Wenn Gott sein Zelt aufbaut
Festgottesdienst am 26. April 2009
zur Eröffnung des Hohnhorster "Martins-Zelts"
Wenn Gott sein Zelt aufbaut
Text: Joh. 1,14
Predigt:Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde,
Es ist wieder einmal Kinder-Zeltlager. Die Eltern eines Jungschar-Kindes kommen zu Besuch ins Lager und sind entsetzt, wie schmutzig die Kinder herumlaufen: „Wascht ihr euch denn nicht?“ Darauf ein kleiner Wicht: „Nö, wozu auch? Wir erkennen uns an der Stimme.“
Zelten – da hat manch einer solche Vorstellungen: Puh, das ist primitiv, schmutzig, unbequem, einfach. Wer allerdings eingefleischter Camping-Fan ist, sieht das völlig anders: Zelten – das heißt: Freiheit, Abenteuer, Natur, ungebunden sein.
Was hält Gott vom Zelten? Merkwürdige Frage, denken Sie vermutlich. Doch wer in die Bibel schaut, wird überrascht feststellen: Auch Gott zeltet!
Ich möchte uns als Predigttext einen Vers aus dem Johannesevangelium lesen: Johannes 1,14.
„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
Klingt ziemlich kompliziert und unverständlich, dieser Satz. Noch merkwürdiger wird er aber, wenn man weiß, dass dieses Wort, was Luther so gemütlich mit „wohnte“ übersetzt hat, wörtlich übersetzt etwas anders klingt. Da steht in der griechischen Sprache: „zeltete“.
„Das Wort ward Fleisch und zeltete unter uns.“ – Was bedeutet das? Das „Wort“, das ist das Wort Gottes, das Wesen Gottes, „ward Fleisch“ heißt: es wurde Mensch, es wurde leiblich, bekam einen Körper, wurde Fleisch und Blut. Das ist geschehen in der Geburt Jesu Christi. In Jesus Christus kam Gottes Wort und Wesen auf die Erde, wurde Mensch. So weit haben wir das vielleicht schon mal gehört, kennen wir. Doch jetzt: „und zeltete unter uns.“ Was meint das? Gott schlägt in Jesus Christus sein Zelt auf in dieser Welt – was hat das zu bedeuten?
Drei Bedeutungen
1) Gott zeltet = Gott kommt herunter
Zelte sind keine Paläste – auch wenn unser Martins-Zelt dem sehr nahe kommt. Wer nur in Zelten leben würde, den würde man als „Landstreicher“ beschimpfen, als ziemlich „heruntergekommen“. Und genau das trifft auf Gott zu: Er ist heruntergekommen. Vom Himmel auf die Erde. Von Jesus Christus heißt es in Philipper 2: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht wie einen Raub fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode.“
Heruntergekommen! Denken wir an die Zelte der Nomaden und Beduinen im alten Orient: Die hatten keinen Fußboden – so schön wie hier etwa. Keine OSB-Platten, sondern wer im Zelt lebt, macht sich die Füße dreckig! Allenfalls ein paar Teppiche wurden ausgelegt. Aber ich kann Ihnen versichern: Das ist da ganz schön staubig! Gott zeltete unter uns: Ja, in Jesus Christus hat Gott sich auch die Füße schmutzig gemacht. in dieser Welt, er ist auf den staubigen Landstraßen Palästinas umhergezogen. Schon als Christus geboren wurde, war es eben kein Palast, keine Kathedrale, kein Tempel, noch nicht einmal ein einfaches Wohnhaus: Sondern ein armer Stall, eine Felsgrotte. Gott wollte damit zeigen: Er ist nicht nur für die Reichen und Wohlhabenden, für die Satten und Zufriedenen da. Sondern gerade für die, die ganz unten sind, die in Elend, Not und Hunger, in Staub und Dreck leben. Und sehen Sie das nicht nur materiell. Viele gibt es, denen es äußerlich gut geht. Aber in der Seele leiden sie Hunger und Elend. Hunger nach Liebe, nach Geliebt werden, nach Anerkennung. Nach heilen Beziehungen, nach innerem Frieden. Und dann ist da der Staub und Dreck und Schmutz eigener Fehler und Versäumnisse. Man leidet daran, andere enttäuscht zu haben. Gott ist ganz schön heruntergekommen – um uns gerade dann nahe zu sein, wenn wir ganz unten sind. Er vergibt uns und holt uns da heraus. Oder er geht mit.
