Ein rotes Kreuz und seine Botschaft

Gottesdienst am Sonntag, 24.10.2010

Thema: Ein rotes Kreuz und seine Botschaft

Zum 100. Todestag von Rot-Kreuz-Gründer Henry Dunant

Text: Matthäus 5,1-12

 

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

„Ich wünsche zu Grabe getragen zu werden wie ein Hund, ohne eine einzige eurer Zeremonien, die ich nicht anerkenne. Ich bin ein Jünger Christi wie im ersten Jahrhundert und sonst nichts. Amen“ Das war der Wunsch einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts: Henry Dunant. Diesem Wunsch wurde weitgehend entsprochen, als er unauffällig und ohne Trauerfeier auf einem Friedhof in Zürich bestattet wurde. Das geschah in dieser Woche. Am 30. Oktober. Vor genau 100 Jahren.

Der Hebräerbrief, liebe Gemeinde, erinnert uns daran, wie wichtig es ist zu begreifen: Mit uns fängt die Kirche nicht erst an. So viele, die vor uns den Weg des Glaubens gegangen sind. Väter und Mütter im Glauben. Mit Höhen und Tiefen. Mit Schwächen und Stärken. Heilige ohne Heiligenschein. In Hebräer 12 heißt es: Wir haben eine Wolke von Zeugen, die uns umgibt. Das sind Menschen, die vor uns gelebt und geglaubt haben. Und von ihnen können wir lernen. Was mir an Henry Dunant besonders gefällt: Er war ein Mensch, der auch viele Fehler hatte, in seinem Leben gibt es manche geheimnisvollen Widersprüche, krasse Gegensätze und Irrwege. Und dennoch: Gott konnte ihn gebrauchen als ein Werkzeug. So hat er es selber einmal gesagt: „Ich bin eigentlich nichts Besonderes, nur ein Werkzeug in Gottes Hand.“ Er, der fast von allen Monarchen des ausgehenden 19. Jahrhunderts empfangen worden war und mit 17 Orden der regierenden Fürstenhäuser von Sardinien bis Norwegen überhäuft worden war, einer der ersten beiden Friedensnobelpreisträger überhaupt, starb vergessen und arm in einem Spital im Kanton Appenzell. Der „Apostel der Menschlichkeit“, wie er auch genannt wurde, durch dessen Ideen Millionen von Verwundeten gerettet wurden erlebte selber Zeiten größter Verlassenheit, Feindschaft, Einsamkeit, Verbitterung.

Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes. Was vielen nicht so bekannt ist: Sein brennender Wunsch, Menschen in Not zu helfen, sein glühender Eifer für die Barmherzigkeit, das alles hatte eine Wurzel tief in seinem christlichen Glauben. Und so möchte ich dem roten Kreuz heute Morgen Botschaften entlocken, die hinter der Biographie seines Gründers versteckt sein könnten.

Die Wahl des roten Kreuzes als Zeichen hatte dabei ursprünglich gar nicht direkt etwas mit dem Kreuz Jesu zu tun. Kurz nach der Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz 1863 schlug der Mitstreiter von Dunant, General Dufour, das Rote Kreuz auf weißem Grund einfach nur als Umkehrung der Schweizer Nationalflagge vor, eine Art Verbeugung vor dem Gründungsort Genf. Und doch – vielleicht unbewusst und unbeabsichtigt, schwingt in diesem Symbol doch auch der Geist des Kreuzes Jesu mit, der Geist des Evangeliums. Wie wir es etwa vorhin in der Bergpredigt mit ihren Seligpreisungen gehört haben. Heute haben die vier Arme dieses roten Kreuzes eine vierfache Botschaft für uns, vier der Seligpreisungen.

