Überrascht von Freude

Gottesdienst am Sonntag, 4. Juli 2009

Thema: „Überrascht von Freude“

Text: Psalm 73,28

 

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

Liebe Gemeinde,

Wie sollte eigentlich ein Christ aussehen?

Lady Dobbie, die humorvolle Frau eines recht berühmten englischen Generals, war einmal in einem Zug unterwegs. "Ein Mann saß uns gegenüber", erzählte sie danach. "Wir dachten zuerst, er sei Christ, aber später fanden wir heraus, dass er nur eine Magenverstimmung hatte."

Offensichtlich ist es doch eine ziemlich verbreitete Ansicht, dass Christsein eine sehr ernste, womöglich traurige Angelegenheit sei. Überrascht von Freude – so heißt es heute in diesem Gottesdienst. Inwieweit hängen Glaube und Freude zusammen? Können auch wir überrascht werden von Freude? Gibt es Freude auch angesichts von Leid und Trauer? Sehnen wir uns nicht nach Freude, nach Fröhlichkeit, nach dem von Herzen Lachen.  

Lachen ist gesund. Es lockert die Muskeln, sagen Experten, befreit aufgestaute Emotionen, setzt Glückshormone frei und stärkt das Selbstbewusstsein. Kinder beherrschen diese Gefühlsäußerung am besten. Sie lachen laut wissenschaftlicher Untersuchung rund 400 Mal am Tag. Erwachsene dagegen kommen im Schnitt nur noch auf 15 Lacher.

Das ist viel zu wenig.

Ich wurde überrascht von Freude, als ich vor einiger Zeit die Zeitung aufschlug: Ganz fett stand da „FREUDE JETZT“ – Was für eine Überraschung! Finde ich Freude in den Schaumburger Nachrichten? Ich lese weiter: „Freude beginnt mit 222 Euro ohne Anzahlung. Freude ist BMW.“

Ist das Freude? Sicher, ein schönes Auto kann bestimmt Freude machen, ebenso wie ein schönes Haus oder eine schöne Urlaubsreise. Aber ich glaube, die meisten hier werden mir zustimmen: die Freude an materiellen Dingen ist doch eine sehr vorläufige, bescheidene Freude gegenüber der Freude an Dingen, die man nicht mit Geld bezahlen kann: Freude an Gesundheit, an Freunden, an einer intakten Familie.

Und was ist, wenn davon etwas wegbricht? Gibt es dann noch Grund zur Freude? Wenn wir in der Bibel lesen, dann stoßen wir immer wieder auf eine tiefer Freude, die manchmal so überraschend ist, dass sie auftaucht, wo man gar nicht damit rechnet.

Wenn Paulus in der heutigen Epistel sagt: „Seid froh in dem Herren allewege.“ Normalerweise müsste man ihn für verrückt erklären. Allewege, allezeit. Das geht doch nicht angesichts von so viel Leid und Not in der Welt oder im persönlichen Leben. Aber Paulus war kein Spinner, er hatte wahrlich genügend Leid erlebt. Aber die Betonung liegt auf „in dem Herren“ – Seid froh in dem Herren allewege! Also ist hier von einer Freude die Rede, die verwurzelt ist in einem festen Glauben an Jesus Christus. Ich möchte als Predigttext noch einen Vers aus Psalm 73 hinzuziehen, den wir vorhin gebetet  haben:

„Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun.“

Wenn wir diesen Psalm ganz lesen, dann spüren wir, wie überraschend am Schluss die Freude ist. Denn hier betet einer, der unglaublich viel Leid erlebt hat und erlebt, der vermutlich an einer schweren Krankheit leidet und noch dazu von andern verspottet wird: „Ich bin doch täglich geplagt“, heißt es V. 14. Er sagt, dass ihm Leib und Seele verschmachtet. Und dann plötzlich: Aber das ist meine Freude! Da wird er überrascht von Freude. Diesem Geheimnis möchten wir nun nachspüren in drei Gedanken:

1) Das Dennoch wahrer Freude

2) Der Grund wahrer Freude

3) Die Folgen wahrer Freude

 


1) Das Dennoch wahrer Freude

Das fällt ja auf: Allein in den letzten paar Versen, die wir vorhin als Gebet gelesen haben, heißt es immer wieder: „Dennoch“, „doch“, „aber“ – Da gibt es also eine Freude trotz vieler Widrigkeiten. Überraschend.

