Die Macht des Gebets
Gottesdienst am Sonntag, 9. Mai 2010
Thema: Die Macht des Gebets
Text: 1. Timotheus 2,1-6a
Liebe Gemeinde,
In Jerusalem war ein Tourist unterwegs, der wollte gerne die weltberühmte Klagemauer besichtigen. Doch leider fiel ihm nicht das englische Wort dafür ein, und so beschrieb er dem Taxifahrer, was er meinte: “Bringen Sie mich bitte zu dem Ort, wo die Leute weinen und klagen.“ Der Taxifahrer nickte verständnisvoll und brachte den Tourist geradewegs – zum Finanzamt!
Ein Missverständnis. Nun, im Judentum wird die Klagemauer gar nicht Klagemauer genannt, sondern Westernwall oder „Kotel“ (=Mauer). Denn es ist für die Juden keineswegs nur eine „Klage“-Mauer. Es ist ein Ort des Gebets. Und zwar ganz umfassend: da wird Gott gedankt und getanzt – etwa bei einer Bar Mizwah, da wird Gott gelobt und geklagt, und es werden Gott Bitten vorgebracht. Oft sogar auf ein Zettelchen geschrieben, das man in die Steinritzen zwischen die jahrtausendalten Steine schiebt. Ich bin jedes Mal neu berührt, wie viel Tausende, Hunderttausende solcher Zettelchen, solcher Gebete dort stecken mögen! Jedes Jahr kommen 5 Millionen Menschen zur Klagemauer zum Beten. Neuerdings kann man auch per Email seine Gebete hinschicken, die dann ausgedruckt und in die Ritzen gesteckt werden. Aber wie gut, dass Gott auch Gebete erhört, die nicht in diesen alten Steinen stecken! Doch die Klagemauer zeigt, wie wichtig vielen Menschen das Gebet ist! Auch in Deutschland spielt das Gebet durchaus noch eine Rolle. Allerdings merkwürdig: Meist nur in Notlagen.
In schwierigen Lebenslagen sind es vor allem Frauen, die von einem kurzen Stoßgebet gen Himmel Hilfe erhoffen. Bei einer repräsentativen Umfrage der "Apotheken Umschau" gab fast die Hälfte der weiblichen Befragten (48,7 Prozent) an, in brenzligen Situationen zu beten. Von den Männern sieht nur knapp ein Drittel (31,5 Prozent) dann einen Ausweg im Gebet. Gebet als letzter Notnagel? Ist das der Sinn des Gebets? Zumal nur 17% glauben, dass Gebete tatsächlich etwas bewirken und die Wirklichkeit verändern können.
Heute geht es um die Macht des Gebets. Was ist eigentlich die wichtigste und vorrangige Aufgabe von Christen? Nächstenliebe? Gute Werke tun? Bibellesen? Gottesdienst besuchen? Paulus ist ganz eindeutig: Das Gebet! Daraus erwächst alles andere. Hören wir den Predigttext aus 1. Timotheus 2:
1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen,
2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
4 welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
5 Denn es ist "ein" Gott und "ein" Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus,
6 der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, dass dies zu seiner Zeit gepredigt werde.
1) Welche Bedeutung hat das Gebet?
