Das große Los
Gottesdienst am Sonntag, 3. Januar 2010
Thema: Das große Los
Text: 1. Johannes 5,11-13
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde!
El Gordo – „der Dicke“ so heißt der Hauptgewinn der spanischen Weihnachtslotterie, mit einer Gesamtausschüttung von über 2 Milliarden Euro übrigens die größte Lotterie der Welt. In den Tagen vor Weihnachten fiebert ganz Spanien dem großen Los entgegen.
Das große Los ziehen – irgendwie übt das eine starke Faszination aus. In diesen Tagen etwa ist Italien wieder im Lottofieber, wo sich im Jackpot 114 Millionen Euro befinden. Ein Grund nach Italien zu fahren, um dort das große Los zu ziehen? O Kohle mio?
Es gibt einen netten jüdischen Spaß: Herr Rosenthal, ein frommer Jude, bittet Gott täglich: „Herr, ach Herr, gib mir doch einmal einen Hauptgewinn in der Lotterie!” Wochen und Monate bittet er so und wartet. Nichts passiert. Schließlich antwortet ihm Gott: „Rosenthal, ach Rosenthal, gib mir eine Chance und kauf dir wenigstens endlich mal ein Los!”
Da steckt ja wie so oft beim jüdischen Humor eine Menge Tiefsinn drin. Gemeint ist: Du kannst nicht einfach nur beten, dass das große Glück kommt und dann die Hände in den Schoß legen. Sondern die Möglichkeiten, die wir haben, gilt es zu nutzen. Und dennoch: Das große Los in der Lotterie ist sicher nicht der Weg, um für sich das große Los zu finden.
Also, beim Losglück gehöre ich selber nicht zu den Erfolgreichen. Wenn ich bei der Weihnachtsmarkt-Tombola Lose kaufe, dann steht da immer nur: „Diesmal leider nichts“ oder „Schade“ oder „Niete“ – wobei ich mich frage, letzteres als Anrede gemeint sein könnte. Christina hat immerhin einen kleinen Kuscheltiger ergattert, und Anna ein Aftershave. Aber auch nicht das ganze große Los. Von El Gordo – dem Dicken – kann keine Rede sein.
Doch das Wort Gottes gibt uns heute am Beginn des neuen Jahres das ganz große Los. Den Hauptgewinn. Wenn du dies Los gezogen hast, hast du alles. Das Los hat den Namen „Sohn Gottes“ – und der Gewinn ist das ewige Leben. Hören wir den Predigttext aus 1. Johannes 5:
11 Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. 13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.
Um das ganz große Los zu bekommen, müssen wir zunächst von einem ganz anderen Los reden. Nämlich:
1) Vom Los-lassen – Was hindert uns?
Wenn wir den 1. Johannesbrief lesen, dann entdecken wir, dass es einiges gibt, was es loszulassen gilt, um das große Los des ewigen Lebens zu bekommen. Und gerade jetzt am Beginn des neuen Jahres ist ein guter Augenblick, um innezuhalten und auch loszulassen. Das alte Jahr loslassen, aber auch manches, was uns hindert im Glauben, loslassen, was uns von Gott los machen will, gott-los machen will. Was könnte das sein? Der 1. Johannesbrief nennt eine ganze Reihe von Dingen:
Da wäre zum einen Selbstgerechtigkeit. Kapitel 1,8: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Ich ertappe mich selber manchmal dabei, dass ich denke: Hm, eigentlich gebe ich mir ja große Mühe, ein braver Christ und ein guter Pastor, und ein liebevoller Familienvater zu sein, eigentlich kann Gott ganz zufrieden mit mir sein. Es gibt doch viele, die viel schlechter sind… Und ruckzuck klopft man sich selber auf die Schulter und signalisiert: Gott, ich brauch dich nicht. Ich schaff’s schon allein. Nein, sagt Johannes. Dann hast du dich noch nicht richtig erkannt. In jedem von uns schlummert ein Abgrund von Selbstsucht, Hochmut. Es ist wichtig, sich selber loszulassen. Sich als hilfsbedürftig erkennen. Sich selber im eigenen Perfektionismus, auch in Glaubensdingen nicht so wichtig nehmen. Arno Backhaus sagt gern: „Die schwierigste Turnübung ist, sich selbst auf den Arm zu nehmen.“ Loslassen heißt: Abschied von der Selbstgerechtigkeit.
