O du selige
Festgottesdienst zum Reformationstag
Sonntag, 1. November 2009
Thema: „O du selige!“
Text: Matthäus 5,1-10
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde!
O du selige! Ja, ist denn schon Weihnachten? O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit… singen wir ja bald wieder… Ich möchte keinesfalls die Unsitte des Einzelhandels gutheißen, dass in den Supermärkten schon im Oktober die Weihnachtszeit beginnt mit Lebkuchen und Schokoweihnachtsmännern… Warum „O du selige“ am Reformationsfest? – Ich glaube, Martin Luthers reformatorische Entdeckung hat ganz viel mit Weihnachten zu tun. Denn er entdeckte, dass Gott uns beschenkt. Beschenkt wie an Weihnachten! Wir brauchen uns den Himmel nicht zu verdienen. Christus schenkt ihn jedem, der glaubt. Und als Luther das begreift, da fühlt er sich selig. Glückselig!
Speisekarte im Chinesischen Restaurant: Während ich den „buddhistischen Fastenteller“ nicht so ganz attraktiv fand, klang deutlich verlockender: „Die 7 Glückseligkeiten“ – Hm, was könnte sich dahinter verbergen? Auf jeden Fall einige besondere Köstlichkeiten. Es war zumindest das Beste auf der Karte – was sich nicht zuletzt am Preis ablesen ließ.
In der Speisekarte der Bibel wird uns heute ein Gericht serviert, das den Namen hat: „Die 9 Glückseligkeiten“. Dazu sind wir eingeladen. 8 Glückseligkeiten oder „Seligpreisungen“ haben wir vorhin miteinander gelesen, die 9. folgt einen Vers später, können Sie zuhause nachlesen.
Merkwürdig aber, wenn wir uns diese „9 Glückseligkeiten“ genauer betrachten, dann scheint dies gar nicht ein wirklich leckeres Gericht zu sein. Es scheint eher so, als ob uns da jemand ganz schön die Suppe versalzen hat. Denn wer hier als „selig“ beschrieben wird, mit dem möchte man eigentlich nicht tauschen: geistlich arm, leidtragend, verfolgt, hungernd und dürstend… Wenn ich das so vergleiche mit dem, was uns Deutsche glücklich macht, dann klingt das doch etwas anders. In einer Umfrage von 2007 gaben 73% der Befragten an: Momente der Glückseligkeit empfinden sie im Urlaub, ebenso viele nannten Verliebtsein, gefolgt vom Zusammensein mit Freunden auf Platz drei, dem Bestehen einer Prüfung, dem Zusammensein mit dem Partner, das Meistern einer schwierigen Situation, an siebter Stelle folgt der Sex, dann die Geburt eines Kindes und ein guter Job.
So also würden Deutschlands Seligpreisungen aussehen. Hat Jesus keine Ahnung vom Glücklichsein? Oder ist er völlig weltfremd? Es lohnt sich, seinen 9 Glückseligkeiten auf die Spur zu kommen und seiner Einladung zu diesem Festmahl der 9 Glückseligkeiten nachzukommen. Doch beginnen wir mit der Örtlichkeit, wo ist das Lokal, wo es die 9 Glückseligkeiten gibt?
Ich möchte es nennen:
Zum Berge
1 Als Jesus aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach…
Dass wir Jesus in das Lokal Zum Berge folgen, ist die Voraussetzung für alles Folgende. Doch was bedeutet das?
In den Versen zuvor war die Rede davon, dass die Karrierekurve Jesu gerade steil nach oben zeigte. Er war ganz oben auf der Beliebtheitsskala und im Politbarometer hätte er locker die Spitzenposition eingenommen: „Und es folgte ihm eine große Menge“ heißt es im Vers vorher. Seine Wunder und Heilungen hatten sich schon herumgesprochen und seine Predigten waren alles andere als einschläfernd. Doch was macht Jesus? Als er die Massen sieht, geht er weg von ihnen auf einen Berg. Wir stellen uns da so einen sanften Hügel vor, wo die Massen ihm nun lauschen. Aber genau das ist nicht gemeint. Wenn in der Bibel von Bergerfahrungen die Rede ist, dann meint das in der Regel: Abseits der Massen, abseits des Trubels, hinauf in die Einöde, in die Stille, in die Einsamkeit, in die Begegnung mit Gott. Dahin folgen Jesus nicht die Massen, sondern es heißt ausdrücklich nur: „und seine Jünger traten zu ihm“. Liebe Gemeinde, das ist der Schlüssel zum Verständnis der Bergpredigt. Es geht hier nicht um ein politisches Programm für die ganze Gesellschaft. So oft wurde die Bergpredigt dahingehend missverstanden. Aber Jesus redet hier nur seine Jünger an. Die Voraussetzung für alles Folgende ist es, ihm auf den Berg zu folgen. Raus aus dem Trubel, durchaus ein mühsamen Aufstieg in Kauf nehmen, auf ihn hören. Und dann