Das Geschenk der Geduld
Gottesdienst am Sonntag, 6. Dezember 2009
Thema: Das Geschenk der Geduld
Text: Jakobus 5,7+8
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Warten, warten, warten…, liebe Gemeinde! Unsere Geduld wird oft strapaziert. Die Frau wartet, dass der Mann endlich von der Arbeit nach Hause kommt. Der Mann wartet, dass die Frau sich endlich mal entschieden hat welches Kleid sie zum Ball anziehen will. Der Bruder wartet, dass die Schwester endlich im Badezimmer fertig ist. Das Mädchen wartet, dass ihm endlich der Traumprinz begegnet. Die Oma wartet, dass endlich die Enkel sie mal besuchen kommen. Der Mann am Bahnsteig wartet, dass endlich mal der Zug kommt. Der Arbeitssuchende wartet, dass endlich mal eine Zusage kommt. Die Kranke wartet, dass endlich mal die ersehnte Heilung kommt. Die Kinder warten, dass endlich Weihnachten wird. Was tun, wenn man es kaum noch erwarten kann? Wenn die Ungeduld einen fast zerreißt?
Vor rund hundert Jahren hatte in der Lüneburger Heide ein bekannter Schafhirte regen Zulauf. Heinrich Ast, so sein Name, auch Schäfer Ast genannt, verstand sich auf Heilkräuter und konnte mit seiner Kräuterheilkunde tatsächlich vielen Kranken helfen und viele Gebrechen heilen. Doch es kam nicht selten vor, dass die Patienten bei den recht ungewöhnlichen Heilmethoden – etwa das Trinken von Heilkräuterteemischungen – sehr ungeduldig wurden, wenn die erwünschte Wirkung eben nicht sofort eintrat. Da pflegte Schäfer Ast gewöhnlich zu sagen: Abwarten und diesen Tee trinken! Daraus ist dann das geflügelte Wort geworden: Abwarten und Tee trinken… Eine Einladung zu Geduld und Gelassenheit.
Hilft uns das wirklich weiter? In den Geduldsproben des Alltags vielleicht. Abwarten und Tee trinken. Ich habe hier etwa einen Tee-Adventskalender geschenkt bekommen. Da kann man jeden Tag einen andern Tee trinken mit einem tiefsinnigen Gedanken. Etwa hier vom heutigen Nikolaustag: „Mach anderen Freude! Du wirst erfahren, dass Freude freut.“ Oder aber – ich hab schon mal gelunst, am 17. kommt steht auf dem Teebeutel ein Zitat von John Ortberg, und dass passt wirklich gut zu unserem Thema: „Warten heißt, dass wir Gott zutrauen, dass er weiß, was er tut.“
Nicht nur im Alltag, auch im Glauben wird uns viel Geduld abverlangt. Da ist einer, der so lange für etwas betet und wartet, dass seine Gebete doch endlich erhört werden. Und da ist eine Christenheit, die seit fast 2000 Jahren darauf wartet, dass Jesus Christus endlich sichtbar wiederkommt, wie er es versprochen hat. Ja, dieses Versprechen gibt es. Und wir bekennen es Woche für Woche im Glaubensbekenntnis: „Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“. In Matthäus 24 sagt Jesus: „Und alle werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ Ja, aber wann? „Abwarten und Tee trinken“ hilft da wohl kaum weiter. Wir brauchen Geduld. Jakobus 5
7 So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. (Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.)
Was hat es mit dem Warten auf das Kommen Jesu und mit der Geduld auf sich?
Ich möchte drei Stichworte nennen, die zur Geduld beim Warten auf das Kommen Jesu dazugehören.