Weiter im 1. Johannesbrief: 2,9: „Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.“ Loslassen heißt: Abschied von Unversöhnlichkeit. Ich erlebe auch unter Christen so viel Streit und Unversöhnlichkeit, dass ich mich wirklich wundere. Sicher gibt es Enttäuschungen und Verletzungen, Wunden, die nicht heilen wollen. Aber solange ich im Herzen Groll und Hass und Unversöhnlichkeit festhalte, werde ich nicht befreit das große Los ziehen, werde ich nicht ganz die Freiheit der Kinder Gottes erleben. Natürlich weiß ich, dass Menschen einander Dinge antun können, manchmal sogar Vater oder Mutter, die man nie vergessen kann. Wo man es auch nicht allein schafft, darüber weg zu kommen. Hier brauchte es mitunter viel Seelsorge oder auch Therapie. Es wäre auch eine Illusion zu glauben, man müsste als Christ mit allen in trauter Harmonie zusammenleben und immer Fünfe grade sein lassen. Darum geht es nicht. Aber solange ich in mir noch einen unbezwungenen Hass verspüre, gibt es etwas, was mich gefangen nimmt. Hier gilt es: Gott um Kraft zu bitten zum Loslassen, auch die Schatten der Vergangenheit loslassen.
Und noch ein weiteres Loslassen: 2,15: „Habt nicht lieb die Welt. Die Welt vergeht mit ihrer Lust.“ Gott hat uns diese Welt gegeben auch zum Genuss und zur Freude. Aber es gibt auch eine falsche Weltliebe, die uns von Gott wegbringt. Falsche Freunde, Hobbys, die zum Gott werden, ein Genießen, das zur Sucht wird, Bilder, die die Fantasie vergiften. Hier gilt es, gerade jetzt zum Jahresanfang: Loslassen. Auf das verzichten, was mich von Gott wegbringt. Ich weiß von einem Bekannten, der sogar für Monate den Fernseher rausgeschmissen hat, weil er ihn immer verführt hat, zu spät ins Bett zu gehen, und die Beziehung zu Gott gelitten hat, auch die Ehe. Loslassen, was uns kaputt macht.
In Afrika haben die Schwarzen eine einfache Methode, kleine Affen zu fangen. Sie stellen am Waldrand Tonkrüge mit einem engen Rand auf, füllen Mandelkerne hinein und entfernen sich. Nun wittern die Affen ihre Lieblingsspeise, kommen heran und greifen gierig in den Krug, nehmen die Pfote voller Mandeln und bekommen die gefüllte Pfote nun nicht mehr aus dem Krug heraus. Sie brauchten die Mandeln nur loslassen, um ihre Freiheit und das Leben zu retten. Aber sie essen die süßen Mandeln nun mal „für ihr Leben gern”. Darum warten sie mit der gefüllten Pfote, bis die Schwarzen herbeikommen und die Affen gefangen nehmen.
Manchmal geht es uns Menschen auch so. Wir sind in gewisse Dinge so vernarrt, dass wir sie „für unser Leben gern” festhalten. Wir brauchten manche Dinge nur einfach loszulassen und würden unsere Freiheit und das Leben gewinnen.
An welcher Sünde oder Begierde, an welcher Sucht oder Nichtigkeit halten wir „für unser Leben gern” fest?
Lass los. Und du entdeckst ein besseres Los. Es heißt:
2) Von Sünden los – Von der Niete zum Gewinn
Gott hilft uns nicht nur beim Loslassen, sondern er macht uns auch los. Er macht uns von unseren Sünden, Sorgen und vielleicht auch Süchten los. Das ist eine großartige Botschaft, auch wenn sie uns vielleicht manchmal ein bisschen zu vertraut, fast ein bisschen langweilig vorkommt. 1. Johannes 1,9: Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.