Paulus ermahnt uns, dass wir vor allen Dingen das Gebet tun. Also dem Gebet die allererste Priorität einräumen. Das ist zum einen zeitlich zu verstehen: Früh am Morgen, bevor der Tag uns mit seiner Hektik ereilt hat, die Gemeinschaft mit Gott suchen, Gott begegnen in seinem Wort, im Losungsbüchlein, im Gebet. Vor allen Dingen bedeutet aber noch mehr: Es ist eine Aussage über die Bedeutung und Wertigkeit des Gebets. Auch als Christen stehen wir manchmal in Gefahr, das Gebet zu unterschätzen. Wir denken: Gott weiß doch eh schon alles. Und dann denken wir: Lieber Ärmel hochkrempeln und anpacken. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Jemand hat mal gesagt: „Gebet ist kein Ersatz für die Tat. Aber es ist eine Tat, die durch nichts zu ersetzen ist.“ Das Gebet ersetzt nicht das andere: Mission, Nächstenliebe, Diakonie usw. Aber ohne Gebet ist alles andere in Gefahr, reiner Aktionismus zu werden. Wir verwechseln eigene Ideen, Pläne, Wünsche mit dem Willen Gottes. Es geht dann letztlich nur um unsere Ehre, um unsere Gemeinde, um uns selbst – und nicht mehr um die Ehre Gottes. Wenn Gebet die erste Priorität hat, sollten wir uns auch regelmäßige Gebetszeiten angewöhnen. Nicht nur vor schwierigen Entscheidungen und in Notsituationen. Sondern regelmäßig! Ich finde, der Daniel der Bibel ist ein großes Vorbild: Mitten im fremden Land, in einer heidnischen Umgebung, Dreimal täglich betet er regelmäßig – gen Jerusalem gewandt. Morgens, mittags, abends. Morgens um die Sorgen und Lasten des bevorstehenden Tages Gott anzubefehlen, mittags um im ganzen Trubel des Arbeitstages innezuhalten, zur Ruhe zu kommen, und abends um Gott zu danken für alles Gelungene und um Vergebung zu bitten für Versagen und Versäumnisse. Und denken wir nicht, dass Daniel mehr Zeit hatte als wir. Er war eine Art Ministerpräsident im medisch-persischen Reich.
Chefberater des Königs. Aber er hat sich die Zeit genommen. Martin Luther hat es mal schön gesagt: „Heute habe ich viel zu tun, deswegen muss ich viel beten!“
Ein Missionar aus Surinam berichtete einmal: In Surinam haben sich die Christen, weil ihre Hütten nur aus einem Raum bestehen, einen Gebetsplatz im Wald gesucht, wohin sie täglich gingen, um dort in der Stille allein mit Gott zu reden. Die Gebetswege waren mit der Zeit wie ausgetretene kleine Pfade. Eines Tages sagte ein Eingeborener zu seinem Nachbarn ganz liebevoll: „Du, auf deinem Gebetsweg wächst langsam das Gras!”
Darf ich einmal fragen: Wächst auf deinem Gebetsweg auch schon langsam das Gras?
2) Welchen Inhalt hat das Gebet?
Paulus sagt uns, dass Gebet einen vierfachen Inhalt haben können: dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet (= Anbetung), Fürbitte und Danksagung. Dies ist sicher nicht als Reihenfolge zu verstehen, die man so der Reihe nach abarbeiten soll. Aber es zeigt uns den Reichtum des Gebets. Und bestimmt steht nicht umsonst die Bitte an erster Stelle.
Die Bitte nennt Luther das allerwichtigste beim Beten. Denn hier lassen wir Gott Gott sein, d.h. wir kommen vor ihn mit leeren Händen. Wir spüren, dass unsere Kraft nicht ausreicht zum Leben und zum Sterben. Das vorrangigste ist nicht die Anbetung, das Gotteslob oder der Dank – so wichtig das auch ist – aber da ist es so, dass wir Gott etwas geben, etwas zurückgeben. In der Bitte aber sind wir die Empfangenden und Gott der Gebende, der Schenkende. Und das ist sein Charakter: uns zu beschenken. In der Bitte können wir mit all unserer Not zu ihm kommen. „Wenn du kraftlos bist und verzweifelt weinst, hört er dein Gebet, wenn du ängstlich bist und dich selbst verneinst...“ Auch die Not, die uns das eigene Versagen bereitet, treibt uns ins Bittgebet um Vergebung. Die Not unserer gestörten Beziehungen zum Partner, zu den Eltern oder Kindern... Die Not unserer Abhängigkeiten, unserer Sorgen und Süchte.