„Surprised by Joy.“ – Überrascht von Freude, so lautet der Titel eines Buches von dem englischen Autor C.S. Lewis. Sie kennen sicher C.S. Lewis. Bestimmt haben Sie schon mal von den Chroniken von Narnia gehört, die er verfasst hat – sie haben sich 85 Millionen Mal weltweit verkauft, eines der erfolgreichsten Werke der Literaturgeschichte.

„Surprised by Joy“ - „Überrascht von Freude“ schrieb er 1956 als Autobiographie. Ein spannender Titel. Der bewusst doppeldeutig ist. Denn ein paar Jahre, bevor C.S. Lewis dieses Werk geschrieben hat, lernte eine junge amerikanische Schriftstellerin kennen und lieben. Und ihr Name war – Joy. Joy Davidman. Joy. Aha, denkt man sofort. Surprised by Joy. Überrascht von Joy, die große Liebe trat in sein Leben  - das meint er also. Das war der Grund seiner Freude. Na, prima. Glückwunsch. Fertig. --Von wegen! Wer das Buch liest, merkt, dass er einen anderen, einen viel tieferen Grund für die Lebensfreude gefunden hat. Seine Lebensgeschichte ist zunächst die Geschichte eines leidgeprüften, verbitterten Atheisten, der auf der Suche nach Logik und Erklärungen ist, der es "als eine Frechheit empfindet, nicht vor seiner Geburt um Einverständnis gefragt worden zu sein". Als seine Mutter an Krebs starb, am Geburtstag seines Vaters, war Lewis neun Jahre alt war.  "Mit dem Tod meiner Mutter verschwand alles gefestigte Glück, alles Ruhige und Verlässliche aus meinem Leben." Es dauerte kein Jahr, bis auch sein Onkel und sein Großvater starben. Für den kleinen C. S. Lewis brach eine Welt zusammen. Von Freude keine Spur. Und auch der Glaube an einen liebenden Gott wurde ihm fragwürdig. Die Schrecken des 1. Weltkriegs nahmen ihm den letzten Rest vom Glauben. Danach wurde er Professor in Oxford, und er wurde - Atheist. Sein Verstand hatte Gott besiegt, aber auch die Lebensfreude. Ab 1929 verändert eine Freundschaft sein Leben: Er lernte J.R.R. Tolkien kennen, den Autor von „Herr der Ringe“, ein gläubiger Katholik. Nach und nach kapierte er es: Doch, es gibt Gott! Mein Verstand reicht nicht aus, um dem Geheimnis des Lebens auf den Grund zu gehen. „Was ich so sehr fürchtete, hatte mich endlich eingeholt. 1929 lenkte ich ein und gab zu, dass Gott Gott war, und kniete nieder und betete; vielleicht in jener Nacht der niedergeschlagenste und widerwilligste Bekehrte in ganz England.“

Das war für ihn selbst den überzeugten Atheisten, überaus überraschend. Aber: es klingt noch nicht allzu sehr nach „Überrascht von Freude“.

Es dauerte noch zwei Jahre, bis sich der Nebel um ihn und in ihm weiter lichtete und er entdeckte: Es reicht nicht, einfach nur an einen Gott zu glauben. Ein Gott, der mir fremd und unnahbar, erhaben und undurchschaubar bleibt. Sondern wenn es Gott gibt, und wenn er uns Menschen geschaffen hat, dann muss er auch ein Interesse an uns haben, dann will er uns begegnen. Und mit einem Mal wird ihm deutlich: Gott begegnet uns in Jesus Christus. Das ist keine Philosophie, keine Idee oder Wunschtraum. Sondern dieser Jesus ist wirklich da. Ich kann mit ihm reden. Er teilt mir Freud und Leid. Vergibt mir meine Schuld. Ist mein Freund. Jetzt erlebte C.S. Lewis wahre Lebensfreude. Er begriff: Es gibt ein Aber, ein Dennoch: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“  Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“