 

1) Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit

Henry Dunant war gerade einmal 8 Jahre alt, als er seinen Vater auf einer langen Reise nach Toulon in Südfrankreich begleiten durfte. Was er dort erlebte, brannte sich tief in die empfindsame Kinderseele ein. Er besuchte mit seinem Vater ein Gefängnis und musste miterleben, wie die Strafgefangenen unter menschenunwürdigsten Bedingungen schlimmer als das Vieh behandelt wurden. Zusammengepfercht auf engstem Raum, von den Wärtern mit Peitschen geschlagen und getrieben. Sicher, es waren Verbrecher, Mörder waren dabei. Aber waren es nicht dennoch Menschen, Geschöpfe Gottes? Und als er kurz nach dem Besuch des Gefängnisses am Hafen dunkelhäutige Menschen in Ketten auf Booten entdeckte, fragte er: „Papa, sind das auch Verbrecher?“ Der Vater schüttelte den Kopf: „Nein, mein Junge!“ – „Aber warum sind sie denn dann in Ketten?“ – „Nun, sie sind Sklaven!“ Und Henry musste mit ansehen, wie auch diese armen Kreaturen geschlagen, gepeitscht, getreten wurden. „Das geht doch nicht! Das ist doch ungerecht! Das ist gemein!“ so schoss es ihm durch den Kopf. Und er bekam einen unstillbaren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit.

Sein Leben lang blieb ihm dieser Hunger und Durst nach Gerechtigkeit erhalten. Ich frage einmal: Wonach hungern wir und dürsten wir? Sind es nicht oft ganz andere Sehnsüchte und Bedürfnisse, die wir befriedigt haben wollen? Da gibt es Macht-hungrige, der Hunger nach mehr Besitz, nach dem steilen Karriereaufstieg, Hab-gier, da ist der Durst nach Anerkennung, dass uns jemand auf die Schulter klopft. Aber Hunger nach Gerechtigkeit für die Elenden und Kaputten unter uns? Haben wir solche Themen nicht allzu schnell satt?

Der kleine Henry Dunant hatte den Hunger nach Gerechtigkeit bei seinen Eltern gelernt. Er begleitete oft seine Mutter auf ihren regelmäßigen Gängen in Genf zu den Armen und Kranken in die schmutzigen Hinterhöfe der Unterstadt. Und als er seinen Vater fragte: „Papa, warum gehst du zu den Verbrechern ins Gefängnis?“ da sagte dieser nur: „Jesus hat es uns geboten, dass wir Gefangene besuchen sollen. Das ist Grund genug. Und außerdem hat er doch die Sünder besonders geliebt! Sollten wir das nicht auch tun?“ So konnte Henry in seinem Elternhaus gelebten Glauben erfahren. Und auf die Frage, wer sein größtes Vorbild war, nannte er später den neugierigen Zuhörern nicht irgendwelche bedeutenden Namen der Weltgeschichte, sondern den Namen Antoinette Dunant – der Name seiner Mutter. Was lernen unsere Kinder von uns? Den Hunger und Durst nach Konsum, nach Medien, nach dem neuesten Handy, der tollsten Mode, dem besten Outfit, den glänzendsten Schulabschluss? Oder nach Gerechtigkeit? Nebenbei bemerkt: In der Schule war Henry keine große Leuchte. Sein einziges gutes Fach war Reli, er blieb zweimal sitzen und wurde mit 14 der Schule verwiesen. Dann machte er eine Banklehre. Nebenbei gründete er einen Donnerstagabend-Club. Dort traf er sich mit anderen Jugendlichen zum Jugendhauskreis: Sie lasen gemeinsam in der Bibel und beteten für ihre Stadt. Henry wusste: Die Ungerechtigkeiten dieser Welt können wir Menschen zwar bekämpfen, aber nicht bewältigen. Die Menschen brauchen Jesus, nur so entsteht Gerechtigkeit. Ein wenig später gründete er die Genfer Gruppe des CVJM. 1855 entstand u.a. auf seine Initiative hin in Paris der Weltbund des CVJM – „Christlicher Verein junger Männer, heute: junger Menschen“ die größte Jugendorganisation weltweit mit heute 45 Millionen Mitgliedern. Er schrieb mit an deren Grundlage: „Der CVJM hat den Zweck, solche jungen Menschen miteinander zu verbinden, welche Jesus Christus nach der Heiligen Schrift als ihren Gott und Heiland anerkennen, in ihrem Glauben und Leben seine Jünger sein und gemeinsam danach trachten wollen, das Reich ihres Meisters unter jungen Menschen auszubreiten.“ Eine Person – Initiator zweier weltumspannender Bewegungen: CVJM und Rotes Kreuz! Dass er auch noch ein maßgeblicher Kämpfer für die Abschaffung der Sklaverei war und sogar vor Theodor Herzl noch die Schaffung eines Staates Israel forderte, kommt noch dazu. Die zweite Botschaft dieses roten Kreuzes heute Morgen lautet:

