Lass dich beschenken!
Festgottesdienst zum 1. Advent, 29.11.2009
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde,
Weihnachten kennt keine Krise! Trotz der Wirtschaftskrise wollen die Deutschen dieses Jahr nicht an Weihnachts-Geschenken sparen. Sie planen, durchschnittlich 226 Euro auszugeben, fünf Euro mehr als im Vorjahr. So eine Umfrage von Ernst&Young. Am wenigsten wollen übrigens die Schwaben ausgeben. Wen wundert’s? Und am meisten die Sachsen! Geschenke sind also nach wie vor für viele das Wichtigste an Weihnachten. „Mein Junge,“ sagt die Oma zum Enkelkind, „in diesem Jahr will ich mal’n bisschen was für deine Bildung machen. Du bekommst als Weihnachtsgeschenk ein Buch. Du darfst dir ein wunderschönes Buch wünschen.“ – „Au ja, Oma, ich wünsch mir dein Sparbuch.“
Lass dich beschenken! – So die Überschrift nicht nur über diesem Gottesdienst und über der wunderbaren Adventsausstellung, die heute eröffnet wird. Sondern auch über der ganzen Adventszeit in diesem Jahr.
Geschenke sind etwas Schönes, vielleicht manchmal auch ein bisschen mit Stress verbunden, auch mit Enttäuschungen. (Jeder Vierte verschenkt Geschenke, die ihm nicht gefallen, einfach weiter!). Aber entscheidend ist, dass wir an Gottes Geschenk nicht vorbei gehen. In unserem Predigttext wird es uns angeboten. Römer 8,32:
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
1) Hier gibt’s das teuerste Geschenk
Viele denken: Je teurer desto besser. Je mehr ich ausgebe, desto mehr erkennt der Andere meine Liebe und Wertschätzung. Tipp: Gehen Sie doch mal bei „Neiman Marcus“ Geschenke kaufen. Eine US-amerikanische Nobelkaufhauskette, die bekannt ist für die teuersten und ausgefallensten Weihnachtsgeschenke. Wie wäre es, wenn Sie Ihre Liebste in diesem Jahr mal mit einem Zeppelin beschenken? Kostenpunkt: 10 Millionen Dollar. Wenn Sie doch ein bisschen knauseriger sind, dann reicht es vielleicht noch für eine exklusive Gold-Kette, die mit 85-karätigen Diamanten und rosa Saphiren für schlappe 2,5 Mio. $. Na ja, und die Kleinsten sollen auch nicht leer ausgehen. Originell wäre doch eine lebensgroße Ganzkörperskulptur aus Legosteinen für gerade mal 60.000 Dollar.
Sind die teuersten Geschenke wirklich am teuersten? Wenn uns jemand lieb und teuer ist, lässt sich das mit Geldwert ausdrücken? Manchmal ist es gut, von Kindern zu lernen:
Im Kinderzimmer herrscht vor Weihnachten eifrige Betriebsamkeit: Mit welchem Geschenk kann man der Mutter eine Freude machen? Jedes der Kinder denkt sich eine andere liebevolle Überraschung aus. Die große Schwester malt ein Bild, der Bruder hämmert mühsam einen Rahmen dafür. Die Jüngste legt die Schokolade dazu, die sie beim Einkaufen geschenkt bekommen und eigentlich so gern selbst gegessen hätte. Bei der Bescherung betrachtet die Mutter die Geschenke, die ihre Kinder für sie zusammengetragen haben. Doch was liegt dort hinten in der Ecke? Erstaunt nimmt sie die heiß geliebte Puppe der fünfjährigen Tochter hoch. „Ich wollte dir mein Liebstes schenken“, sagt die Kleine und schluckt tapfer an den Tränen. Tief bewegt steht die Mutter vor dem kleinen Mädchen. Das Liebste schenken - was für ein großes Opfer! Loslassen, weggeben, nicht an sich selber denken. Das kann man nur aus Liebe. Ein Geschenk aus Liebe ist wahrlich das teuerste Geschenk.
Gott selber hat sein Liebstes gegeben, geschenkt. Seinen Sohn. Was für eine unendliche Liebe zu uns Menschen steht dahinter! Gott hat seinen Sohn gegeben. Wir haben das schon oft gehört. Einer der bekanntesten Verse der Bibel: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16).
Ist uns eigentlich klar, was das bedeutet? Menschlich gesehen, wirkt das doch barbarisch, grausam vor. Wenn Paulus in Römer 8 es so formuliert: Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, dann erinnert er an, ja er zitiert wörtlich die Geschichte von Abraham, der bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern. Nur – das hat Gott in letzter Sekunde verhindert. Es war eine Glaubensprüfung, ob Abraham wirklich bereit war, ganz und gar der Verheißung Gottes zu glauben. Bei sich selber geht Gott zum Äußersten: Er gibt seinen Sohn, sein Liebstes, sein Teuerstes – nicht nur in die Armut der Krippe, sondern in die Armseligkeit des Kreuzes, besser: in die Seligkeit des Kreuzes! Das ist für unseren Verstand nicht zu begreifen. Manch einer, auch Theologen, tun sich schwer damit. Sie sagen: An so einen Gott kann ich nicht glauben. Doch das ist zu sehr aus menschlicher Perspektive gedacht. Wir dürfen uns Gott nicht wie eine menschliche Familie vorstellen: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Islam missversteht die Trinität ja so: Vater, Sohn und Mutter Maria. Nein: Gott ist keine Familie. Wo dann der Vater einfach sein Kind umkommen lässt. Sondern Gott ist drei in eins. Das bedeutet: Gott opfert nicht sein Kind und bleibt dabei selber unbeteiligt: Sondern: Indem Gott in Jesus Christus Mensch wird, opfert er sich selbst! Aus freiem Willen, aus Liebe: Um uns zu erlösen von unseren Sünden. Das ist wahrlich das teuerste Geschenk, das es gibt. Frage: Wie gehen wir mit diesem, dem teuersten Geschenk um? Wird es nicht oft achtlos liegen gelassen? Es gilt die Entscheidung, es anzunehmen, auszupacken. Und das heißt: Glauben. Wirklich ein Leben mit Jesus Christus zu beginnen. Und dann, ja dann staunt man: Hier, bei Gott, gibt’s nicht nur das teuerste Geschenk. Hier gibt’s auch die meisten Geschenke.
