Leinen los

Gottesdienst am Sonntag, 22. August 2010 (Erntefest)

Thema: Leinen los!

Text: Johannes 8,30-36

 

Liebe Gemeinde,

Leinen los, Leinen los, ja die Sehnsucht nach der Ferne ist so groß.

So heißt es in diesem Seemannslied, aufgenommen vom Shantychor unter Leitung von Thomas Fleps. Leinen los, darin drückt sich eine große Sehnsucht aus. Die Sehnsucht nach dem Meer, nach der Weite, nach Freiheit! Hier ein Bild der großen Gorch Fock, dem berühmten Segelschulschiff der Bundesmarine.

Auch wenn die Schaumburger nicht unbedingt als Seefahrernation bekannt sind und als sehr bodenständig und heimatverbunden gelten, wie sich ja auch an Brauchtum und Traditionen zeigt – etwa bei unseren schönen Erntefesten, dennoch steckt diese Sehnsucht nach Freiheit doch in jedem Menschen tief drin.

 

1) Leinen los – Sehnsucht nach Freiheit

Ich möchte Ihnen heute von einem Mann erzählen, der auch in sich diese unbändige Sehnsucht nach Freiheit hatte. Schon als kleiner Junge schaute Hans immer sehnsüchtig den großen Segelschiffen hinterher. Sein Vater war Nordseefischer, doch der Junge wurde als zu schwach empfunden, um eine Ausbildung in diesem seinen Traumberuf beginnen zu können. gewesen. Stattdessen wurde Hans Kinau Kaufmannslehrling. Und in seiner Freizeit Schriftsteller. In seinen Werken schreibt er mit viel Pathos vom Leben der Hochseefischer, wie die Leinen los gemacht wurden und auf dem Meer ein Leben der Freiheit auf sie wartete. Von denen er selber so gern einer gewesen wäre. Darunter Werke, die vor knapp hundert Jahren so ziemlich jeder Junge in Norddeutschland gelesen hat. Und er beschäftigt sich bei seiner Suche nach Freiheit auch intensiv mit Glaubensfragen. Allerdings empfindet er den christlichen Glauben als einengend und irgendwie schwächlich. Ein Gekreuzigter im Zentrum des Glaubens! Das klingt nicht nach Freiheit. Stattdessen wollte er sich von den Leinen und Fesseln des christlichen Glaubens losmachen und er entwickelt eine große Sympathie für die alten Götter der Germanen, verbunden mit einem großen Nationalstolz. So schreibt er: „Ich stecke noch tief im Heidentum. Wotan ist mein Herr und mein Gott. Der deutsche Gott muss immer Donars Hammer tragen.“ Freiheit und Stärke der Germanen – das ist Gedankengut, das ein paar Jahre später die Nazis für ihre Propaganda gut missbrauchen konnten. Freiheit wollte Hans und war doch zutiefst gebunden in seiner eigenen Sehnsucht.

Im heutigen Abschnitt des Johannesevangeliums ist auch die Rede von Menschen, die die Freiheit liebten. Jesus sagte ihnen, seinen jüdischen Gesprächspartnern: „Die Wahrheit wird euch frei machen!“ Doch die Reaktion ist nicht Begeisterung: Ja, klasse, wir wollen frei werden. Sondern: Verwirrung, Erstaunen, Überraschung: Was redest du da: Ihr sollt frei werden!? Wir sind doch frei. Wir sind freie Leute, ja, wir sind sogar Abrahams Kinder, Nachkommen des großen Abraham. Freier kann man doch gar nicht sein! Ist das vielleicht auch deine Reaktion? Ich bin doch frei! Ich lebe in einem freien Land, freie Fahrt für freie Bürger, Ich bin so frei… Und gerade an Tagen wie diesen, wo wir feiern und fröhlich sind, wenn das Erntefest gute Laune und gute Stimmung verbreitet. Wer wollte sich da nicht frei fühlen? Wir denken oft: Wir haben unser Leben voll im Griff, oder? Somit gleichen wir den Leuten damals, die sich auch völlig frei fühlten. Doch Jesus sieht tiefer. Er sagt: Nein, ihr seid gar nicht frei! Es gibt viel zu viele Gebundenheiten in eurem Leben. Und tief im Innern sehnt ihr euch doch nach wahrer Freiheit.

