in der Bibel eine Hochzeit, die Liebe zwischen Mann und Frau als Gleichnis genommen für die Beziehung zwischen Gott und uns. Im Lied „Jesu, meine Freude“ heißt es von Jesus: „Gottes Lamm, mein Bräutigam“. Ja, in der Tat, so ist das mit dem Glauben: Die tiefste Liebesbeziehung, das ist Glaube! Das Wort Trost hängt übrigens sprachgeschichtlich ganz eng mit Trauung und Vertrauen zusammen. Trost ist verwandt mit dem englischen trust = vertrauen. Das braucht es für eine Hochzeit. Und das ist Glaube: Gott vertrauen. Er liebt mich noch mehr als der liebste Mensch. Dies Vertrauen führt zum Trost. Und das kann – so hoffe ich – ein echter Trost sein, wenn etwa der eigene Ehepartner verstorben ist. Du bist dennoch nicht allein, Gott ist bei dir, Jesus ist da, der dich liebt! Und was in diesem Leben manchmal so schwer ist, so unsichtbar, so unbegreiflich, das wird einmal sichtbar und greifbar sein.
3) Gott mit uns geht
3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
Es ist ja schon merkwürdig, wie hier der Himmel beschrieben wird. Normalerweise wünschen wir uns ja, dass wir einmal in den Himmel kommen. Doch hier ist es genau umgekehrt: Der Himmel kommt zu uns. Der Himmel kommt herab. Das bedeutet die Trennung zwischen Himmel und Erde, unsichtbarer und sichtbarer Welt, zwischen Gott und Mensch ist dann aufgehoben! Gott wird dann mitten unter uns wohnen und mit uns gehen. Komisch: Die „Hütte“ Gottes bei den Menschen. Als Kind habe ich bei „Himmel“ eher an einen goldenen Palast als an eine „Hütte“. Im Griechischen steht da „Zelt“, noch weniger als eine Hütte! Aber es erinnert an das Zelt, das einst das Volk Israel bei der Wüstenwanderung begleitet hat. Und das bedeutet: Gott mit uns geht! Das ist Himmel, dass Gott immer mit uns geht, alle unsere Wege! Und da merken wir: Dieser Himmel kann jetzt schon anfangen. „Gott mit uns“ – auf Hebräisch Immanuel, ein anderer Name für Jesus. Durch Jesus geht Gott mit, auch auf den Wegen der Trauer und des Schmerzes.
4) Das Leid ist besiegt.
4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Ich gebe zu: Einer meiner Lieblingsverse der Bibel. Die Konfis lernen den gerade auswendig. Es ist so ein tiefer Trost darin. So viele Tränen werden noch geweint. Und das ist so wichtig, dass wir das zulassen. Dass wir nicht vorschnell unsere Trauer ersticken. Weinen gehört zu diesem Leben dazu. Doch dann wird Gott wie eine liebende tröstende Mutter sein. Wenn das kleine Kind gefallen ist und weint. Und dann Mama die Tränen trocknet, dann scheint auch so schnell der Schmerz zu vergehen. So ist Gott. So voller Liebe, Fürsorge und Trost. Und was für eine Aussicht: Das ist der Himmel: Der Ort ohne Schmerz, ohne Geschrei, ohne Leid, ohne Tod. Das ist keine billige Vertröstung, sondern diese Aussicht gibt Kraft für heute.
Blaise Pascal, der große Naturwissenschaftler des 17. Jahrhunderts, Erfinder, Mathematiker, Schriftsteller, Philosoph und gläubiger Christ. Er hatte ein kurzes, aber ungewöhnliches Leben. Mit 16 Jahren veröffentlichte er eine mathematische Studie über die Kegelschnitte. Als Zwanzigjähriger erfand er die erste Rechenmaschine. Aber er war von schwerer Krankheit gezeichnet. Von seinem 18. Lebensjahr an hat er nicht einen Tag ohne Schmerzen erlebt. Er starb mit 39 Jahren.
