Kraft, Liebe, Besonnenheit
Gottesdienst am Sonntag, 19. September 2010
Thema: Kraft, Liebe, Besonnenheit
– ein himmlischer Dreiklang!
Text: 2. Timotheus 1,7
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde,
ein erlösender Klang, jener Dreiklang! Ich erinnere mich noch sehr gut an die Gefühle, die dieser Klang in mir ausgelöst hat: Aufatmen, Schluss mit Langeweile, Raus an die frische Luft, Pause. Jener D-Dur-Dreiklang, es war der Pausengong am Gymnasium Walsrode, wo ich zur Schule gegangen bin. In besonders qualvollen Stunden, die scheinbar nie zu Ende gehen wollten, erwartete man sehnlichst jenen wundervollen Klang! Am schönsten klang dieser Dreiklang allerdings, wenn der Schultag um war.
Ein Akkord aus drei Tönen, wobei der erste dann in der Oktave wiederholt wird – ein Dreiklang. Paulus schlägt heute einen besonderen Dreiklang an. Seine drei Töne heißen Kraft, Liebe und Besonnenheit, die sich zu einem wunderbaren mutmachenden Akkord vereinen. Ein Signal, ein Klang, auf den sein junger Freund Timotheus in der harten Schule des Lebens schon lange sehnlichst gewartet hat, ein Dreiklang, der ihn aufatmen lässt, der ihn tröstet, ihn, der so manches Mal verzagt war. Auch wir wollen heute Morgen die Ohren spitzen und diesem Dreiklang lauschen.
Ich lese uns noch einmal Vers 7 aus dem Predigttext:
7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wer war dieser Timotheus? Er war Gemeindeleiter in einer Weltstadt, in Ephesus – eine riesige Hafenstadt im Westen der heutigen Türkei. Man könnte meinen, es war sicher so ein Shooting Star der jungen Gemeinde, ein Aufsteiger, ein Glaubensheld – um Leiter einer so wichtigen Gemeinde, damals nannte man Gemeindeleiter „Bischof“, zu werden. Sie haben ja vielleicht mitbekommen, wie lange und intensiv man nach einem Nachfolger für den Bischofssitz in Hannover gesucht hat, Monate!, bis man nun letzte Woche zwei Namen aus dem Hut gezaubert hat. Das müssen wohl ganz perfekte Leute sein… Timotheus? Nein, er war menschlich gesehen wohl nicht besonders geeignet. Aus den Briefen des Paulus erfahren wir: Zum einen war er viel zu jung, so dass er von vielen gar nicht den nötigen Respekt empfing. Zum andern war er ein recht kränklicher Mensch, hatte Magenprobleme. Vielleicht, weil ihm manches auf den Magen geschlagen ist. Denn er war auch oft verzagt. Viele Sorgen um die Gemeinde trieben ihn um. Es ist schon erstaunlich und tröstlich, wer so von Gott berufen wird. Das sind nicht die ganz toll begabten Supermänner und Superfrauen. Das sind ganz normale Durchschnittsmenschen. Wie wir. Peter Hahne sagt es einmal so: „Gott beruft oft nicht die Fähigsten, aber er befähigt die Berufenen.“
Das also ist die Situation des Timotheus. Erkennen wir uns ein Stück weit darin wieder? Der eine verzagt, der andere krank, ein dritter zu jung, ein vierter zu alt. Entmutigt von der Schule des Lebens. Und wir sehnen uns nach so einem mutmachenden, erlösenden Dreiklang?
7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Interessant ist schon das erste Wort: Denn. Worauf bezieht sich das? Nun, klar, auf das, was zuvor gesagt wurde. Also müssen wir unbedingt den Vers davor zurate ziehen. V.6: Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.