Wie sieht es bei uns aus? Was sind deine Gebundenheiten, was sind meine? Das kann bei jedem etwas anderes sein. Manches völlig unverschuldet, Dinge, denen wir hilflos ausgeliefert zu sein scheinen. Manches von uns selbst verschuldet. Durch eigene Dummheit oder Leichtsinn hineingeraten, und jetzt kommen wir nicht mehr heraus. Beim einen ist es vielleicht die Arbeit, die einem jede Freiheit raubt. Gestern erst hatte ich mich mit einem Mann unterhalten, der wohnt in Iserlohn und arbeitet in Porta Westfalica. Der arme Kerl muss jeden Tag 1,5 Stunden hin und 1,5 Stunden zurückfahren. Ist Tag für Tag von morgens um 6 bis abends mindestens nach 8 aus dem Haus. Kein Wunder, dass Ehe und Familie darunter leiden. Der sehnt sich nach Freiheit. Ein anderer ist gebunden in seinen sexuellen Fantasien. Kommt einfach nicht klar damit. Für viele ist z.B. das Internet eine regelrechte Pornofalle geworden. Oft verharmlost, aber für manche Ehe eine riesige Belastung. Oder noch ein Beispiel. Alkohol, die Volksdroge Nr. 1. Bitte mich nicht falsch verstehen. Es ist gerade Erntefest und es ist sicher nichts gegen 1 Bierchen in fröhlicher Runde einzuwenden. Oder auch mal zwei. Aber für manch einen wird es zur Gewohnheit. Und aus der Gewohnheit wird allmählich, unmerklich die Sucht. Wie viele Familien, wie viele Leben der Alkohol schon zerstört hat! Jesus sagt es in einem Satz: Wer Sünde tut, ist der Sünde Knecht. Da steht eigentlich Sklave. Wer Sünde tut, ist ein Sklave der Sünde. Leinen los! heißt es heute. Hast du auch die Sehnsucht, frei zu werden? Aber wie? Jesus sagt einen Satz, der nicht ganz leicht zu verstehen ist: Die Wahrheit wird euch frei machen! Was meint er damit? Welche Wahrheit wird uns frei machen? Zunächst einmal, die Erkenntnis der Wahrheit, dass wir gebunden sind. Aus der Suchttherapie ist bekannt, dass eine Hilfe keine Chance hat, wenn der Betreffende gar nicht wahrhaben will, dass er Hilfe braucht, dass er gebunden ist. Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Das heißt: Wir Menschen müssen erkennen, dass wir alleine nicht unser Leben im Griff haben, und schon gar nicht unsere Sünden, Sorgen und Süchte, sondern dass diese uns im Griff haben. Dies zu erkennen ist der erste Schritt zur Freiheit.

 

2) Leinen fest – Wir brauchen Bindung

Echte Freiheit braucht Bindung. Was nach einem Paradox klingt, verbirgt in sich eine tiefe Wahrheit. In dem Seemannslied: Leinen los! heißt es: Leinen fest, Leinen fest, unsre Reise ging drei Monate nach West… Drei Monate auf dem Meer, auf einmal spürt man: Man braucht wieder einen Halt, man braucht wieder festen Boden unter den Füßen. Crew an Land… heißt’s in dem Lied.

Offensichtlich spüren das sogar die Seeleute.

Wir merken: Echte Freiheit braucht auch Bindung, braucht Halt, braucht Geborgenheit.

Der junge Schriftsteller Hans Kinau erlebt genau dies. Sein ganzes germanisches Heldentum, seine ganze erträumte Hochseefischerfreiheit bricht auf einmal wie ein Kartenhaus zusammen, als der 1. Weltkrieg ausbricht, und er als Infanterist eingezogen wird. Vielleicht sollte ich Ihnen an dieser Stelle einmal seinen anderen Namen verraten, sein Pseudonym, unter dem er bekannt ist: Gorch Fock. Der berühmte Schriftsteller, nach dem dieses prächtige Segelschiff benannt ist. Geboren am 22. August 1880, so dass sich genau heute sein Geburtstag zum 130. Mal jährt. Bei einem Feldgottesdienst mitten im Krieg hört er das Wort Jesu: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Das wühlt ihn tief im Innern auf und er spürt: wahre Freiheit finde ich nur in der Bindung an diesen Jesus Christus. Denn er kann mich frei machen von allen Bindungen, auch von allen Ängsten und von meinen Sünden. Und dann schreibt er an seine Frau: „Ich bin ein neuer Mensch geworden! Wie freue ich mich dieser Gnade der ewigen Macht, dieser köstlichen Wiedergeburt. Die ewige Liebe greift in mein Leben.“ Die Wahrheit wird euch frei machen hat Jesus gesagt. Und wir haben festgestellt, zunächst meint es, erst mal die Wahrheit über den eigenen Zustand erkennen. Aber im tieferen Sinn des Johannesevangeliums wird deutlich: Die Wahrheit ist eine Person, die Wahrheit ist Jesus selbst. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Deshalb heißt es am Schluss unseres Predigttextes: Wenn euch nun der Sohn Gottes frei macht, so seid ihr wirklich frei. Diese Erfahrung macht der Dichter Gorch Fock. Und dann schreibt er einen Satz, den man auswendig lernen und im Herzen bewahren sollte: „Ich weiß nicht, wohin mich Gott führt, aber ich weiß, dass er mich führt.“ Das ist doch echte Freiheit, wie sie größer nicht sein. Und dann lernt er, wie die Bindung an Jesus wachsen kann, und dadurch die Freiheit immer größer wird. Nämlich durch das Wort Gottes. Und Gott beschenkt ihn auf wunderbare Weise: Eines Tages schreibt er in sein Tagebuch, gerade in Serbien: „Das Schönste dieses Tages: Ich habe ganz unverhofft ein Neues Testament gefunden. Das werde ich jetzt immer und überall hin mitnehmen.“ Und wenn wir nun wieder in unseren Predigttext schauen, dann lesen wir genau das gleiche: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger. Da also haben wir die Bindung, die Freiheit bedeutet. Leinen fest! Wir leben in einer Zeit völliger Unverbindlichkeit. Ehen werden nicht mehr geschlossen, „bis dass der Tod euch scheidet“, sondern wie es in einem modernen Trauagendenvorschlag heißt: „solange es gut geht“.

