Dreimal eins ist eins
Gottesdienst am Sonntag, 6. Juni 2010
Thema: „Dreimal Eins = Eins?!“
Text: 2. Korinther 13,13
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde,
Augustinus, einer der größten Kirchenväter und Theologen schlechthin, wollte ein Buch über die Dreieinigkeit Gottes, die sogenannte „Trinität“, verfassen. Er kam aber nicht so recht damit voran. Und in dieser Zeit hatte Augustinus einen Traum: Er sieht sich im Traum am Ufer eines Meeres entlanggehen, und da bemerkt er am Meeresstrand ein Kind, das mit einer Muschel Wasser aus dem Meer schöpft und in eine Sandmulde hineingießt. Er fragt das Kind: Was machst du denn da? - Antwort: Ich möchte das Meer in meinen Teich hineinschöpfen. - Und da fällt es dem Augustinus wie Schuppen von den Augen: Genau so etwas Unmögliches versuche ja auch ich, ich will mit meinem kleinen Verstand das Geheimnis des großen Gottes fassen. Nun ja, dennoch hat er in aller Bescheidenheit weitergeschrieben. Es wurde ein Werk, das 15 Bücher umfasst, De Trinitate, über die Dreieinigkeit. Offensichtlich hat er sich nicht entmutigen lassen. Auch wenn er wusste: Unser menschlicher Verstand wird niemals das Geheimnis Gottes ausschöpfen können, dennoch ist nicht verboten, sondern sogar hilfreich und lohnend, darüber nachzusinnen.
Und er spürte: Das ist nicht nur langweilige Theorie für irgendwelche Spezialisten, sondern Gott und sein Wesen besser kennen zu lernen, und dabei zu ein klein bisschen zu erahnen, was es mit der Dreieinigkeit von „Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist“ auf sich oder besser in sich hat, das kann ganz konkrete, praktische Auswirkungen für meinen Glauben, für meinen Alltag, für mein Leben als Christ haben.
Damit war er viel weiter als etwa der große Philosoph Immanuel Kant, der sagte: „Aus der Dreieinigkeitslehre lässt sich fürs Praktische gar nichts machen.“ Falsch. Da haben Sie etwas verkannt, Herr Kant!
Die Dreieinigkeit Gottes ist wohl überhaupt der Dreh- und Angelpunkt unseres christlichen Glaubens. Was hat es aber damit auf sich? Einige sagen ja: Das steht ja gar nicht in der Bibel, das hat die Kirche sich erst Jahrhunderte später ausgedacht. So etwa argumentieren die Zeugen Jehovas. Doch das ist falsch. Natürlich findet sich in der Bibel keine ausformulierte Dogmatik über die Dreieinigkeit, aber der Sache nach entdecken wir an vielen Stellen, dass Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist. Die Juden und Moslems werfen uns darum Gotteslästerung vor: Ihr glaubt an drei Götter! Sagen sie. Während es im jüdischen Glaubensbekenntnis heißt: „Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Gott“ und im islamischen Glaubensbekenntnis: „Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Allah gibt“ Und „Allah hat keinen Sohn“. Und wir beten mal zu Gott dem Vater, mal beten wir „Lieber Herr Jesus Christus“ und sogar mitunter: „Komm Heiliger Geist“. Das sind doch drei Personen, oder? Glaubst du an drei Götter?
Ein einziger Gott, und doch drei göttliche Personen - wie kann man das denken? Dreimal Eins = Eins? Das kann man doch nicht denken! Richtig! Es übersteigt unser Denken. Und das ist auch gut so. Ehrlich gesagt: Einen Gott, den man denken kann, den kann man auch erdenken. Es wäre für mich kein Gott. Sondern eine erdachte Idee. "Begriffest du Ihn, es wäre nicht Gott". So hat es Augustinus gesagt. Und so ist es richtig und gut, dass wir manche Geheimnisse des Glaubens nie begreifen, nur anbeten können. Und doch sollte man über den dreieinigen Gott ein bisschen mehr zu sagen wissen als Claudia vorhin in der Spielszene.
Übrigens habe ich bewusst von Geheimnis gesprochen und nicht von Rätsel. Ein Rätsel löst man, dann ist es gelöst. Ein Geheimnis kann auch dann noch geheimnisvoll bleiben, wenn man ein wenig davon ergründet hat.