Mit der Bitte verwandt ist die Fürbitte. Auch sie ist sehr wichtig: Denn sie weitet unseren Blick für die Not anderer Menschen. Wenn wir Fürbitte üben, für andere beten, dann drehen wir uns nicht immer um uns selbst und unsere Probleme. Es ist gut, gerade für die Menschen zu beten, die uns Mühe machen. Neulich hatte ich ein längeres Telefonat mit einer Frau, die tief verletzt war von einem anderen Menschen. Sie sagte: „Also ich bin ja ein guter Christ und nicht rachsüchtig, aber was der uns angetan hat, das kann ich ihm nie verzeihen! Und der ändert sich nie!“ Ich sagte: „Versuchen Sie doch mal, für ihn zu beten. Sie werden merken, wie das Ihre Einstellung ihm gegenüber verändert und auch ihn selbst.“ Sagt sie: „Für ihn beten? Nein, das kann ich nicht! Ich bete höchstens, dass er sich das Genick bricht!“ Ich glaube, dass Fürbitte für uns und diese Welt entscheiden wichtig ist! Gebete bewegen viel. Und deshalb spannt Paulus hier einen ganz weiten Bogen bis hin zur Obrigkeit und den Mächtigen. Ja, auch für sie sollen und wollen wir beten. Als Christen kann uns unser Land und die Politik doch nicht egal sein! Denn schließlich ist das unser Umfeld. Es geht nicht um einen Gottesstaat und die Vermischung von Glaube und Politik. Aber es geht darum, dass wir in unserem Land und in dieser Welt Rahmenbedingungen haben, die dem Glauben förderlich sind, damit das Reich Gottes mitten in dieser Welt wachsen kann. Dazu gehört Glaubensfreiheit, dazu gehört, dass auch die Grundwerte – wie sie im Gewissen und den Zehn Geboten verankert sind – Geltung behalten oder wieder neu bekommen. Und dass Gebet tatsächlich auch die große Politik beeinflussen kann, das haben wir beim Fall der Mauer vor gut 20 Jahren gesehen. Und das muss man unserem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl lassen, dass er das auch erkannt und gewürdigt hat. Er sagt: „Nicht nur politische Entscheidungen, sondern auch Gebete bewegen die Entwicklung der Welt.“
Bitte, Fürbitte – das ist nicht alles. Es gibt auch noch Anbetung, das ist das Loben Gottes. Und der Dank.
Dann der Dank und das Lob oder Anbetung. Auch das ist wichtig. Denn daraus schöpfen wir Kraft für den Weg nach vorne. Dank hat ja was mit denken zu tun. Mit denken und gedenken. Sich erinnern, was Gott einem geschenkt hat! Nehmen Sie sich mal Zeit und schreiben Sie auf, für was Sie Gott alles danken können. Sie werden erstaunt sein über dies lange Liste.
Julian (5) hat Papa wieder im Garten geholfen und Papa sagt ihm, wie stolz er sei, so einen fleißigen und lieben Jungen zu haben. Am Abend betet Julian: "Danke, Herr Jesus, dass Papa so einen lieben Jungen hat und danke, dass ich der Junge bin."
(Family 4/2003).
Das Lob ist eng verwandt mit dem Dank. Man könnte so unterscheiden: Der Dank ist für das, was Gott getan hat. Das Lob ist für das, was er ist: seine Liebe, seine Größe, seine Güte, seine Barmherzigkeit usw. Das Lob kann auch durch Musik geschehen, durch Anbetungslieder etwa. Es bringt eine fröhlichen Ton in die Melodie unseres Lebens. Jemand hat mal gesagt: „Danken schützt vor Wanken, Loben zieht nach oben.“
3) Welchen Grund hat das Gebet?