Oder man heiratet gar nicht mehr, sondern zieht einfach mal so zusammen, um erst mal ganz unverbindlich auszuprobieren. Oder man nimmt sich einen „Lebensabschnittsgefährten“. Und im Glauben macht man es genauso. Alles mal ausprobieren, öfter mal was Neues. Ein bisschen in der Esoterikkiste wühlen, ein bisschen Buddhismus, ein bisschen Reiki, und ein bisschen Jesus. Aber alles ganz unverbindlich. Jesus sagt: So werdet ihr nicht frei. Leinen fest! Macht euch fest an mir und bleibt an meinem Wort. Freiheit braucht Vertrauen, Vertrauen braucht Verbindlichkeit, Verbindlichkeit braucht Bindung, Bindung braucht Entscheidung. Und deshalb: Macht es wie Gorch Fock: Entscheidet euch für ein Leben mit Jesus. Und bleibt dabei. Wie viele haben schon angefangen im Glauben, mal geschnuppert, und dann aber nicht dabei geblieben. Bleibt an meinem Wort, dann seid ihr meine Jünger. Der Seefahrer Gorch Fock hat erkannt: »Du kannst dein Leben nicht verlängern, aber vertiefen!«

 

3) Leinen los – Sehnsucht nach der Heimat

Die 3. Strophe des Seemannsliedes heißt: Leinen los, Leinen los, ja die Sehnsucht nach der Heimat ist so groß. „Voll voraus, voll voraus, unser Kurs führt uns geradewegs nach Haus.“

Auch dies ist eine wichtige Botschaft für uns als Christen. Denn die feste Bindung, von der ich gesprochen habe, gilt Jesus, aber nicht der vergänglichen Welt. Hier gilt es, loslassen zu können und eine Sehnsucht zu haben nach der ewigen Heimat. Unser Kurs führt uns geradewegs nach Haus.

Solange wir gebunden sind, solange wir Knechte der Sünde sind – und noch nicht Kinder Gottes, werden wir nicht das Ziel der ewigen Heimat erreichen, sind wir auf falschem Kurs.

Jesus sagt dies in unserem Predigttext so: Der Knecht, der Sklave, bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Nur wenn du ein Sohn oder eine Tochter Gottes bist, hast du eine ewige Heimat.

Gorch Fock bekam dann noch seinen Herzenswunsch erfüllt. Er wurde Matrose. Auf dem Kreuzer Wiesbaden hatte er seinen Posten hoch oben im Ausguck. Seine irdische Heimat sollte er nie wieder sehen. Er fiel in der Seeschlacht am Skagerrak. Doch er wusste: Es war nur der Übergang in die ewige Heimat, in die ewige Freiheit. In sein Tagebuch hatte er geschrieben als Gruß an seine Frau: „Und wenn du hören solltest, dass unser Kreuzer versunken und niemand gerettet sei, dann weine nicht. Das Meer, in das mein Leib versinkt, ist auch nur die hohle Hand meines Heilands, aus der mich nichts reißen kann.“

Amen.

 

 

30 Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

31 Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger

32 und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

33 Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?

34 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.

35 Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig.

36 Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.