Aufgedeckt
Gottesdienst am Sonntag, 25. Juli 2010
Thema: Aufgedeckt
Text: Epheser 5,8-14
Predigt :Pastor Gero Cochlovius
„Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Liebe Gemeinde, so der Titel eines berühmten Films mit James Dean. Zitiert ist Jesu Wort: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Jemand hat einmal gesagt, und das hat sich mir tief eingeprägt, über uns Christen müsste Jesus heute ausrufen: „Vater vergib ihnen, denn sie tun nicht, was sie wissen.“
Wie oft ist das, was wir tun, wie wir leben so weit davon entfernt von dem, wie es eigentlich sein sollte und wir das auch ganz genau wissen. Was haben wir vorhin im Evangelium gehört: Ihr seid das Licht der Welt! So sagt Jesus. Das wissen wir. Aber tun wir es? Leben wir so? Klar, wir geben uns Mühe, anständige Menschen zu sein. Aber das tun viele.
Die Christen in Ephesus kennen offensichtlich das gleiche Problem. Sie wissen viel vom neuen Leben in Christus, vom Leben im Licht. Aber es fällt ihnen schwer, dies in Praxis und Alltag umzusetzen. Paulus sagt ihnen: Lebt als Kinder des Lichts! Und dann deckt er auf, was dies bedeutet. Hören wir den Predigttext aus Eph. 5,8-14:
8 Ihr wart früher Finsternis. Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts;
9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,
11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.
13 Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird;
14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.
Ich möchte einmal hinten anfangen und den ersten Gedanken so nennen:
1) Aufgeweckt: Gottes Licht weckt uns aus dem Schlaf
„Wach auf, der du schläfst“, so sagt es Paulus. Erinnert mich an diese gruseligen Momente, damals als Schüler, wenn man morgens im Bett lag und gemütlich schlummerte, und irgendwann kurz nach 6 (gefühlt wie kurz nach Mitternacht) plötzlich das Licht erbarmungslos grell angeknipst wurde, die Stimme von Muttern: „Gero, wach auf! Aufstehen!“ (Na ja, die Dinge ändern sich. Heute ist’s die Stimme meiner Frau…)
Aber so kommt mir Paulus vor: Ein richtiger Weckruf: Wach auf, der du schläfst! Vielleicht hat er dabei eigene Predigterfahrungen verarbeitet. In der Apostelgeschichte wird erzählt, dass, während Paulus gepredigt hat, auch schon mal einer eingeschlafen ist und aus dem Fenster gefallen ist.
Ein Pastor konsultierte einen Psychiater. Dieser fragt ihn unter anderem: "Reden Sie im Schlaf?" - "Nein", antwortet der Pastor. "Ich rede nur, wenn andere schlafen".
Heute geht das nicht! Denn heute heißt es ausdrücklich: „Wach auf, der du schläfst!“ Aber damit ist mehr gemeint als ein gemütlicher Kirchenschlaf. Nun muss man wissen, dass im Neuen Testament mit „Schlaf“ häufig auch der Tode umschrieben wird. Wie ja auch wir von „entschlafen“ sprechen. Es geht um einen Lebensschlaf, einen Tiefschlaf, der dem Tod nahe kommt. Aber nicht physisch, körperlich, sondern geistlich. Du kannst körperlich fit wie’n Turnschuh sein, quicklebendig und putzmunter – und geistlich im Tiefschlaf dösen, so gut wie tot sein. Deshalb sagt er in einem Atemzug: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten!
Was bedeutet das? Die Bibel sagt uns: Der Mensch ist durch seine Sünde von Gott abgeschnitten. Und wenn Gott der Ursprung, die Quelle des Lebens ist, heißt das – ohne Gott sind wir tot. Und Paulus sagt das auch von sich (Eph. 2,5): Auch wir waren in tot in Sünden. Und das stimmt: So viele Menschen leben und leben doch nicht. Sie vegetieren dahin, von einem Tag zum andern und haben kein Ziel und keinen Sinn. Sie haben zwar „Zielchen“, Job, Geld verdienen, Hausbau… Aber als wirklicher Lebensinhalt ist das zu wenig! Es ist eher ein Dauerschlaf. In dem man natürlich wunderschöne Träume haben kann… Aber wie oft sind Träume schon geplatzt! Nein, sagt die Bibel, es gibt mehr als diesen permanenten Wachschlaf, als dieses lebendig Totsein. Gott knipst das Licht an und ruft in dein Leben: „Wach auf!“ Der Liedermacher Wolf Biermann hat Recht wenn er feststellt:
Das kann doch nicht alles gewesen sein
Das bisschen Sonntag und Kinderschrein.