1) Treue
Das Warten fällt uns dann besonders schwer, wenn wir nicht sicher sind, ob sich das Warten lohnt. Das Warten aufs Ungewisse. Ob wir wirklich dem trauen können, worauf wir warten. Wird sich für das wartende Mädchen wirklich der Traumprinz einstellen, oder kommt eher ein Frosch? Wird die 30. Bewerbung um einen Arbeitsplatz wirklich zum Erfolg werden oder wird es doch wieder eine Absage? Wird die Therapie wirklich Heilung bringen oder Enttäuschung. Das Warten ins Ungewisse ist besonders schlimm. Doch das Warten auf das Kommen Jesu ist kein Warten ins Ungewisse. Sondern ein Warten mit einer festen Gewissheit, die in der Treue Jesus Christi begründet ist. Ich weiß: Er ist mir treu, was immer kommen mag, und deshalb wird er auch sein Versprechen halten und wiederkommen, wie er es versprochen hat. Liebe Freunde, denken wir nicht, die Wiederkunft Jesu sei ein Randthema des Glaubens. Nein – es ist ein ganz zentraler Inhalt unseres Glaubens: Dass die Erlösung, die durch Jesus Tod am Kreuz begonnen hat, in seiner Wiederkunft zur Vollendung kommt. Leiden wir nicht an der Spannung zwischen dem Schon jetzt und Noch nicht? Ja, schon jetzt ist das Reich Gottes mitten unter uns, wir können Vergebung der Sünden schon jetzt erfahren, Versöhnung von Feinden, Liebe, Gemeinschaft, Freude im Glauben. Aber dennoch ist es doch noch nicht der Himmel! Noch nicht die Vollendung. Es bleiben doch Zweifel, wir erleben doch auch als Christen immer wieder Scheitern, es gibt unter uns Streit. Und Gottes Reich in dieser Welt ist doch noch so was von verborgen! Der Weihnachtsgruß der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden erscheint doch noch so was von unvollendet! Unser Glaube braucht die Wiederkunft Jesu! Advent heißt Ankunft. Ankunft Jesu. Und es gibt neben dem 1. Advent, dem 1. Ankommen Jesu in dieser Welt damals in Bethlehem unbedingt den 2. Advent. Sein 2. Ankommen in dieser Welt in Herrlichkeit. Dann wird endlich alles Leid dieser Welt zu Ende sein, Krieg und Terror vorbei, wenn Jesus kommt und alles richten wird, d.h. zurechtbringen wird. Wir wissen nicht, wann er kommt. Aber dass er kommt! Darauf warten wir. Das ist so wichtig, dass Paulus das im 1. Thess. 1,10 als eine von zwei Hauptaufgaben von uns Christen nennt: Er schreibt: Ihr habt euch bekehrt, 1. um zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und 2. zu warten auf seinen Sohn vom Himmel. Die Bibel beschreibt in wunderbaren Bildern die Wiederkunft Jesu. Etwa dass Jesus als der treue Bräutigam kommt, von dem die Braut zwar nicht genau weiß, wann er kommt, aber voller Liebe und Treue wartet sie auf ihn und auf das große Hochzeitsfest. Und in der Offenbarung wird er als Reiter auf einem weißen Pferd gemalt. Offb. 19,11: „Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig.“ Oder als Fürst, der außer Landes zieht und eines Tages gewiss wiederkommen wird. Und seine Knechte haben den Auftrag, in der Zeit des Wartens auch treu zu sein, in seinem Namen zu handeln. Das ist unser Auftrag! Bis Jesus wiederkommt, sollen wir in seinem Namen handeln, seine Botschaft weitergeben, einschreiten gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit und Menschen zum Glauben an Jesus Christus einladen. Und da gilt auch unsere Treue. Weil Jesus uns treu ist, wollen auch wir ihm treu sein, wenn wir ihm denn schon gehören. Wenn wir um Jesu Treue wissen, können wir geduldig sein.
2) Erwartung
Beim Kommen Jesu geht es nicht nur um Warten, sondern um Erwartung. Warten kann völlig teilnahmslos sein. Aber wer etwa verliebt ist, der wartet nicht nur auf die Geliebte, sondern der erwartet sie. Wenn ich nach zwei Wochen Jugendfreizeit wieder nach Hause komme, dann bin ich voller Erwartung auf das Wiedersehen mit meiner Familie. Das ist freudiges Warten mit lauter Herzklopfen. Jakobus benutzt noch den Vergleich mit dem Landwirt. Ein Bauer erwartet die kostbare Frucht aus der Erde. Er hat so viel Mühe in die Saat gesteckt und jetzt ist da Vorfreude und Erwartung auf die Zeit der Ernte. So wie es banges Warten gibt, gibt es freudiges Warten. Und wenn Jesus wiederkommt, dann dürfen wir ihn froh erwarten, wenn wir an ihn glauben. Zugleich kommt er aber auch zum Gericht denen, die ihn ablehnen. Paul Gerhardt sagt es im Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“ so: „Er kommt zum Weltgerichte: zum Fluch dem, der ihm flucht, mit Gnad und süßem Lichte dem, der ihn liebt und sucht.“ Wer in Erwartung lebt, der kann es kaum erwarten, der lebt in Vorfreude! Das ist ja auch ein Geheimnis, das Warten auszuhalten: Wenn es verbunden ist mit Vorfreude. Das ist ja gerade das Schöne, wenn man noch nicht vor Weihnachten schon alle Geschenke weiß und hat. Man raubt sich so viel Vorfreude, wenn man mit der Einstellung lebt: „Ich will alles und zwar sofort.“ Auch unter Christen gibt es viel Ungeduld, gerade beim Kommen Jesu. Man versucht, aus der Bibel heraus Termine zu berechnen. Obwohl Jesus klar gesagt hat: Ihr wisst weder Tag noch Stunde, in welcher der Menschensohn kommen wird.