2) Gott zeltet = Gott geht mit
Zelten heißt unterwegs sein. Die erste Kirche, das erste Heiligtum, das das Volk Israel besessen hatte, war kein Tempel, sondern ein Zelt! Die sogenannte Stiftshütte. Während ringsum die Nachbarvölker ihren Gottheiten gewaltige Monumentalbauten errichten – denken wir an die unglaublichen Tempel in Ägypten – hatte Israel ein Zelt! Israel war unterwegs, das wandernde Gottesvolk. Unterwegs in der Wüste. Und das Zelt als Symbol der Gegenwart Gottes wanderte mit. Verstehen Sie die Tiefe dieser Aussage – auch für unser eigenes Leben? Gott ist ein Gott, der mitgeht. In den umliegenden Kulturen und Religionen hatten die Götter ihre Tempel, wer was von ihnen wollte, musste hin zu ihnen. Ganz anders der lebendige Gott: wir müssen nicht zu ihm hin in irgendein Heiligtum, sondern er kommt zu uns. Er zieht mit, wo immer wir hin gehen. Schon zu Jakob sagte er einst: „Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“ Gott zeltet = das bedeutet: Gott geht mit, wo immer wir hingehen. Er begleitet dich auf deinem Lebensweg. Er geht mit dir, wenn du zur Schule gehst, vielleicht mit Angst und Sorge, dass die andern dich wieder hänseln und mobben. Er geht mit dir auf dem Weg zur Arbeit, wenn du schon unruhig fragst, wie sollst du diesen Berg von Arbeit nur bewältigen und die schwierigen Entscheidungen treffen, die anstehen. Er geht mit dir auch in den Urlaub, er gönnt es dir, einmal abzuschalten, neu aufzutanken, er geht mit dir - heute Nachmittag beim Sonntagsspaziergang genauso wie beim schweren Canossagang, der dir bevorsteht, weil du spürst: Ich muss zu diesem Menschen hin und ihm die Hand reichen. Gott geht mit.
Zelten bedeutet unterwegs sein, bedeutet auch Bereitschaft zum Aufbruch. Auch als Gemeinde: Wir sind unterwegs. Die Welt verändert sich, auch wir können nicht einfach nur still stehen und zurück schauen. Wir müssen nach vorne schauen, immer wieder neu einen Aufbruch wagen. Aber wir wissen: Bei allen Veränderungen, Gott geht mit! Auch durch Wüstenzeiten.
Zelten bedeutet unterwegs sein. Unser ganzes Leben ist ja ein Unterwegssein. Wenn es uns gut geht, dann vergessen wir, dass dieses Leben doch nur ein Zelten ist. Irgendwann wird jeder seine Zelte hier abbrechen müssen. Manch einer hat es sich hier so häuslich eingerichtet, dass man meinen könnte, es sei für die Ewigkeit. Und um das, was danach kommt, kümmert man sich nicht. Im Hebräerbrief steht aber: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Gott zeltet. Zelte sind auch zerbrechlich. Nicht für die Ewigkeit gebaut. Unsers hier wird uns zwar schon 1, 2 Jahre gute Dienste tun – aber irgendwann freuen wir uns auch wieder auf die festen Wände unsrer schönen Martins-Kirche. Paulus vergleicht die Zerbrechlichkeit unsres irdischen Lebens mit einem Zelt. 2. Korinther 5,1: „Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte – da steht eigentlich: dieses Zelt, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, das ewig ist im Himmel.“
Ein Zelt ist immer ein Provisorium, wenn auch hier ein sehr schönes. Unser irdisches Leben ist ein Provisorium, so schön es ist. Wissen Sie, was Provisorium bedeutet? Provisio heißt Vorsorge. Das heißt: Es geht darum, Vorsorge zu treffen, sich vorzubereiten, wo man die Ewigkeit verbringt. Wer sich jetzt an Gott hält, den wird Gott bei sich halten über den Tod hinaus! Gott geht mit
Ein Tourist kommt in ein Kartäuserkloster. Er ist sehr erstaunt über die spartanische Einrichtung der Mönchszellen und fragt einen Bruder: "Wo habt ihr eure Möbel?" Schlagfertig fragt der Mönch zurück: "Ja, wo haben Sie denn Ihre?" - "Meine?", erwidert darauf der Tourist verblüfft. "Ich bin ja nur auf der Durchreise hier!" - "Eben", antwortet der Mönch, "das sind wir auch."