3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
4 welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
Es ist Gott wohlgefällig. Diese Formulierung wurde im Alten Testament für die Opfer benutzt, die die Beziehung zu Gott gefestigt haben. Es geht also um die Beziehung zu Gott. So wie bei der Beziehung zwischen Eltern und einem kleinen Kind: Wie freuen sich Eltern über das kindliche Aussprechen von Bitten und Wünschen – auch wenn sie gerade aus Liebe nicht alle Wünsche erfüllen! Natürlich weiß Gott alles. Er weiß, wie es uns geht, und was zu tun und zu lassen ist. Er braucht unsere Erinnerung nicht. Und trotzdem hat er sein Handeln in freier Selbstbeschränkung an unser Gebet gebunden. Weil er uns dadurch mit einbeziehen möchte in sein Handeln. Weil er möchte, dass unsere Beziehung und das Vertrauen zu ihm wächst. Welchen Grund hat das Gebet? Warum beten? 1) Es ist Gottes Gebot. 2) Es hat Gottes Verheißung. Gott hat versprochen, Gebet zu erhören. Sicher ist das Gebet kein Wunscherfüllungsautomat. Und Hudson Taylor hat zu Recht gesagt: „Wenn Gott mein Gebet nicht so erhört, wie ich es wünsche, dann so wie es am Ende besser ist.“ Das klingt gut, ist aber manchmal sehr schwer zu ertragen, wenn man jahrelang für eine Sache bittet, die doch im Sinne Gottes sein muss – und es dennoch nicht geschieht. Das höchste und wichtigste Ziel Gottes ist immer Rettung. Gott unser Heiland, unser Retter –so heißt es hier. Und wenn auch unsere Gebete sich mit diesem Ziel Gottes – dass Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen - übereinfinden, dann haben sie eine große Macht. So etwa hat es Spurgeon erfahren, wenn er berichtet:
Meine Großmutter war eine treue Beterin. Ihr ganzes Leben war ein einziges Lieben und Ertragen von unsagbaren Nöten. Sie lebte an der Seite eines Mannes, der gerade das Gegenteil war. Hart, undankbar, ichsüchtig, ein Flucher, der nie zufrieden war. Hatte er seinen "schlimmen Tag", so mussten wir eilends das Haus verlassen. Schon unter der Tür klärte sie uns liebend auf und meinte: "Kinderchen, geht schnell, der Nordwind weht! Betet für den Großvater, er geht sonst verloren!" Oft verstanden wir die Großmutter nicht mehr und sagten: "Wenn er so ist, dann hat er es auch nicht anders verdient!"
Als ich einmal zu ihr sagte: "Großmutter, gib doch dein Beten für den Großvater auf, es hat doch keinen Sinn, er wird ja immer nur noch schlimmer zu dir", da nahm sie mich an der Hand und führte mich in die Küche. Dort stellte sie eine Küchenwaage auf den Tisch und gab mir folgende Erklärung: "Diese Küchenwaage hat zwei Waagschalen. Und nun denke dir, in der einen Waagschale sitzt dein, hartherziger Großvater. Er hat mit seinem steinernen Herzen schon ein ganz beachtliches Gewicht. In der andern Schale aber liegen die schwachen Gebete deiner Großmutter und die von euch Kindern. Vergleichst du so ein Gebet mit dem Gewicht eines Kalenderzettels, so ist dies, im Vergleich zu dem schweren Großvater, gar nichts! Nimmst du aber einen Jahreskalender mit 365 Zettelchen auf die Hand, dann ist es schon ein wenig schwerer. Und nun denke dir 50 ganze Kalender! Die sind schon gehörig schwer! So lange bete ich jetzt für den Großvater. Wenn du täglich treu mitbetest, wird Gott uns erhören." Und so betete ich noch sieben Jahre mit der Großmutter um die Errettung des Großvaters. Nachdem sie 57 Jahre im Gebet für ihren armen Mann durchgehalten hatte, nahm der Herr Jesus sie zu sich. Sie starb, ohne die Freude der Bekehrung des Großvaters erlebt zu haben.
Erst am Sarge der Großmutter brach der hartherzige Großvater zusammen und übergab sein Leben dem Heiland mit unbeschreiblichen Reuetränen. Gerade ich, der vor sieben Jahren noch der Großmutter den Rat gab, nicht mehr zu beten, durfte mit dem 83jährigen Greis niederknien und seine Umkehr erleben. Der einst so gefürchtete Tyrann wurde zu einem sanften, liebenden, treu betenden Großvater. Das Gewicht der Gebetswaagschalen hatte also den alten Großvater doch noch nach oben gezogen. Und Großmutter darf nun im Himmel dafür danken.
Die Macht des Gebets.
Amen.