Der amerikanische Farmer William Miller, der Gründer der Adventsgemeinden, errechnete, dass in der Zeit zwischen dem 21. März 1843 und dem 21. März 1844 die Welt untergehen und Christus wiederkommen müsse. Viele seiner Anhänger verkauften oder verschenkten im Winter 1843/44 all ihr Hab und Gut. Aber ihre Hoffnung wurde enttäuscht. Da wies einer der Anhänger Millers, namens Snow, darauf hin, dass der Bräutigam im Gleichnis der zehn Jungfrauen doch bis Mitternacht verzog, deutete dieses Jahr auf ein halbes Jahr unserer Zeitrechnung und vertrat mit Feuereifer die Lehre, am 21. Oktober 1844 komme der erhöhte Herr nun wirklich. Mit verzückten Blicken sahen die Wartenden an diesem Tage, mit weißen Kleidern angetan, zum Himmel empor, jedes Wölkchen begrüßend, da es doch den Herrn bringen konnte. Einer, der dabei war, schreibt: "Aber der Tag verging und ließ die Wartenden, ach, so traurig. Die Schale des Wohlgeruchs der vorher schon empfundenen unsterblichen Freude lag zerbrochen zu ihren Füßen. Sie hatten so viel gebetet: Komm, Herr Jesus! Aber er kam nicht." - Aber sagt nicht das Wort Gottes: „Das Kommen des Herrn ist nahe.“ – Ja, aber wir dürfen nicht übersehen, dass bei Gott ganz andere Maßstäbe gelten. Im 2. Petrusbrief heißt es: „Vor Gott sind 1000 Jahre wie ein Tag“. Gott möchte, dass wir in beständiger, froher Erwartung leben. Und Augustinus, der große Kirchenvater, sagte ganz treffend über den Tag der Wiederkunft Jesu:
"Den einen Tag hat Gott uns verborgen, damit wir achthaben auf alle Tage."
3) Erfüllung
Auch das gehört zu unserem Warten dazu: Es wird einmal Erfüllung finden. „So seid geduldig und stärkt eure Herzen“ sagt Jakobus im Predigttext. Und dies ist nur möglich, wenn wir an die Erfüllung denken. Das Warten wird ein Ende haben, so wie die Adventszeit nach der für kleine Kinder schier unendlichen Zeit von 24 Tagen ihre Erfüllung im Heiligabend findet, so wird auch das Warten auf die Wiederkunft Jesu zur Erfüllung kommen.
Bei einem Erdbeben der Stärke 8.2, das Armenien 1989 erschütterte und fast dem Erdboden gleichmachte, starben in weniger als vier Minuten über dreißigtausend Menschen. In dem völligen Chaos läuft ein aufgeregter Vater durch die engen Straßen zu der Schule hin, in die sein Sohn am frühen Morgen gegangen war. Der Mann hat nur eines im Kopf: das Versprechen, das er seinem Sohn schon so oft beim Abschied gegeben hatte: «Was immer passiert, Arman, ich werde immer wieder zu dir kommen.»
Er kommt an die Stelle, wo die Schule gestanden hat. Aber er sieht nur einen riesigen Trümmerhaufen. Zuerst steht er nur da und kämpft mit den Tränen. Dann gibt er sich einen Ruck und geht mühsam über den Schutt auf den hinteren Gebäudeteil zu, von dem er weiß, dass dort der Klassenraum seines Sohnes gewesen war. Mit bloßen Händen beginnt er zu graben. Verzweifelt zieht er Steine und Mauerreste weg, während andere Leute um ihn herumstehen und ihm in ungläubiger Verzweiflung zuschauen. Sogar Polizisten hört er murmeln: «Hör doch auf, Mann, die sind alle tot.»
Die meisten haben aufgegeben. Der Mann aber kann nur noch an seinen Sohn denken. Er gräbt sich immer weiter durch den Schutt hindurch - für Stunden … zwölf Stunden … achtzehn Stunden … sechsunddreißig Stunden ….
Endlich, in der achtunddreißigsten Stunde, hört er ein leises Stöhnen unter einem Stück von der Schultafel.
Er reißt die Tafel heraus, wirft sie weg und schreit: «ARMAN!» Aus der Dunkelheit kommt eine leise zitternde Stimme: «Papa…!?»
Den wenigen dagebliebenen Eltern und Zuschauern stockt der Atem. Schreie der Erleichterung kommen aus ihrer Richtung. Vierzehn der dreiunddreißig Schüler werden lebend geborgen.
Jeder kann es hören, wie Arman sich auf einmal seinen Freunden zuwendet und sagt: «Hab ich es euch nicht gesagt? Mein Vater hat mir versprochen: Er wird kommen!»
Er wird kommen. Das hat uns Jesus auch versprochen. Und er wird dieses Versprechen halten. Und bis dahin? Abwarten und Tee trinken? Tee? T.E.E.? Wenn wir uns diese drei Stichworte dabei vorstellen: T wie Treue, E wie Erwartung und E wie Erfüllung, dann können wir getrost Abwarten und Tee trinken und uns dabei von Gott Geduld schenken lassen.
Amen.