heißt es: „Er lehrte sie“. Das müssen wir ganz wörtlich verstehen. Jesus war Rabbi, Lehrer, die Jünger seine Schüler. Und zum Lehren gehört das Lernen. In die Schule Jesus zu gehen bedeutete, sehr aufmerksam auf seine Worte hören und vieles davon haben sie auswendig gelernt, wie es bei den rabbinischen Schulen der damaligen Zeit üblich war. Das ist auch der Grund, warum Matthäus noch Jahre später die ganzen Worte Jesu aus der Bergpredigt auswendig wusste und aufschreiben konnte. In Jesu Gasthaus „Zum Berge“ gilt auch für uns: die Glückseligkeiten werden wir nur schmecken können, wenn wir auf Jesus und auf Gottes Wort, die Bibel hören, wenn wir die Bibel kennen! Ja, es ist durchaus angebracht und wertvoll, manche Bibelverse auswendig zu lernen. Die Reformation war in erster Linie eine Bibelbewegung! Wie weit sind wir heute davon entfernt! Wie erschreckend die Bibelunkenntnis heutzutage auch bei vielen Christen. Es ist Visitation, und der Bischof besucht auch die Schule und den Religionsunterricht. Dann stellt er Max die Frage: „Kannst du mir sagen, wie die vier Evangelisten heißen?“ Darauf die zögerliche Antwort: „Aäh, Robbie Williams, Herbert Grönemeyer, mehr weiß ich nicht.“ Der Bischof ist empört, er geht zum Rektor. „Stellen Sie sich vor: Auf die Frage nach den vier Evangelien bekomme ich glatt zu hören: Robbie Williams und Herbert Grönemeyer!“ – „Was regen Sie sich denn so auf“, meint der Rektor, „die Schüler sind heutzutage nicht mehr so bibelfest. Freuen Sie sich doch, dass er immerhin zwei gewusst hat.“
Ich freu mich, dass zum Beispiel bei unseren Jugendlichen im Jugendtreff Knautschzone die Bibel gelesen wird, und jetzt ein paar Wochen lang der ganze Epheserbrief drankommt. Klasse! Weiter so!
Doch nun geht es an die eigentlichen 9 Glückseligkeiten heran. Da müsste man eine ganze Predigtreihe machen! Heute soll es darum nur – sozusagen als Appetitanreger, um Sie auf den Geschmack zu bringen – nur um die ersten beiden gehen.
1) Selig sind die geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Was ist damit gemeint? „Geistlich arm“ – Man könnte auch übersetzen: geistig arm, arm an Geist, arm für den Geist, arm im Geist… Was heißt das denn? Manch einer hat dies schon abfällig so gedeutet: Selig sind die, die keinen Grips haben, die im Geist etwas unterbelichtet sind. In einem Lied von Reinhard Mey heißt es: „Selig sind die Verrückten“ Und unsere Sachkundelehrerin hatte damals bei einer dummen Antwort immer den Spruch parat: „Selig sind die Bekloppten!“ Meint Jesus das? Christsein etwas für Dumme? Die den Ernst des Leben gar nicht so richtig mitbekommen? In der Tat, vielleicht sind Menschen, die ihren Verstand nicht über alles setzen, die menschliche Vernunft nicht vergöttern, oder sogar Menschen mit geistigen Behinderung Gott manchmal viel näher als manch Gebildeter, Hochgebildeter oder Eingebildeter. Gott und der Glückseligkeit viel näher. Aber hier geht es nicht um unsern Grips und IQ. Und ich bin froh und dankbar, dass auch einige der gelehrtesten und schlauesten Köpfe der Geistesgeschichte gläubige Christen waren und sind. Ich glaube, es ist richtig zu übersetzen: Selig sind die, die arm, d.h. bedürftig, empfangsbereit, offen sind für den Geist, den Geist Gottes nämlich. Insofern hat Luther schon Recht mit „geistlich arm“. Denken wir an das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner im Tempel: Der Pharisäer, der vor Gott mit seiner Frömmigkeit prahlt – und der Zöllner, der ganz hinten steht, sich verzweifelt an die Brust schlägt und nichts zu beten weiß als: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ – Er war arm für den Geist – und damit bereit für den Himmel. Er ging gerechtfertigt nach Hause, jener aber nicht, sagt Jesus. Damit sind wir bei einer Grunderkenntnis der Reformation. Gerettet wird nur, wer sich als rettungsbedürftig ansieht. Wer nicht auf sich und seine Leistungen baut, sondern allein auf Gottes Gnade setzt. Sola gratia! Wer arm für den Geist ist. Wie anders denken wir, vom Humanismus geprägte Menschen, heutzutage meist: Ach, der Mensch ist doch im Grunde seines Wesens gut. Es sind höchstens böse Umstände, die ihn böse machen. Einen guten Kern hat jeder. Im Grunde kann Gott doch ganz mit mir zufrieden sein. Nein! Sagt die Bibel scharf und hart. Und Luther hat das neu entdeckt. So ist es nicht, das Gegenteil ist der Fall. Im Tiefsten seines Herzens ist der Mensch ein Egoist, der Gott nicht Gott sein lassen will. Das ist die Ursünde, die in jedem von uns steckt. Und wenn wir denken, wir sind gut genug, uns wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, gehen wir für ewig verloren. Wenn wir aber erkennen, dass wir arm sind: wie Luther gedichtet hat – wir haben es eben gesungen: „Mein guten Werk, die galten nicht… Die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Höllen musst ich sinken.