3) Gott zeltet = Geborgen bei Gott,
Ein Zelt bedeutet auch Geborgenheit. Schweden 1988 – meine erste größere Jugendfreizeit als Teilnehmer. Strahlender Sonnenschein. Wir Jungs prahlen: Ach, wozu brauchen wir Zelte, wir schlafen eh immer im Freien! Dann der Wetterumschwung. Dauerregen prasselt vom Himmel. Die ganze Nacht. Wie haben wir jetzt alle unsere Zelte genossen! Schön gemütlich, eingemummelt in die Schlafsäcke. Trocken und geborgen bietet das Zelt uns Zuflucht. Gott deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes und erhöht mich auf einen Felsen! hieß es vorhin im Psalm 27,5. Das Zelt bedeutet Geborgenheit. Da müssen wir auch ein bisschen die Gepflogenheiten des Orients kennen. Wenn etwa ein Scheich einen Fremden in sein Zelt lädt, dort mit ihm isst, dann heißt dies Gastfreundschaft – und damit Schutz! Er würde mit seinem Leben für einen einstehen. Als wir während meines Studienjahres in Israel unsere große mehrwöchige Sinai-Exkursion hatten, da hatte unser Studienleiter Pater Laurentius auch einen Besuch im Zelt des Scheiches eingeplant. Nicht einfach nur wegen der Folklore, nur so zum Spaß. Nein: Er wusste genau: In dieser einsamen, unwirtlichen Gegend werden immer wieder Touristen von den Beduinen überfallen und ausgeraubt. Aber wer im Zelt des Scheichs gewesen war, dem passiert nichts. Im Zelt sein bedeutet: Du gehörst von jetzt ab zu mir. Wenn Gott sein Zelt auf dieser Erde aufschlägt, dann ist dies eine Einladung: Kommt in mein Zelt, ich lasse keinen im Regen stehen!
"Zelt" leitet sich etymologisch von dem altgermanischen Verb "be-teldan" ab: überdecken, umgeben. Gott zeltet heißt: Er umgibt uns mit seiner Nähe, er überdeckt uns mit seinem Schutz.
Einer hat dies besonders erlebt. Morgen, am 27. April, vor 107 Jahren, am 27.4.1902 wurde das erste Missionszelt auf europäischem Boden eingeweiht. Von Jakob Vetter, dem Gründer der Deutschen Zeltmission. Vielleicht hat er Zelte so geliebt, weil er selbst die Geborgenheit von Gottes Zelt in den Stürmen seines Lebens erfahren hat.
Als der kleine Jakob drei Jahre alt war, starb seine von ihm so geliebte Mutter. Als er 14 Jahre alt war, starb sein Vater. Doch dieser war noch kurz vor seinem Tode zum lebendigen Glauben gekommen. In der Sylvesternacht 1883 war der Rheindamm in Worms gebrochen und das Hochwasser zwei Meter hoch in das Haus der Familie Vetter geströmt. Als kurze Zeit nach diesem Unglück ein Prediger von Haus zu Haus ging und Bibeln verteilte, kam auch eine Bibel in das Haus von Familie Vetter. Durch die Hochwasserkatastrophe erschüttert, fing der Vater an, die Bibel zu lesen und wurde gläubig. Als der Vater dann so plötzlich durch einen Unfall starb, spürte Jakob die Zerbrechlichkeit des irdischen Lebens, wie bei einem Zelt.
So war er mit vierzehn Jahren Vollwaise. Acht Wochen nach dem Tod des Vaters starb auch die Stiefmutter, und die Kinder wurden in verschiedenen Familien untergebracht. Im Alter von 17 Jahren traf Jakob eine bewusste Entscheidung für Jesus Christus, und er gründete mit anderen Jugendlichen einen Bibelkreis. Er machte eine Ausbildung zum Prediger. Schon während dieser Ausbildungszeit war er oft krank. Häufig überfielen ihn heftige Lungenblutungen, aber immer wieder spürte er die Geborgenheit in Gottes Zelt. In all seiner Krankheit und Schwachheit wurde er ein vollmächtiger Verkündiger und konnte viele Menschen zum Glauben rufen. Er war unterwegs in Deutschland, der Schweiz und in England. Und dann reifte in ihm der Plan, mit einem Missionszelt die frohe Botschaft gerade in den Industriegebieten, wo viele Menschen den Kontakt zur Kirche völlig verloren hatten, zu verbreiten. Er betete um die Mittel. Die erste Gabe waren vier Mark von einem armen Dienstmädchen. Aber ohne mit einem Menschen darüber gesprochen zu haben, erhielt er bis zum Jahre 1902 über 12.000,- Mark an Spenden. So konnte das 1. Missionszelt am 27. April 1902 seiner Bestimmung übergeben werden. Eine große Menschenmenge war bei der Einweihung anwesend. Viele Menschen bekehrten sich unter seiner vollmächtigen Predigt. Jakob Vetter starb 1918 durch eine starke Grippe. Er war erst 46 Jahre alt. Doch er wusste: Es kommt nicht auf die Länge des Lebens an, sondern auf die Tiefe! In Gottes Zelt war er stets geborgen gewesen, er hat unzählige Menschen in Gottes Zelt eingeladen.
Gott zeltet, das heißt: Gott kommt herunter. Gott geht mit. Gott gibt Geborgenheit.
Amen.