Paulus I: Eindrucksvoll - Der Aufsteiger

 

Gottesdienst am Sonntag, 28. Februar 2010
Beginn der Predigtreihe „Paulus – Wie Dynamit und Rosenduft“
Thema: I. Eindrucksvoll: Der Aufsteiger
Text: Apg. 9

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

 

Gesucht: Dieser Mann! Kennen Sie ihn? Liebe Gemeinde, ein Phantombild, erstellt vom Landeskriminalamt NRW im Februar 2008. Wer ist das? Wer wird hier gesucht? Und warum wird nach ihm gefahndet? Das Überraschende dabei: Er ist schon seit fast 2000 Jahren tot. Denn dieser Mann ist kein geringerer als Paulus. Ja, ist das denn die Möglichkeit! Woher haben die denn dieses Bild? Ein echtes Fahndungsfoto als Phantombild erstellt, von einem Mann der Antike? Nun, unsere Jungs von der Polizei können so was. Aus den ältesten Ikonendarstellungen und Beschreibungen der Kirchenväter, die noch zeitlich dicht dran waren an Paulus, ist dieses Bild entstanden. Ob er wirklich so aussah? Wir wissen es nicht. Doch es wird nach ihm gefahndet. Heute Morgen und in den kommenden Wochen wollen wir diesem Mann auf die Spur kommen. Warum? Weil er die Welt verändert hat wie nur wenige sonst, weil er eine der Säulen unserer Kirche ist und 13 Briefe des Neuen Testaments geschrieben hat, weil er ein Beispiel für die Kraft des Evangeliums ist, eine Kraft die man mit Dynamit vergleichen kann. Weil seine Botschaft eine Botschaft von der Gnade Gottes ist, duftend und frohmachend wie Rosenduft. Und weil über ihn so viel Vorurteile, so viel Unfug und Unsinn erzählt wird: Frauenfeind, weltfremd, leibfeindlicher Asket usw. Mit diesen Vorurteilen gilt es aufzuräumen. Doch vor allem beschäftigen wir uns mit ihm, weil er ein Bote, ein Apostel, d.h. Gesandter des lebendigen Gottes ist, dessen Botschaft auch heute noch gilt und unser Leben betrifft, ja in dein und in mein Leben hineinspricht.

Paulus war nicht immer ein Bote Gottes. Im Gegenteil, vorhin in der Schriftlesung hörten wir bereits, wie er sagt: „Ich habe die Gemeinde Gottes verfolgt.“ Was war da passiert? Eine eindrucksvolle, dramatische Lebenswende – vom Christenfeind, Christus-Hasser zum Christus-Zeugen, eine Lebenswende, von der uns die Apostelgeschichte dreimal ausführlich berichtet und er selber auch einige Male in seinen Briefen erzählt. Vielleicht denkt jetzt mancher: Solch eine dramatische Lebenswende habe ich nicht erlebt und werde sie auch niemals erleben. Es betrifft mich also nicht. Vorsicht! Ich glaube, die Geschichte des Paulus – gerade auch vor seiner Bekehrung ist verbreiteter als wir denken. Und sie passt gut in unsere Zeit. Es ist eine eindrucksvolle Geschichte von Karriere, von Aufstieg, von Erfolg: ein Mann will nach oben, beruflich und persönlich, er will Anerkennung, er giert nach Anerkennung, bei Menschen und bei Gott. Entdecken wir uns darin wieder? Wollen wir nicht auch nach oben kommen, den Aufstieg schaffen, sehnst du dich nach Anerkennung, dass endlich jemand dir sagt, wie wertvoll du bist?