Reißt uns das noch vom Hocker? Für Martin Luther war diese Erkenntnis der größte Hauptgewinn, mehr als 6 Richtige im Lotto. Denn er wusste von da ab, er brauchte keine Angst mehr vor Gott zu haben. Für uns ist Gott so klein und harmlos geworden, eben der liebe Gott. Aber Luther wusste: Man kann auch vor Gott Angst haben. Er ist auch Richter. Gott ist die höchste Instanz, die es gibt. Aber er spricht uns frei, wenn wir an Jesus Christus glauben. Dann sind wir die Sünden los, und wenn wir vor der höchsten Instanz, vor der größten Macht, die es gibt, keine Angst mehr zu haben brauchen, dann brauchen wir eigentlich vor nichts und niemandem mehr Angst zu haben. Wenn wir uns vielleicht selber manchmal als Niete betrachten, sind wir aus Gottes Sicht frei von Sünden, unendlich wertvoll. Wenn wir uns manchmal als Null vorkommen und jedes Versagen eine Null hinzufügt, dann kann Jesus daraus noch die große Losnummer machen. Der indische Evangelist Sundar Singh hat es einmal so gesagt: „Christus ist die Nummer eins. Stellen wir die Eins an die Spitze und fügen dahinter eine Anzahl Nullen an, so wird die Summe dennoch riesengroß.“ – Ohne die Eins vorne wären es nur Nullen, Nieten. Aber Jesus als der Nr. „1“ wird unser Leben zum Gewinn.
3) Jesus soll die Losung sein – Die Parole für das Leben
„Jesus soll die Losung sein, da ein neues Jahr erschienen“, heißt es in einem Lied. Wer vor einer verschlossenen Tür in einer mittelalterlichen Stadt stand und Einlass wollte, der brauchte u.U. die richtige Losung, die Parole. Sonst ließen die Wachen ihn nicht rein. Wer den Zugang zum Leben, zum ewigen Leben haben möchte, braucht ebenso die Losung – und die hat einen Namen: Jesus, der Sohn Gottes. „Wer den Sohn hat, der hat das Leben, wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ Aber es fällt auf, dass Johannes hier nicht nur vom ewigen Leben schreibt. Nein, er wählt viel weiter gefasst den Begriff „Leben“. In einer U-Bahn-Station hat ein Sprayer ein Graffiti an die Wand gesprüht:
„Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ – Ein paar Tage später hat ein zweiter darunter gesprüht: „Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ Für manch einen ist das die noch dringlichere Frage. Ich glaube, dass eine Beziehung zu Jesus die Antwort auf beides ist. Wer Jesus hat, und damit ist gemeint, Jesus im Herzen hat, also wirklich eine Beziehung mit Jesus lebt, der darf beides haben: Das ewige Leben. Aber es beginnt nicht erst nach dem Tod, sondern es beginnt schon hier in diesem Leben. Es heißt hier nicht: „wird das Leben haben“, sondern: „er hat das Leben“ im Präsens. Mal ehrlich: Auch Nichtchristen haben ja Leben. Und manche kein schlechtes, sondern durchaus ein erfolgreiches, ein glückliches Leben. Aber - ich kann es ja nur vermuten – im tiefsten stellt sich sicher jedem mal die Sinnfrage: Wozu das alles? Was ist der Sinn? Gibt es noch mehr als das Sichtbare, das doch alles so vergänglich ist wie das gerade vergangene Jahr. Wann krieg ich das ganz große Los?
Rainer Maria Rilke hat diese Erwartung des Lebens so beschrieben:
„Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.”
Und auf diese Sehnsucht, diese Erwartung, die Sinnfrage: ist Jesus die Antwort, die Losung, die die Tür öffnet zum Leben. Und dann gilt:
4) Rücke vor bis auf „Los“ – Mit neuem Schwung ins neue Jahr
Wohl jeder kennt das Brettspiel Monopoly. Eine der besten Karten ist: „Rücke vor bis auf Los!“. Denn da beginnt eine neue Runde und man streicht wieder 4000,- DM ein (ich hab gehört, in der Euro-Version sind’s nur noch 200,- €, naja in Zeiten wie diesen muss man den Gürtel eben enger schnallen!). Ein neues Jahr hat begonnen. Eine neue Runde. Wie beim Monopoly-Spiel. Aber was können wir einstreichen? Ich glaube, dass die Verheißungen Jesu uns begleiten, uns Kraft geben, auch für diese neue Runde, für dieses neue Jahr. Etwa: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Amen.