Der vielleicht tiefste Satz über die Trinität ist 1. Johannes 4: „Gott ist die Liebe.“ – Warum? Wir kennen alle diesen Satz, meistens verstehen wir ihn in einem ziemlich oberflächlichen und platten Sinn, und bemerken gar nicht die Tiefgründigkeit, die damit ausgedrückt ist. Man kann nämlich sagen, dass in diesem einen Satz wohl das Wesen der Dreieinigkeit gefasst ist: Gott ist die Liebe. Nun, was heißt "Liebe"? Liebe geht immer auf ein "Du" hin. Liebe gibt es nur zwischen Personen. Das Wesen der Liebe ist Beziehung, ist Gemeinschaft, ist Kommunikation. Wenn es heißt, dass Gott Liebe ist, und zwar von seinem Wesen her – bevor es die Schöpfung, die Welt, uns Menschen gab, ist damit eigentlich schon gesagt, dass Gott mehr sein muss als ein einsames Ich, sondern dass es in Gott Ich und Du und Wir geben muss, dass es in Gott Gemeinschaft, Austausch, Kommunikation geben muss. Eben das, was wir dann nennen: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Schon im 1. Buch Mose sagt Gott zu sich selbst: „Lasset uns Menschen machen!“ Lasset uns… Von alters her wurden diese Worte auf die Dreieinigkeit gedeutet.
Ich möchte uns ein Wort aus dem 2. Korintherbrief (13,13) lesen:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Darin ist die Dreieinigkeit Gottes wunderbar zusammengefasst. Dazu nun noch ein paar Gedanken. Es sind – große Überraschung! – drei an der Zahl. Wie so oft: Aller guten Dinge sind drei.
1) Gott der Vater: Gott über uns
Obwohl Paulus hier Gott den Vater merkwürdigerweise erst an zweiter Stelle nennt, möchte ich doch zunächst darüber nachdenken, weil es vielen von uns als erstes in den Sinn kommt wenn man an Gott denkt: „Die Liebe Gottes sei mit euch allen!“ Die Liebe Gottes, dabei denken wir an Gott als liebenden Vater. Gott ist der, der alles in seiner Hand hat. Von dem her alles kommt. Der Schöpfer, der über allem steht. Gott über uns. Das ist der Vater über uns. Die ganze Schöpfung verdankt sich der verschwenderischen Liebe des Vaters. Weil Liebe schenken will, möchte Gott über sich selbst hinaus noch ein Gegenüber – eben diese Welt. Liebe ist kreativ, deshalb ist Gott kreativ, schöpferisch, Liebe lässt Neues entstehen. Gott der Vater, das ist der Gott über uns, das ist Gott der Schöpfer. Bis hierhin würden sicher viele in Deutschland zustimmen und sagen: Ja, an so einen Gott, an den lieben Gott, das glaube ich auch. Ja soweit könnte man sich auch gut mit manchen anderen Religionen einigen. Und besonders mit denen, die sich ihre eigene Patchwork-Religion aus ein bisschen Christentum, ein bisschen Esoterik, Reiki, oder sonst was zusammenbasteln. Aber das ist eben nicht alles. Die Liebe Gottes kommt sogar erst an zweiter Stelle. Weil Paulus weiß: Ein großer Gott über uns bringt uns gar nichts, wenn er nur weit weg bleibt. Bei aller Liebe. Wir Menschen sind ja seiner Liebe gar nicht würdig. Er muss zu uns kommen. Und deshalb braucht es zum Gott dem Vater auch Gott den Sohn. Das ist nicht etwas anderes. Sondern derselbe Gott, aber in einer anderen Erscheinungsweise. Nehmen wir als vorsichtigen Vergleich die Sonne. Auch sie ist in gewisser Hinsicht eine Dreieinigkeit. Zum einen ist sie der Himmelskörper, jener helle Stern unseres Sonnensystems voller Licht und Energie. Man könnte diesen Himmelsball vergleichen mit Gott dem Vater, weit über uns. Ursprung des Lebens. Aber wie kommt die Sonne auf die Erde? Durch ihre Lichtstrahlen! Jedes Kind malt das kindlich zutreffend: Eine Sonne mit jeder Menge Strahlen. Manchmal sogar mit Gesicht! Und diese Lichtstrahlen, sind ohne die Sonne nicht da. Umgekehrt ist die Sonne ohne Strahlen nicht denkbar. Und doch ist beides zu unterscheiden. Und doch ist beides eins. So könnte man Jesus Christus, Gottes Sohn, mit den Lichtstrahlen der Sonne vergleichen.