Wie sieht also die Ermutigung des Paulus aus? Er sagt Timotheus nichts Neues. Er gibt ihm keine außergewöhnliche, neue geistliche Erfahrung, womöglich eine Heilung seines Magenleidens, womöglich ein anderes imposantes Wunder. Nein, ganz langweilig, er erinnert ihn lediglich an das, was er schon hat! Wenn unser Glaube angefochten ist, wenn wir irgendwie ausgebrannt, am Boden zerstört sind, wünschen wir uns nicht manchmal eine ganz fantastische, außergewöhnliche Gotteserfahrung? Etwas, was so ganz den Rahmen des Alltäglichen sprengt? Mir geht das so. Manchmal wünsch ich mir das. So einen richtigen Knaller, etwas ganz Beeindruckendes mit Gott erleben, was man dann auch freudig anderen weitererzählen kann. Aber Gott handelt oft anders. Viel unscheinbarer. Er gibt dem Timotheus keine ganz neuen, wundersamen Erlebnisse und Gefühle, sondern er erinnert ihn an das, was er schon hat. An die „Gabe Gottes, die in dir ist“. Was ist das für eine Gabe? Irgendetwas Spektakuläres? Eine Wundergabe? Nein, es ist schlichtweg die Gabe des Heiligen Geistes. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Und wie ist diese Gabe in ihn hineingekommen? Sie ist keineswegs von Geburt an in uns Menschen drin. Manche meinen das ja, besonders in der Esoterik, dass jeder Mensch in sich die göttliche Energie trägt. Dass jeder Gott in sich hat. Das ist wirklich Unfug. Durch die Sünde sind wir von Natur aus weg von Gott, sind wir Gott los. Die Gabe Gottes, Gottes Geist, muss uns erst geschenkt werden. Und wie? Hier schreibt Paulus: „durch die Auflegung meiner Hände“. Nun, das war eine besondere Situation. Als Paulus ihn für sein Amt als Gemeindeleiter eingesegnet hat, hat er ihm den Geist Gottes noch einmal speziell für seine wichtige Aufgabe zugesprochen. Aber wie wir aus der Bibel wissen: Bekommt jeder den Heiligen Geist, der ein Kind Gottes wird. Wenn du Jesus Christus in dein Leben eingeladen hast, wenn du ihm vertraust und an ihn glaubst. Dann hast du diese große Gabe, den Heiligen Geist. Und zwar egal, ob du davon etwas merkst, fühlst, spürst oder nicht. Man kann das nämlich auch vergessen. Und so ging es dem Timotheus. Der musste da ganz neu dran erinnerst werden. Und nun sagt Paulus: Erinnere dich an dieses Geschenk, damit du es erweckst! Wissen Sie, was da im Griechischen steht? Da steht: damit du es neu anfachst, neu entflammst! Ja, der Geist Gottes wird ja in der Bibel oft mit einem Feuer verglichen. Und so kann es manchmal in uns als Christen aussehen: Wir haben das Feuer des Geistes in uns, aber es glimmt nur noch ein bisschen, es hat vielleicht einmal hell gelodert, Feuer und Flamme für Jesus, und nun ist nur noch ein bisschen Restglut vorhanden. Aber kein Grund zur Resignation: Das kann wieder neu entfacht, entflammt werden. Denn es steckt ja in dir! Wenn Gott da mal in dich reinpustet – durch sein Wort, durch einen Gottesdienst, beim Beten, im Hauskreis, im Glaubenskurs..., dann fängst du wieder Feuer im Glauben! Erinnere dich doch an all das, was Gott dir schon geschenkt hat! Was schon in dein Leben hineingelegt ist. Auch bei Timotheus hat Gott schon viel vor langer Zeit vorbereitet. Und da war am wichtigsten: eine fromme Oma, auch eine gläubige Mutter, Eunike – obwohl der Vater wohl nicht gläubig war. Die Großmutter Lois hatte entscheidenden Anteil am Glauben des Timotheus! Sie hatte treu für ihn gebetet. Und ihm von Kindheitstagen an aus der Bibel erzählt und vorgelesen. Paulus erinnert ihn auch daran (3,15): Von Kind auf kennst du ja die Heilige Schrift. Also, ihr Großmütter und Großväter! Vielleicht habt ihr es bei euren Kindern versäumt, sie beständig auf Jesus hinzuweisen, ihnen die Bibel lieb zu machen, aber jetzt sind die Enkel dran! Betet für sie, betet mit ihnen, erzählt ihnen aus der Bibel. Das ist euer wichtigster Dienst. Fromme Omas können die Welt verändern. Manchmal höre ich es von Konfirmanden oder Jugendlichen, die zum Glauben finden, und ich frage nach, ob sie zuhause etwas von Gott mitbekommen haben: „Nein, aber ich habe eine fromme Oma, die für mich betet.“ Was für ein wichtiger Dienst!