Von ihm sind einige Gebete aufgeschrieben. In einem heißt es: „Verleihe mir die Gnade, Herr, deinen Trost mit meinen Schmerzen zu verbinden, damit ich leide als ein Christ. Ich bitte nicht darum, den Schmerzen entnommen zu sein; aber ich bitte darum, den Schmerzen nicht ausgeliefert zu sein ohne die Tröstungen deines Geistes, um am Ende dorthin zu gelangen, wo ich nur noch deinen Trost empfinde ohne irgendeinen Schmerz.”
5) Gott niemals lügt.
5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
Ich glaube, dass dieser Vers ganz wichtig ist. Karl Marx wollte das nicht glauben. Er meinte, die Religion, die Aussicht auf den Himmel, das ist doch nur Opium, um das Volk ruhig zu stellen. Ein Betäubungsmittel, was nicht wirklich hilft. Doch so ist es nicht. Und Heinrich Heine machte sich über den Himmel lustig! Nein, was die Christen für Himmelsträume habe! Besser ist es, sich hier auf Erde schon den Himmel selber zu machen. „Ein neues Lied, ein bessres Lied, o Freunde, will ich dichten. / Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten ... Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.“
Nein! Ich glaube an den Himmel. Gott niemals lügt. Und hier steht es schwarz auf weiß: Diese Worte sind wahrhaftig und gewiss. Wenn Menschen den Himmel auf Erden errichten wollen mit ihren selbstgemachten Ideologien, sei es im braunen oder im roten Gewand, dann ist nicht selten die Hölle daraus geworden. Menschenworten ist nicht zu trauen, Gottes Wort aber hält.
6) Das Leben beginnt
6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Noch ein neues Bild für den Himmel: Der Durst ist gestillt. Durst, d.h. Sehnsucht. Durch die Jahrtausende geht eine tiefe Sehnsucht der Menschen, nach Liebe und Leben, nach Sinn und Glück, nach Friede und Freude. Und endlich, endlich wird dieser Durst gestillt mit lebendigem Wasser, endlich beginnt echtes, erfülltes Leben. Und auch hier gilt: Dieses Leben kann hier schon beginnen. Schon hier auf dieser Erde, wenn ich mich in Gottes Hand geborgen weiß, wenn ich in Jesus Christus Vergebung meiner Schuld habe und Frieden mit Gott, dann beginnt das Leben.
7) Werde sein Kind!
7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Kind sein.
Nun bleibt die große Frage: Wie werde ich denn in den Himmel kommen?
Der französische Spötter Voltaire äußerte einst in der Tischrunde Friedrichs des Großen: „Ich verkaufe meinen Platz im Himmel für einen preußischen Taler!” Ein frommer Ratsherr aus Kleve, der zur Tafel des Königs geladen war, soll dazu gesagt haben: „Sie sind hier im Preußischen, und da muss jeder, der etwas verkaufen will, sein Eigentumsrecht daran nachweisen. Können Sie mir nachweisen, dass Sie einen Platz im Himmel haben, und wollen Sie ihn dann noch verkaufen, so will ich jede Summe dafür zahlen!” Voltaire soll darauf verlegen geschwiegen haben. Ein Platz im Himmel ist kostbar, aber nicht käuflich. Er ist wertvoll, aber nicht bezahlbar. Er bleibt ein Geschenk. Klingt es nicht so, als ob wir uns den Himmelsplatz erarbeiten müssen: Wer überwindet, wird alles ererben? Nein, so ist es nicht gemeint: Nur die Starken, die Siegertypen kommen in den Himmel. „Nur die Harten komm’n in’ Garten“. Einer hat für uns den Tod überwunden: Jesus. Und deshalb können wir uns den Himmel nie erarbeiten, nur ererben. Aber wer darf von Gott erben? Nur ein Kind Gottes!
Werde sein Kind! Durch den Glauben ein Kind Gottes zu werden und zu bleiben, ist darum die wichtigste Aufgabe unseres Lebens. Um in den Himmel zu kommen braucht es nicht mehr. Und nicht weniger.
Amen.