 

2) Selig sind die Barmherzigen

Es war der Abend des 24. Juni 1859. Ein Abend, der sein Dunants Leben komplett verändern würde. Er war gerade geschäftlich in Italien unterwegs. Er hatte eine Handelsgesellschaft in Algerien gegründet und wollte den französischen Kaiser Napoleon III. aufsuchen, um sich einige geschäftliche Vorteile zu erbitten. Napoleon III. befand sich gerade im Krieg mit Österreich. Als Dunant an jenem warmen Sommerabend in Solferino in Norditalien eintrifft, war gerade eine der größten und grausamsten Schlachten des 19. Jahrhunderts zu Ende gegangen. Rund 120.000 Soldaten Sardiniens und Frankreichs hatten 110.000 österreichischen Soldaten gegenübergestanden. Auf dem Schlachtfeld liegen nun noch rund 40.000 Tote, Verwundete, Sterbende. Als Dunant das Todesgrauen dieser Hölle sieht, spielen Geschäfte plötzlich keine Rolle mehr. Er lässt alles stehn und liegen, und getrieben von leidenschaftlichem Erbarmen mit den elenden Kreaturen fängt er an, Hilfe zu organisieren. Man hatte die Verwundeten einfach ihrem grauenhaften Schicksal überlassen. Das kann er nicht tatenlos mit ansehen. Er trommelt die einheimische Bevölkerung zusammen, in den Kirchen werden Lazarette eingerichtet, und als er mitbekommt, wie feindliche Verwundete einfach rausgeworfen werden, ruft er: Nein!! Sono tutti fratelli! Wir sind alle Brüder! Er bewirkt bei den Militärs das bis dahin Unerhörte: Dass gefangene feindliche Ärzte mithelfen und operieren dürfen. Dann schreibt er seine Erfahrungen nieder in einem Band „Erinnerung an Solferino“. Hier entwickelt er Ideen, wie zukünftig das Leid von Soldaten verringert werden könnte. Dies Büchlein schickt er an führende Persönlichkeiten in Politik und Militär in ganz Europa. Er erntet ungeheure Zustimmung, findet Mitstreiter, und schließlich kommt es zur Genfer Konvention und zur Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Letztlich weil einer die Bergpredigt gelebt hat, Barmherzigkeit ausgeübt hat, barmherzig war, nicht nur mit Worten, sondern mit Taten.

Die dritte Botschaft lautet:

 