Doch nun zu unserem Dreiklang. Kraft – Liebe – Besonnenheit! Welch wohlklingende Worte!
1) Kraft
Kraft hatte Timotheus besonders nötig. Denn er war oft verzagt. Es gab so viele Herausforderungen und Probleme in der Gemeinde. Irrlehrer haben sich eingeschlichen. Und mitunter gab es Streit innerhalb der Gemeinde. Timotheus war verzagt. Paulus sagt aber: Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben. Oder Furcht. Auch Feigheit kann man übersetzen. Wo sind wir verzagt? Was macht dich verzagt? Sind es auch Probleme und Krisen in der Ehe, in der Familie, Sorgen am Arbeitsplatz. Oder für euch Schüler der Leistungsdruck – wie soll man das schaffen? Und dann bist du ganz verzagt. Und du fürchtest die Zukunft. Du fürchtest andere Menschen. Timotheus hatte manches Mal Furcht. Er hatte die Furcht sogar im Namen. Timotheus bedeutet: „Der der Furcht hat“. Allerdings ist der Name so unvollständig wiedergegeben. Es heißt: Der, der Gottesfurcht hat. Der Gottesfürchtige. Und das ist was ganz anderes. Denn wie jemand mal gesagt hat: Wer vor Gott auf die Knie geht, kann vor Menschen aufrecht stehen. Wer Gottesfurcht hat, braucht keine Menschenfurcht zu haben! Gottesfurcht heißt Ehrfurcht vor dem mächtigen Gott, der alles in seiner Hand hat! Das gibt Kraft. Allerdings eine Kraft die nicht unbedingt äußerlich gleich erkennbar ist. Das ist was anderes als Willenskraft, Grips im Hirn oder viel Muckis. So wie jener Bodybuilder, der stolz prahlt: „Haha, ich hab’s nicht nur hier (zeigt auf die Muskeln seines Armes), sondern auch hier (zeigt auf die Muskeln des andern Armes)!“ Nein, es ist die Kraft des Herzens, manchmal sehr verborgen unter Schwachheit und Zerbrochenheit. Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! Sagt Gott zu Paulus und auch zu uns. Es ist die Kraft die Christus von den Toten auferweckt hat! So wie es am Ende unseres Predigttextes heißt:
Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium!
