Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb
Gottesdienst am Erntedankfest, 3. Oktober 2010
Thema: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“
Text: 2. Korinther 9,6-15
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Ein Pastor in einer Kirchengemeinde hatte ähnliche Sorgen wie wir hier: Eine Kirchenrenovierung war bei denen am Gange. Eines Tages bei der Kollektenankündigung trat er vor die Gemeinde und sagte folgendes: Liebe Gemeinde, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch: erst die gute: Das Geld für die Kirchenrenovierung ist vorhanden. (großes Aufatmen in der Gemeinde). Nun die schlechte Nachricht: Es befindet sich noch in euern Portemonnaies!
Tja, bei uns ist das zum Glück ein bisschen anders: Es ist einfach unglaublich, was in den letzten Monaten, gerade im Zusammenhang mit der 111er-Wette an Gaben für die Kirchenrenovierung schon aus den Portemonnaies und Konten von Gottesdienstbesuchern und Gemeindemitgliedern in die Renovierung gewandert ist. Dafür an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön! Auch dafür ist Erntedank eine gute Gelegenheit, um das einmal zu sagen.
Manch einer sagt: Über Geld spricht man nicht, das hat man. – Oder eben auch nicht. Aber über Geld sprechen – in der Kirche? Ist das nicht unanständig? Vielleicht denkt mancher, wenn mal ein Spendenaufruf oder das Anschreiben zum freiwilligen Kirchenbeitrag ins Haus flattert: „Ach, denen geht’s ja nur um Geld.“ Das macht mich wirklich traurig. Denn da hat jemand überhaupt nicht verstanden, um was es uns wirklich geht: Wir wollen Gemeinde bauen – und das heißt, Gottes Liebe weitersagen, Gottes Liebe weitertragen, Menschen zum Glauben einladen und im Glauben begleiten. Und zwar mitten in dieser Welt. Und weil diese Welt nun mal ist, wie sie ist, eine Welt, in der Gehälter zu bezahlen sind, in der es ganz irdische Kosten für Strom, Wasser und Heizung gibt, in der auch das Papier für die Kopien von Hochzeitsliedblättern leider nicht umsonst, aus lauter freier Gnade und Barmherzigkeit, geliefert wird und auch Handwerker, die obwohl sie ein Gotteshaus renovieren, seltsamerweise mit einem bloßen „Gotteslohn“ nicht ganz einverstanden sind, deswegen muss Kirche – obwohl sie einen ganz himmlischen Auftrag hat – auch mal vom irdischen Geld reden. Und was ich erstaunlich finde: Die Bibel tut es auch, und zwar in großer Offenheit und Direktheit. Wir haben es vorhin vom Apostel Paulus gehört, im Predigttext für das heutige Erntedankfest (den übrigens nicht ich ausgewählt habe, sondern der für heute vorgegeben war). Paulus schreibt den Korinthern in Bezug auf eine Geldsammlung für die in Not geratene Gemeinde in Jerusalem ganz schön freimütige und deftige Worte: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“
Drei Punkte dazu:
1) Geben bringt Segen
Ja, das ist eine Erfahrung aus der Landwirtschaft: Wer da kärglich sät, wird auch kärglich ernten. Wer knausert beim Investieren, der wird auch beim Ertrag, bei der Ernte Einbußen hinnehmen müssen. Aber wer viel sät, wird viel ernten. Eine Binsenweisheit. Nur, bei Paulus heißt es etwas anders: Es heißt gerade nicht: Wer viel sät wird viel ernten, sondern: „Wer sät im Segen, wird auch ernten im Segen.“ Es geht also gar nicht in erster Linie um die Menge des Gebens, sondern es geht um die Einstellung, die Motivation des Gebens. Jesus selber hat das einmal sehr drastisch zum Ausdruck gebracht. Am Tempel stellte er sich direkt an den Kollektenkasten, und dann war er so dreist, da guckt der doch den Leuten über die Schulter, was die so einlegen. Peinlich, oder? Doch überraschend sein Urteil: Die Kollekte einer armen Witwe bestand aus zwei Scherflein, der kleinsten und unscheinbarsten Kupfermünze der damaligen Zeit. Das waren also etwa 2 Cent, vielleicht auch 20 Cent, mehr nicht. Und Jesus sagt: „Sie hat mehr gegeben als alle anderen. Denn alle haben etwas von ihrem Überfluss eingelegt, sie aber hat von ihrer Armut alles eingelegt, was sie zum Leben hatte.“ Es ist bei ihr also in Zahlen nicht viel, was sie gegeben hat, aber viel im Segen, weil sie es von Herzen gegeben hat. Warum bringt Geben Segen? Weil es frei macht! Wer weggeben kann, wer loslassen kann, ist nicht ein Sklave seines Besitzes. Wie viele sind besessen von ihrem Besitz. Nicht sie haben das Geld, sondern das Geld hat sie. Wer gerne gibt, erlebt dabei Freiheit – und das ist Segen.