 

2) Der Grund wahrer Freude

Wenn so vieles, was uns Freude macht, vergänglich ist, braucht es also für die wahre unvergängliche Freude einen Grund, der selber unvergänglich ist. Der Psalmbeter macht es ganz deutlich: „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn.“ Die Beziehung zu Gott ist der Grund wahrer Freude. Warum? Der Grund ist dreifach – wie der dreieinige Gott:

1. Ich freue mich an Gott, dem Schöpfer. Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt her von Gott dem Herrn, heißt es in einem Lied. Wenn Gott der Schöpfer ist, der mich liebt, dann darf ich seine Schöpfung mit all ihren Gaben genießen und mich daran freuen. Dann darf ich mir die Augen öffnen lassen, auch für die kleinen Dinge des Alltags, für die Schönheit der Natur, und diese wunderbaren Dinge, die ich vorhin erwähnt habe: Familie, Freunde, Gesundheit… So zerbrechlich und vergänglich all diese Gaben sind, aber wenn ich sie habe, darf ich mich daran freuen und sie als Gottes Geschenk annehmen. Und wenn ich sie hatte, darf ich mich mit Freude und Dankbarkeit zurückerinnern.

2. Ich freue mich an Gott, dem Erlöser, das ist Jesus Christus. Wenn es hier heißt: Dass ich meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn, meint dies: Ich vertraue nicht auf meine eigene Gerechtigkeit, auf meine eigenen Leistungen, auch wenn man sich noch so viel Mühe gibt, ein anständiges Leben zu führen. Das allein rettet uns nicht. Sondern unsere Zuversicht ist allein Jesus Christus. Er allein macht uns gerecht, er allein vergibt uns unsre Schuld. Und das ist wahrer Grund zu Freude, dass meine Schwächen, Fehler, Versäumnisse und Versagen bei Gott gut aufgehoben sind, ja aufgehoben sind. Sie haben keine Bedeutung, keine Geltung mehr. Ich kann alles abladen beim Kreuz und frei und befreit durchatmen, aufatmen. Freude!

3. Ich freue mich an Gott, dem Vollender. Vielleicht ist das der allertiefste Grund der Freude. Gott gibt mir durch seinen Geist, den heiligen Geist Hoffnung, Gewissheit, dass dieses Leben mit all seinen zerbrechlichen und vorläufigen Freuden – eben nicht alles ist. Er hält eine ewige Freude bereit, in Gottes neuer Welt, in der er alles Stückwerk vollenden wird, in Gottes ewiger Herrlichkeit, für die zu beschreiben uns die Worte fehlen. Wo es Freude gibt, die nicht mehr getrübt ist von Krankheit, Schmerz und Trauer.

 

Dies also ist der dreifache Grund wahrer Freude.

Und schließlich noch der dritte und letzte Gedankengang:

 

3) Die Folgen wahrer Freude

Wes des Herz voll ist, dem geht der Mund über…

so heißt das Sprichwort, dass eigentlich aus dem Munde Jesu stammt. Aber das kennen wir alle: Wenn wir von etwas ganz erfüllt sind, dann sprudelt es aus uns heraus. Wie bei einer Sprudelflasche, die „vor Freude hüpft“, und dann öffnet man sie, und bssscht sprudelt alles heraus. So geht es dem Psalmbeter. Er sagt: „dass ich verkündige all dein Tun.“ Er kann es nicht für sich behalten, er muss es einfach weiter sagen. Die Freude, die Gott uns schenkt, können, ja dürfen wir nicht für uns behalten – nach dem Motto: Religion ist Privatsache. Da redet man nicht drüber. Nein, auch andere sollen diesen Gott kennen lernen, der so viel Grund zur Freude gibt. Der uns überrascht mit Freude. „In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ.“

 

Amen.