2) Liebe
So häufig benutzt, dieses Wort. Und doch so schwer zu leben. Sicher: Es ist nicht schwer jemanden zu lieben, in den man frisch verliebt ist. Den man mag, der einem liebenswert scheint. Aber es gibt noch eine tiefere Liebe, eine Liebe, die nicht nur das Liebenswerte und die Liebenswerten liebt, sondern auch die Schwierigen, die Nervigen, die einem auf den Geist gehen… Es ist die Liebe Gottes, die sogar Feinde liebt. Antoine de Saint-Exupéry, der französische Schriftsteller, er sagt es so: „Wirkliche Liebe beginnt da, wo keine Gegenliebe erwartet wird.“ Das ist eine steile These. Und man kann sie auch anfechten. Wir brauche es ja auch geliebt zu werden. Aber wir können dennoch davon lernen. Wie sieht es aus mit unserer Liebe, auch in der Gemeinde, gerade zu den Menschen, die uns nicht so gleich ganz nahe sind? Die, die bissig und grummelig sind? Mich hat bewegt, was ein Pastor erzählte von seinem Besuch bei den Bodelschwingschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld:
„Ich mache einen Besuch in den großen Bodelschwinghschen Anstalten von Bethel. Dort begegnet mir ein Mann, der mir verwundert berichtet, was er gerade erlebt hat: ‘Als ich eben durchs Hoftor eintrete, steht da mitten im Weg ein großer Hund mit fürchterlichem Gebiß und wütenden Augen. Ich überlege noch, ob ich umdrehen und weitergehen soll. Da sehe ich, wie aus einem anliegenden Haus ein epileptischer Junge, einer der behinderten Bewohner, herauskommt und auf den Hund zugeht, um ihm zu streicheln. Mir will das Herz stehenbleiben. Entsetzt rufe ich: ‘Halt, Junge, der Hund ist böse.’ Aber unbekümmert dreht der Junge sich nach mir um und sagt: ‘Wenn man ihn lieb hat, beißt er nicht.’ Da hatte ich meine Lektion.“ Wenn man ihn lieb hat, beißt er nicht! Ich bin mir nicht sicher, ob das bei allen Hunden so klappt. Aber, ich denke, bei Menschen trifft das zu. Wie viele bissige Menschen gibt es, die sich im Grunde nur zutiefst ungeliebt fühlen. Könnte der Geist von Gottes Liebe in uns womöglich solch einen Menschen verändern? Ich glaube schon.
3) Besonnenheit
Auch Besonnenheit war für Timotheus ganz wichtig. Gerade weil die Gemeinde mit so viel Irrlehrern und anderen Problemen zu kämpfen hatte! Und da konnte man sicher auch unbesonnen handeln, in gut gemeintem Übereifer das Kind mit dem Bade ausschütten, im Kampf gegen Irrlehren hart und unbarmherzig werden. Oder umgekehrt, lasch, lau und lax werden. Besonnenes Handeln tut not. Man sagt ja: Es ist wichtig, vor dem Handeln zu überlegen. Doch noch besser ist es, zuvor zu beten! Auch wenn man andere zum Glauben einlädt. Rede erst mit Gott über den Menschen, bevor du mit dem Menschen über Gott redest. Das ist Besonnenheit. Ein schönes Beispiel für Besonnenheit ist König Christian von Dänemark gewesen. Während der Nazizeit hielten die Deutschen auch Dänemark besetzt und ordneten an, dass alle dänischen Juden eine gelbe Armbinde mit einem Davidstern zu tragen hätten. Der dänische König Christian X. konnte sich diesem Befehl nicht widersetzen. Aber er reagierte sehr besonnen: Er trug einfach selbst auch den Stern in der Hoffnung, dass alle Dänen seinem Beispiel folgen würden. So gut wie alle Menschen in Kopenhagen trugen mit ihrem König und in Solidarität zu den Juden die Binde und den Stern. So mussten die Deutschen die Anordnung wieder aufheben.
Kraft – Liebe – Besonnenheit! Ein wunderbarer Dreiklang.
Anfangs berichtete ich, dass so ein Dreiklang für mich damals das erlösende Ende einer langen Schulstunde war. Aber natürlich erklang dieser Dreiklanggong auch zu Beginn eine Schulstunde. Und es kam immer ganz auf die Stunde und den Lehrer drauf an, ob man die Stunde fürchtete oder sich drauf freute. Wenn wir bei Gott in die Schule des Glaubens gehen, dann können wir uns drauf freuen, wenn dieser Dreiklang eine neue Schulstunde eröffnet: Kraft – Liebe – Besonnenheit.
Amen.