Die Überstunden, das bisschen Kies
Und abends in der Glotze das Paradies.
Darin kann ich doch keinen Sinn sehn.
Das soll nun alles gewesen sein?
Da muss doch noch Leben ins Leben rein.
Ich erinnere mich an einen Autoaufkleber, der zwar etwa platt, aber doch einprägsam die Botschaft auf den Punkt bringt: „Wer Jesus nicht kennt, hat sein Leben verpennt“ Jesus ist der, der aufwecken kann. Warum? Weil er selbst aufgeweckt ist. Oder besser: Auferweckt ist. (Das ist im Griechischen übrigens ein und dasselbe Wort). Wach auf – das meint so etwas wie Auferweckung von den Toten! Wach auf, der du schläfst, so wird dich Christus erleuchten! Also das Licht Jesu, das macht unser Leben hell, so dass wir vom geistlichen Schlaf der Sünde aufwachen, indem wir unsere Sünden vor ihn bringen und er sie uns vergibt. Und aber auch vom leiblichen Tod aufwachen! Ja, das Licht Jesu ist so hell, dass es uns auch vom Tode auferwecken wird, wenn wir ihm gehören.
Aufgeweckt: Gottes Licht weckt uns aus dem Schlaf
Nun, manch einer mag denken: Das ist nicht neu für mich. Ich bin schon lange aufgewacht, ich bin schon lange gläubig… Doch Paulus redet auch und gerade auch zu Christen. Und da kann das zweite passieren
2) Aufgeschreckt: Gottes Licht verscheucht die Heimlichkeit
11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; 12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.
„Im Dunkel ist gut munkeln“ sagt der Volksmund. Und damit ist gemeint: Dinge verabreden, planen, besprechen, die geheim und gemein sind, die man eben nur flüstert. Munkeln kommt nach Grimms Wörterbuch von murmeln, leise reden… (es kann zwar auch: „heimlich essen“ und „naschen“ bedeuten), aber wie dem auch sei: Im Dunkeln – und bei Paulus meint das: nicht mehr in Gottes Gemeinschaft – da geschehen eben auch dunkle Dinge. Bertolt Brecht dichtet in seiner Dreigroschenoper:"Die einen sind im Dunkel / und die andern sind im Licht. / Und man siehet die im Lichte / die im Dunkeln sieht man nicht.“ Heute Morgen stellt sich die Frage: Gibt es auch in unserem Leben dunkle Ecken, wo wir im Dunkeln sind, wo Dinge passieren, die wir andern und vielleicht auch Gott verheimlichen wollen? Ist vielleicht unser Kopf mit unseren Gedanken so eine dunkle Ecke, wo in der Phantasie heimliche Dinge, vielleicht auch unheimliche Dinge passieren. Schmutzige Gedanken, heimliche Sehnsüchte, Neid und Eifersucht… Matthias Claudius hat mit seiner Menschenkenntnis sehr schön gesagt: „Wenn jeder hätte vor der Stirn aus hellem Glas ein Fensterlein, dahinter die Gedanken schwirrn, und jeder könnte sehn hinein. Was gäb das für ein Laufen, um matte Scheiben einzukaufen!“ Nur: Vor Gott können wir nichts verheimlichen. Und wenn Gottes Licht durch sein Wort plötzlich in unser Leben hineinleuchtet, dann fühlen wir uns ertappt, aufgeschreckt. Und das kann manchmal ein heilsamer Schreck sein. Und ich wage einmal zu sagen: Manchmal lässt Gott auch Schreckliches zu, um Menschen aufzuschrecken, um sie aufzurütteln.