3) Selig sind, die reines Herzens sind

Denn sie werden Gott schauen. Wenn wir in das Leben von Henry Dunant hineinschauen, dann sehen wir keinen fehlerlosen Heiligen. Und das find ich tröstlich. Ein reines Herz – wer hat das eigentlich? Auch ein so gerechtigkeitsliebender und barmherziger Mensch wie Henry Dunant hatte seine dunklen Flecken in seinem Leben, in seinem Herzen. Da war zum einen eine dauernde Rivalität, ja sogar Feindschaft mit seinem Mitstreiter Gustave Moynier. Und dann war das Problem mit Dunants Geschäften in Algerien. Da er so für seine Visionen lebte und rast- und ruhelos durch Europa streifte, um für seine Vision vom Roten Kreuz zu werben, vernachlässigte er seine anderen Aufgaben völlig. Er machte völlig Bankrott, sein Geschäft ging in Konkurs, verschuldete sich heillos und riss viele Freunde und seine Familie in die finanzielle Katastrophe mit. In Genf wurde ihm der Prozess gemacht und er wurde schuldig gesprochen. Daraufhin wurde er, der Gründer, aus dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und aus dem Genfer CVJM ausgeschlossen. Die Enttäuschung über einstige Freunde und Weggefährten, auch über manche Glaubensgeschwister und Mitchristen, die ihn jetzt fallen ließen wie eine heiße Kartoffel, führte in seinem Herzen zu großer Verbitterung und Groll.

Ein reines Herz? Nein, das hatte auch Dunant nicht. Aber wer hat es denn überhaupt? Wer kann denn Gott schauen? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen: Niemand! Henry Dunant sagte einmal: "Der wirkliche Feind ist nicht die Nachbarnation, sondern er ist in uns. Die Kälte, die Gleichgültigkeit, der Unglaube, das Vorurteil." Die Bibel würde sagen: die Sünde. Aber auch hier hat das Rote Kreuz eine Botschaft für uns: Die beiden Farben rot und weiß – sie erinnern mich an einen Bibelvers aus Jesaja 1,21: Gott sagt: Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden. Ja, das ist von Vergebung die Rede! Durch unsere Leistungen bekommen wir kein reines Herz, und wenn wir uns noch so sehr engagieren und zwei Weltorganisationen gründen und Millionen Menschen retten! Tief im Herzen haben wir immer genügend Unreinheit, selbstsüchtige Gedanken, Neid und Eitelkeit. Aber weil Jesus sein Blut für uns vergossen hat am Kreuz, weil er sein Kreuz rot färbte mit seinem Blut, deswegen kann er unser Herz reinwaschen, weiß wie Schnee, wenn wir ihn um Vergebung bitten. Das meinte auch Dunant, wenn er sagte: Ich möchte einfach nur ein Jünger Christi sein wie im 1. Jahrhundert. Einfach nur auf Jesus vertrauen, nicht auf meine Leistung, meine Freunde, oder auf Organisationen.

Und schließlich noch kurz das letzte:

 

4) Selig sind die Frieden stiften

Denn sie werden Gottes Kinder heißen. Friedensstifter – das war er wahrlich, der Dunant. In wie viel Kriegen hat das Rote Kreuz schon im Kleinen Frieden gestiftet durch den Beistand für Verwundete – egal auf welcher Seite sie waren. Aber zugleich lebte Dunant persönlich über viele Jahre in großem Unfrieden. Auch hier merken wir: Da gibt es etwas, was wir nicht selber machen können. Wie das Geborenwerden! Denn sie werden Gottes Kinder heißen! Aber ein Kind wird man doch nicht durch eigenes Bemühen. Nein, man wird geboren. Und so ist es mit dem Glauben auch, man wird: neu geboren oder wiedergeboren, wie es die Bibel sagt. Da gibt es eine nette Kampagne des Roten Kreuzes für das Blut spenden. Geboren am… Neu geboren am… Ja, so sagen wir ja, wenn einem das Leben neu geschenkt ist, nach einer schlimmen Krankheit, nach einem Unfall. Aber, liebe Gemeinde, das gilt noch viel mehr in geistlicher Hinsicht. Die Bibel sagt: Wir sind – obwohl wir leben – ohne Gott im Grunde tot. Geistlich tot. Aber wenn du glaubst, wenn du Jesus Christus in dein Herz einlässt, dann wirst du neugeboren. Dann bekommst du das Leben, das ewige Leben. Steht auch über deinem Leben schon: Neu geboren… ?

Amen.