“ – dann erkennen wir, dass wir Jesus brauchen, und dann preist uns Jesus glückselig! Dann gehört uns der Himmel! Und das ist das wahre Glück, das stärker strahlt als alle irdischen Glücksgefühle. Warum? Weil es nicht zerbrechlich und vergänglich ist wie alles andere Glück. Gerade der Monat November mit seinen Gedenktagen für die Verstorbenen zeigt uns die Vergänglichkeit unseres irdischen Lebens, unseres irdischen Glücks. Und auch heute sind Trauernde unter uns. Wie schön zu wissen, es gibt ein Glück, eine Glückseligkeit, die ewig hält. Die Beziehung zu Jesus, die uns den Himmel aufschließt! Diese 1. Seligpreisung ist sozusagen die Grundvoraussetzung für alles folgende. Sozusagen die Vorspeise, ohne die gibt’s das andere nicht. Und dann kommen die anderen Glückseligkeiten.
2) Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Würde man nur die erste Hälfte lesen – es würde einem den Magen umdrehen. Selig, glücklich sind, die da Leid tragen… Klingt das nicht wie Hohn in den Ohren von Betroffenen. Was für schlimmes Leid gibt es, schwerer als Menschen es tragen können! Und das soll Glück sein? Nein, nicht das Leid wird als Glück bezeichnet. Jesus selber hat das schlimmste Leid erfahren, Folterqualen am eigenen Körper, zu Tode gemartert, von seinen engsten Freunden verraten, verleugnet, verkauft. Von Mensch und Gott verlassen. Solches Leid ist wahrlich kein Glück. Aber Jesus sagt: Die Menschen, die Leid erfahren, sie können dennoch glücklich werden. Im Wissen um einen tiefen Trost. Einen Trost, der im Vers zuvor begründet liegt: Der Himmel gehört uns. Da wird Gott abwischen alle Tränen! Und diese Hoffnung reicht hinein in unsere Zeit, in unser Leid. Kann Leid Tragenden sogar mitunter schon hier wieder neues Glück schenken.
Es war September 1542. Magdalene Luther, die geliebte Tochter von Martin Luther war schwer krank. Schon einmal hatten die Luthers ein Mädchen verloren. Elisabeth ist nicht einmal 1 Jahr alt geworden. Doch Magdalena war ein fröhliches, gesundes Mädchen. Inzwischen 13 Jahre alt. Nun diese Krankheit. Martin und Käthe beteten für sie. Doch dann ging es zu Ende. Magdalene fühlte keine Todesangst, sie freute sich auf den Himmel.
Der Biograph berichtet:
Als Magdalene im letzten Todeskampfe rang, fiel der Vater vor dem Bett auf seine Knie, weinte bitterlich und betete, Gott wolle sie doch erlösen. Da verschied sie in des Vaters Armen. Die Mutter war in derselben Kammer doch etwas weiter vom Bette entfernt um der Traurigkeit willen. Das Mägdlein starb ein wenig nach 9 Uhr am 20. September 1542.
Als sie nun in den Sarg gelegt ward, sprach Luther: „Du liebes Lenchen! Wie wohl ist dir geschehen!“ Sah sie also liegend an und sagte: „Ach liebes Lenchen, du wirst wieder aufstehen und leuchten wie ein Stern, ja, wie die Sonne!“
Selig sind, die da Leid tragen? Martin Luther weinte selber bitterlich, und doch vermochte er seine Käthe zu trösten. Er wusste sein Lenchen, die selber zu einem kindlichen Glauben an Jesus Christus gefunden hatte, beim Vater im Himmel. Und so verfasste er selber die Grabinschrift für sie, lateinisch und deutsch, ein Zeugnis des Getröstetseins:
„Hie schlaf ich, Lenchen, Luthers Töchterlein,
ruh mit allen Heil’gen in mein’m Bettelein.
Die ich in Sünden war geboren,
hätt ewig müssen sein verloren.
Aber ich leb nun und hab’s gut,
Herr Christe, erlöst mit deinem Blut.“
2 Glückseligkeiten haben wir ein bisschen betrachtet. Ich hoffe, dass ein wenig der Appetit angeregt worden ist. Es lohnt sich, der Einladung Jesu zu folgen in sein Lokal „Zum Berge“, und die ganzen 9 Glückseligkeiten zu schmecken.
Guten Appetit! Amen.