Das ist vielleicht ein bisschen der Nachteil an unserem Kirchensteuersystem. Da wird einfach ein Betrag einbehalten (übrigens zahlt überhaupt nur ein Drittel der Kirchenmitglieder Kirchensteuern!), aber es ist so ein Automatismus und dadurch oft gar keine Herzenssache. In vielen anderen Ländern und auch bei uns in den Freikirchen sieht das ganz anders aus. Da ist es üblich, dass man einen freiwilligen Betrag der Gemeinde gibt, und dies ist für viele engagierte Christen der sogenannte „Zehnte“, zehn Prozent des Einkommens, weil dies von der Bibel her zwar kein Gesetz, aber eine Empfehlung ist.
Zwei Schiffbrüchige retteten sich auf eine einsame Insel. Der eine fing sofort an zu lamentieren: "Wir werden sterben! Wir werden sterben! Hier gibt's keine Nahrung, wir werden sterben!" Der andere lehnte sich an eine Palme und war die Ruhe selbst, was den anderen schier verrückt machte. "Verstehen Sie nicht? Wir werden sterben!" Der andere antwortete. "Sie wissen wohl nicht, dass ich 100.000 $ pro Woche verdiene!" Sein Kamerad sah ihn verdattert an und fragte: "Was nützt uns das? Wir sind auf einer Insel ohne Nahrung! Wir werden sterben!" Der andere antwortete: "Sie begreifen immer noch nicht: ich verdiene 100.000 $ pro Woche und gebe meiner Gemeinde den Zehnten davon. Mein Pastor wird mich finden!"
Geben bringt Segen? Ich möchte den Blick weiten über das Finanzielle hinaus. Ich glaube, es geht beim Geben nicht nur um Geld. Paulus sagt: Ihr seid reich zu jedem guten Werk! Es geht um alles, was wir einsetzen für die Sache Gottes und zum Wohle des Nächsten: nicht nur Geld, sondern auch Zeit, ehrenamtliches Engagement, Singen im Kirchenchor oder Spielen im Posaunenchor, Austragen von Gemeindebriefen, Basteln im Basarkreis und und und. Dies bringt Segen – für die Gemeinde, für andere Menschen und für einen selbst. Und noch eine Gabe, die großen Segen bringt: Wenn Paulus uns heute Morgen ermutigt: Gebet! So kann man das auch anders betonen: Gebet. Der Einsatz im Gebet für die Gemeinde, für die Konfirmanden, für die Teilnehmer des ALPHA-Kurses usw. – das ist mit Geld nicht zu bezahlen. Danke allen Betern, Danke allen Gebern!
2) Nehmen ist seliger denn Geben?!
Na, Herr Pastor, da haben Sie sich aber mächtig vertan! Das Sprichwort heißt doch anders. Na ja, unser Pastor wird alt. Es heißt doch: „Geben ist seliger denn nehmen!“ Das müsste er doch wissen, es steht doch sogar in der Bibel (Apg. 20,35)! Ja, ja, ich weiß. Und doch möchte ich es bewusst einmal umdrehen. Nehmen ist seliger denn geben! Aber ich meine das jetzt nicht auf materielle Dinge bezogen. Obwohl wir das in der unserer Zeit ja auch oft so leben. Und ich denke da nicht nur an irgendwelche Bankmanager, die überzogene Boni einstreichen, sondern an uns alle, die wir doch alle gerne von den Errungenschaften des Sozialstaates profitieren wollen, nehmen wollen, aber geben? Das fällt uns schon schwerer. Nehmen ist seliger denn geben! Schon Kinder haben das ja in sich, dass sie lieber nehmen als geben, lieber Geschenke nehmen als die Hand geben. Für sie gilt: „Ein Onkel, der Geschenke mitbringt, ist besser als eine Tante, die bloß Klavier spielt...“ (Wilhelm Busch). Nein, dieser Mentalität des Nehmens und Handaufhaltens möchte ich nicht das Wort reden. Dennoch gilt: Nehmen ist seliger denn geben. Und zwar gegenüber Gott! Denn wenn Paulus die Korinther und Hohnhorster zum Geben ermuntert, dann geht das überhaupt nur, weil sie zuvor empfangen haben! Man kann doch nur geben, wenn man zuvor genommen hat. Und diese Erkenntnis ist so unendlich wichtig: Ich bin bei Gott zuerst einmal Empfangender! Er ist der Gebende nicht ich. So sagt es Paulus ganz klar: „Der aber Samen gibt dem Sämann, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit.“ Glauben heißt: Nehmen! Warum? Weil wir, um selig zu werden, nehmen müssen: das Angebot der Vergebung unserer Schuld, das große Geschenk der Gnade: Dass Jesus Christus für unsere Sünden gestorben ist, die Gabe des Ewigen Lebens! Aber auch das Irdische: Unser Leben – ist doch ein Geschenk, und nicht selbstverständlich! Gesundheit und Genesung, Familie und Freunde, Brot und Brötchen, Wasser und Wein, Pommes und Pudding, Bäume und Blumen, Liebe und Leben. Alles Gottes Gaben, die wir nehmen dürfen und nehmen müssen aus Gottes Hand. Und nicht so stolz vor Gott stehen und denken: „Lieber Gott, das alles hab ich mir verdient, ich bin bereit, dafür was zu geben, was zu bezahlen. Was willste haben? Ein redliches Leben, ein paar Gebete, ein paar Gottesdienstbesuche, ein paar gute Taten… Reicht dir das?“ Nein, bei Gott ist Nehmen seliger als Geben! Wie sagt der Liederdichter: „Nichts hab ich zu bringen, alles Herr bist du!“ Und Paulus fragt die Korinther an anderer Stelle: „Was hast du, was du nicht empfangen hast?!“ (1. Kor. 4,7). Luther sagt am Ende seines Lebens: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Selig werden wir nicht durch Geben, Gott braucht von uns keine Almosen und keine Anstrengungen, keine guten Worte und Werke, um uns in den Himmel zu bringen. Das will er uns schenken! Selig werden wir, wenn wir das nehmen, annehmen. Hast du es schon angenommen? Dass wir dann auch geben dürfen, das ist außer Frage. Aber das Geben macht uns nicht selig, rettet uns nicht, es macht uns aber durchaus glücklich und frei. Das schon. Und auf das Irdische bezogen gilt dann auch: Geben ist seliger als nehmen. Hat übrigens auch jetzt eine kanadische Studie belegt, die in dem Magazin Science veröffentlicht wurde. Die kanadische Sozialpsychologin Elizabeth Dunn (Vancouver) in mehreren Studien herausgefunden, dass ein Zusammenhang zwischen persönlichem Glück und dem Weggeben von Geld besteht. Danach sei die Behauptung, dass Geld glücklich mache, widerlegt. Für das persönliche Glücksgefühl sei nicht entscheidend, wie viel Geld man habe, sondern wie man damit umgehe. Diejenigen, die alles für sich behalten, seien unglücklicher als jene, die einen Teil ihres Geldes oder ihrer Zeit oder ihrer Fähigkeiten für andere aufwenden.
3) Gott – der fröhliche Geber
Wenn es heute heißt: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, dann können wir uns erinnern, dass Gott selbst ein fröhlicher Geber ist. Er gibt so gern! Der Dichter Johann Scheffler sagt: „Gott, weil er groß ist, gibt am liebsten große Gaben, ach, dass wir Armen nur so kleine Herzen haben.“ (EG 411). Gott ist der fröhliche Geber. Und ich möchte einmal fragen, was hat er dir, was hat er mir gegeben? [Stille] Ich glaube, heute an Erntedank, lohnt es sich innezuhalten und Gott, dem fröhlichen Geber, zu danken für so viel gute Gaben. Und es wäre ein schlimmes Versäumnis, heute am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit nicht auch dafür dankbar zu sein! Gingen der Einheit nicht unzählige Gebete voraus? "Sie waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete." Das schreibt Christian Führer, Pfarrer der Leipziger Friedensgebete. Die Deutsche Einheit ist doch allem Gejammere und Gemeckere zum Trotz ein Geschenk, dass noch ein paar Monate vorher noch kaum jemand zu hoffen gewagt hatte! Das muss uns doch dankbar machen.
Nur ein Beispiel für Gott, den fröhlichen Geber!
Wir wollen auch zu fröhlichen Gebern werden, das macht uns reich.
„Reich ist, wer viel hat,
reicher ist, wer wenig braucht,
am reichsten ist, wer viel gibt.“ (Gerhard Tersteegen)
Amen.