2) Hier gibt’s die meisten Geschenke
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
Gott schenkt uns nicht weniger als alles. Das klingt jetzt erst mal ein bisschen unübersichtlich. Was heißt das: „Alles“? Ich glaube, wir müssen uns mal die Mühe machen, darüber nachzudenken, was uns durch den Glauben an Jesus Christus im Einzelnen geschenkt wird. Dann wird die Sache nämlich sehr konkret und lebensnah. Wenn Sie die Ausstellung hinterher durchwandern, dann sehen Sie dort einen Tisch, der ist beinahe übervoll. Nicht mit verpackten Geschenken, sondern mit ausgepackten Geschenken, sichtbar: Bilder, die diese Geschenke anschaulich machen.
Da sehen Sie das Geschenk der Vergebung. Dazu das Gemälde von Rembrandt: Heimkehr des Verlorenen Sohns. Das ist nicht nur ein frommes Wort, sondern gelebte Erfahrung. Rembrandt hat nach einem Leben mit Höhen und Tiefen, wo er zwischenzeitlich weit weg von Gott war, in seinem letzten Lebensjahr 1668/69 dieses beeindruckende Werk gemalt. Er hat sich in anderen Bildern selber als den Verlorenen Sohn gemalt. Und nun am Lebensende: Heimkehr. Vergebung erfahren beim liebenden Vater. Was immer tu getan hast: Gott vergibt dir. Vielleicht hast du dich mit deinen Eltern hoffnungslos verkracht, vielleicht eine Ehe zerstört, vielleicht hast du mal dein Kind abgetrieben. Gott vergibt: Du kannst neu anfangen. Auch kleine Dinge im Alltag, die schief laufen: Das Geschenk der Vergebung ist nicht zu bezahlen! Das Geschenk der Geborgenheit, in einer Welt, in der nichts sicher scheint. „Diese Welt ist schnell und hat verlernt beständig zu sein. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas das bleibt.“ dichtet die Gruppe Silbermond. Das ist das Geschenk der Geborgenheit, die der Glaube gibt. Da ist das Geschenk der Schöpfungsvielfalt. Unglaublich, was Gott uns durch die Natur an Freuden, an Überraschungen, an Staunenswertem bietet! Und das Geschenk der Stille. In unserer Zeit besonders wichtig. Mit dem heutigen 1. Advent beginnt ein neues Kirchenjahr, ein „Jahr der Stille“, das über hundert christliche Organisationen und prominente Einzelpersonen ausgerufen haben. Ein Jahr, in dem wir bewusst versuchen wollen, mitten im Trubel des Alltags die Stille zu suchen um, in der Stille Gott neu zu finden, und damit auch uns selbst zu finden. Nicht umgekehrt! Wir laden ein, auch heute den Raum der Stille zu nutzen, im 1. Stock des Gemeindehauses, ab 12.30 Uhr, alle halbe Stunde ist er geöffnet.
Und unendlich viel mehr Geschenke noch!
Nachdem wir gesehen haben: 1) Hier gibt’s das teuerste Geschenk und 2) Hier gibt’s die meisten Geschenke, bleibt 3) die Frage:
3) Gibt’s hier was umsonst?
Vielleicht komische Frage, nachdem wir so lange über Geschenke gesprochen haben. Was meine ich damit?
Im 19. Jh. soll sich in einem kleinen Dorf folgendes zugetragen haben. Eine ältere, arme Frau. Ihr Sohn ist vor Jahren nach Amerika ausgewandert. Regelmäßig schreibt er ihr. Eines Tages erhält die Frau Besuch vom Lehrer im Dorf. Sie zeigt ihm freudig die Briefe des Sohnes und auch die hübschen „Bildchen”, die der Sohn seinen Briefen beigelegt hat. Es sind zwar immer die gleichen Bilder, die der Sohn geschickt hat, aber die alte Frau freut sich daran. „Schauen Sie mal, ist doch nett!“ - „Frau”, sagt der Lehrer, „das ist doch Geld! Das sind amerikanische Dollarnoten. Sie sind reich beschenkt und wissen es gar nicht!”
Ich glaube, wir gehen mit Gottes Geschenken oft ähnlich um: Wir nehmen sie zur Kenntnis, zu besonderen Gelegenheiten nehmen wir sie heraus: Zu Weihnachten etwa, weil’s so schön fürs Gemüt ist. Dann schauen wir uns diese Dinge des Glaubens ein bisschen an, freuen uns daran, und packen’s wieder weg. So wie die Briefe, besser gesagt den Brief Gottes, die Bibel. Doch wir nutzen die Geschenke nicht. Gibt’s hier was umsonst? Ja, so oft schenkt Gott seine Geschenke umsonst, vergeblich.
Wir wollen uns ganz neu beschenken lassen und mit diesen Geschenken leben.
Amen.