2) Gott der Sohn: Gott für uns
Für Paulus ist ganz klar. Gott ist nicht so ein Allerweltsgott, den man einfach so mir nichts dir nichts in seiner Schöpfung erkennt und dann glaubt man an ihn und dann ist schon alles okay. Nein, es führt nur über Jesus Christus. Deshalb stellt er Christus an die erste Stelle. Gott können wir nicht erkennen, wenn wir nur den Gott über uns suchen. In Jesus sehen wir Gottes uns zugewandtes Gesicht. Jesus ist Gott für uns! Bevor wir wirklich die Liebe Gottes erkennen brauchen wir einen Zugang zu ihm. Und den können wir uns nicht selber suchen. Manche meinen das, etwa indem sie irgendwelche göttliche Energien anzapfen. Sondern das geht nur durch Gnade. Und deshalb stellt Paulus die Gnade ganz an den Anfang. Gnade klingt erst mal nach Gericht. Da ist jemand schuldig. Sonst bräuchte es keine Gnade. Das genau ist unsere Situation. Wir brauchen die Erlösung. Und das kann kein Mensch für uns übernehmen, nur Gott allein, indem er in Jesus Mensch wird und zu uns kommt. Das ist überhaupt das A und O unseres Glaubens. Wenn Jesus, Gottes Sohn, nicht auch zum Wesen des dreieinigen Gottes gehört und damit Gott ist, dann können wir einpacken! Ein Mensch kann uns nicht erlösen! Selbst wenn er noch so vorbildhaft gelebt und gelehrt hätte und tausend Tode am Kreuz gestorben wäre. Dann wäre der Opfertod ein grausames Menschenopfer für einen blutrünstigen Gott. Aber weil in Jesus Gott selbst sich für uns hingibt, erwirkt er für uns die Erlösung. An Jesus führt kein Weg vorbei. Und ein Glaube, in dem Jesus nur ein guter, frommer Mensch, ein Vorbild, ein Held wäre, aber nicht Gott, ist definitiv kein christlicher Glaube und schon gar nicht ein rettender Glaube. Der berühmte Theologe Adolf Schlatter wurde einmal gefragt, was eigentlich den christlichen Glauben von anderen Religionen unterscheide. Und man erwartete eine lange Liste von bedeutsamen Unterschieden: Die Nächstenliebe, die Zukunftshoffnung usw. Stattdessen die schlichte Antwort: „Was den christlichen Glauben von allen Religionen unterscheidet? Christus!“ Das ist der Punkt. Gute Menschen und Religionsstifter hat es viele gegeben. Menschen, die Gott werden wollten. Aber nur ein Gott, der Mensch werden wollte. Und das ist der dreieinige Gott. Gott der Sohn – das ist Gott für uns. Das ist Gott der Erlöser. Das ist der Lichtstrahl, durch den die Sonne auf die Erde kommt. Und was hat es mit dem Heiligen Geist auf sich?
3) Gott der Heilige Geist: Gott in uns
Nehmen wir noch einmal das Bild der Sonne: Da ist jener Feuerball, der Stern am Himmel, dann haben wir die Strahlen des Lichts, die den unendlich wirkenden Abstand überwinden, und dann haben wir das, was es bei uns auslöst: Wärme die unser Gesicht berührt, Helligkeit für die Farben des Lebens. Das ist ein Bild für den Heiligen Geist. Der Heilige Geist beschreibt die Wirkung Gottes in unserem Leben. Gott in uns. Wärme und Licht für unseren Alltag. Und dabei hat er ganz spezifische Aufgaben: Er weist uns hin auf Christus, wie wir es vorhin in der Lesung gehört haben. Er möchte nicht selbst groß gemacht werden, sondern, dass Christus verherrlicht wird, so wie Jesus seinen himmlischen Vater verherrlicht hat. Das ist echte, tiefe Gemeinschaft, die nicht selbstbezogen ist, sondern auf einander bezogen ist. So ist die Gemeinschaft in Trinität, die Dreieinigkeit auch ein Vorbild für unsere Gemeinschaft als Gemeinde. Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch! So heißt es bei Paulus. Und das meint: Seit durch Gottes Geist fest miteinander und mit Gott verbunden. Versucht nicht immer, euch selber groß zu machen! Wenn ihr etwas tut in der Gemeinde, dann fragt nicht so sehr: Wie komme ich dadurch groß raus? Sondern wie kann ich andern helfen, der Gemeinde dienen? Glaube ohne Gemeinde, Glaube ohne Gottesdienste und Gemeinschaft geht nicht. Darauf wird uns der Heilige Geist auch mehr und mehr bringen. Dass durch den Heiligen Geist Gott selber in uns ist, ist ein unglaubliches Geschenk! Ganz gleich ob wir ihn spüren oder nicht, sondern wenn wir an Jesus Christus glauben, wenn wir Kinder Gottes sind, dann haben wir auch den Heiligen Geist, unabhängig von unserm eigenen Empfinden und Gefühlen. Er wird uns auch einen guten Weg für unser Leben leiten, so wie das Licht uns Orientierung gibt, und die Farben bunt werden lässt.
So können wir uns neu freuen an der Dreieinigkeit Gottes, auch wenn wir sie nie ganz verstehen werden, aber wir sehen darin Gott, den Vater, den Schöpfer, der in seiner Liebe über uns wacht.
Gott, den Sohn, den Erlöser, der uns die Gnade gibt, dass Gott für uns ist.
Gott, den Heiligen Geist, den Vollender, der Gemeinschaft wirkt und Gott in uns ist.
Amen.