3) Aufgedeckt: Gottes Licht deckt Sünde auf
Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird;
Wir sind ja manchmal geneigt, Dinge unter den Teppich zu kehren. Bei mancher Sünde reden wir uns ein: Na ja, andere sind ja auch nicht besser. Oder: Ich seh ja ein, dass ich nicht so ganz korrekt gehandelt habe, aber ich konnte einfach nicht anders. Oder: Ich weiß ja, dass sich mein Verhalten ändern müsste, aber ich bin zu schwach dazu. Das ist Verdrängung. Unter den Teppich kehren. Doch Gottes Licht deckt Sünde auf. Schonungslos. Er leuchtet in unsere dunklen Ecken. Menschen können wir ganz gut täuschen. Ich weiß noch, als Kind, wenn‘s drum ging: Zimmer aufräumen. Das ging manchmal ganz schnell. Und Mama war beeindruckt, wie toll es dann aussah. Aber dass alles nur schnell in irgendwelche Schubladen oder unters Bett geschoben wurde, das hat sie nicht immer gleich gemerkt. Vielleicht machen wir vor Menschen auch einen recht aufgeräumten Eindruck. Aber Gott können wir damit nicht täuschen. Er schaut auch in unsere versteckten Schubladen, unbereinigte Vergangenheit. Er leuchtet unters Bett und hebt den Teppich hoch. Er benutzt dazu vielleicht dein Gewissen, sicher aber sein Wort. Und manchmal auch andere Christen. Wenn wir denn den Mut haben, auch einander zurecht zu helfen. Paulus sagt es uns ja: Deckt die Werke der Finsternis auf. Dazu muss Sünde auch Sünde genannt werden. Heute wird so viel zugedeckt, verschleiert. Betrug nennt man „Cleverness“. Ehebruch wird verharmlosend „Seitensprung“ genannt. Und Abtreibung? In einer Infobroschüre von ProFamilia wird eine Abtreibungsprozedur verharmlosend beschrieben, ohne dass ein das „Kind“ oder der „Embryo“ überhaupt vorkommt. Stattdessen heißt es: „Nach einer kaum spürbaren Betäubungsspritze […] wird mit einem dünnen Stäbchen das Schwangerschaftsgewebe abgesaugt. […] Nach dem Abbruch gehen Sie zurück in den Ruheraum und erholen sich bei einer Tasse Tee oder Kaffee.“ Und in einem Jugendroman wird der 17jährigen schwangeren Lisa die Abtreibung bei einem Beratungsgespräch von ProFamilia so erklärt: „medizinisch gesehen ist es weniger schmerzhaft, als einen Zahn zu ziehen.“ Dass hier ungeborenes Leben getötet wird – wer wagt das noch zu sagen?
Aber im Licht Gottes wird Unrecht und Sünde aufgedeckt. Bei jedem Unglück – auch bei der großen Katastrophe gestern bei der Loveparade in Duisburg muss Aufdeckung und Aufklärung erfolgen: Es muss Licht hinein gebracht werden, ob und wo Verantwortliche Fehler gemacht haben. Und wir fordern das zu Recht. Aber da, wo wir verantwortlich sind: für unser Tun, für unser Leben, da fällt es uns schwer, dass Gottes Licht Versäumnisse aufdeckt. Haben wir Angst? Angst davor, dass wir bei Gott unten durch sind? Gott deckt nicht auf, um uns an den Pranger zu stellen. Nein, er deckt auf, um unser Leben selber aufzuräumen, in Ordnung zu bringen, zu reinigen, zu vergeben. Und das große Geheimnis des Glaubens ist die Reihenfolge: Du musst nicht erst selber alles in Ordnung bringen, bis du ein Kind Gottes werden kannst. Bis du in sein Licht kommst. Sondern er lädt dich ein, so wie du bist, sein Kind zu werden, mit allen dunklen Ecken. Mit all deiner Last, deinen Sorgen. Er sagt: Vertrau dich mir an, lade Jesus Christus ein. Dann bist du ein Kind Gottes, ein Kind des Lichts. V. 8: „Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“ Nicht in euch selbst, sondern in dem Herrn, in Jesus! Ihr seid es! Der Indikativ geht dem Imperativ voraus. Weil ihr es schon seid, das Licht, darum: lebt auch so! Lebt als Kinder des Lichts. Sei, was du bist; und tu, was du weißt! Vielleicht hat Gottes Licht heute Morgen dich aufgeweckt, vielleicht auch aufgeschreckt, und vielleicht so manches aufgedeckt.
Eins aber hat er ganz gewiss aufgedeckt: Den Tisch seiner Gnade, den hat er gedeckt, das heilige Abendmahl als Zeichen seiner Vergebung. Hier ist aufgedeckt.
Amen.