 

1. Der Aufstieg

Paulus war ein echter Aufsteiger. Wie gelang ihm das? Durch Leistung, Leistung, Leistung. Er war schon immer einer der Besten. Ein paar Grundlagen seiner Karriere sind ihm schon in die Wiege gelegt worden. Er stammt aus einer strenggläubigen jüdischen Familie aus Tarsus in der heutigen Südtürkei. Von seinem Vater erbte er das begehrte römische Bürgerrecht, das nur eine Minderheit der jüdischen Reichsbewohner besaß. Er stammt aus dem Königsgeschlecht des Stammes Benjamin, aus dem auch der erste König Israels stammt Saul, daher auch sein hebräischer Vorname Saulus. Adel verpflichtet! So wurde er schon in seiner Jugend zu einem Tora-Lehrer ausgebildet, dazu musste er natürlich an die Top Universität der damaligen Zeit, die „Harvard Uni“ des Judentums, nämlich nach Jerusalem. Sein Professor, der berühmteste jüdische Gelehrte seiner Zeit, Gamaliel I.. Paulus war überaus ehrgeizig, paukte nicht nur seine eigene Religion, sondern auch die römische und griechische Philosophie. Er wollte ganz nach oben. Nebenbei machte er noch eine Handwerksausbildung zum Zeltmacher. Ein echter Workaholic. Was er machte, machte er hundertfünfzigprozentig. Und als es dann darum ging, die junge Christengemeinde zu verfolgen, auszumerzen, die eine Bedrohung für den jüdischen Glauben darstellte, da übertraf er alle anderen an Eifer. Da konnte er Pluspunkte beim Hochklettern auf der Karriereleiter sammeln Apg. 9: Lutherübersetzung: „Saulus aber schnaubte mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn.“ Schon hatte er im Auftrag des Hohenrates die Steinigung des Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers, zu beobachten gehabt.

Was trieb ihn an? Was gab ihm den Ansporn, den Ehrgeiz, ganz nach oben zu kommen? Anders als bei vielen Karrieren heute war es nicht das Geld, der Ruhm, die Macht… Nein, er wollte nach oben, ganz wörtlich und noch viel weiter nach oben, als auf das Siegertreppchen der Goldmedaillen. Er wollte nach oben – zu Gott. Er nennt sich selbst im Galaterbrief einen „Eiferer für das Gesetz“, also für das Wort Gottes, die Tora. Und er glaubte ganz fest daran: Es gibt nur eine Chance Gott zu gefallen: So perfekt wie möglich, das Gesetz Gottes, die Gebote einhalten. So gut wie möglich nach dem Willen Gottes leben. Und da mussten die Anhänger eines gewissen Jesus, der offensichtlich von Gott verflucht am Kreuz sterben musste, doch die pure Gotteslästerung betreiben, indem sie behaupteten: An diesen Jesus zu glauben, ihm zu vertrauen, das alleine rettet. Das geht doch nicht, denkt Saulus! Auf einen anderen vertrauen, statt selber die Leistung zu bringen, die bei Gott zählt? Kann das denn sein? Muss ich nicht selber alles bringen, um bei Gott auf dem Siegertreppchen zu stehen?

Was treibt dich an, nach oben zu kommen? Materielle Dinge? Mal ehrlich würde dich das glücklich machen, ein bisschen reicher, ein bisschen mehr Einfluss… Oder ist es auch im tiefsten ähnlich wie bei Saulus/Paulus: Sich selber beweisen, dass ich wer bin. Vielleicht noch gar nicht vor Gott, aber vor anderen Menschen und letztlich vor dir selbst. Selbstverwirklichung. Jawohl, ich kann’s, ich pack’s, ich bin wer. Ich kann stolz auf mich sein. Oder wenn es nicht für dich selbst ist – für deine Kinder? Dass du dich in ihnen verwirklichst? Stolz auf sie sein kannst.

 

2. Der Abstieg

Man könnte also die Biographie des Paulus in heutigen Kategorien ausgedrückt als „religiöse Selbstverwirklichung“ beschreiben. Und dann reitet er los, hoch zu Ross. Richtung Damaskus. Die Tasche voller Vollmachten, die junge Christengemeinde in Damaskus auszurotten. Und dann heißt es im Wort Gottes: „Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde.“ Er erblindet dabei. Was ist das? Mitten auf dem Höhepunkt der Karriere plötzlich dieser tiefe Fall? Ein Abstieg im wahrsten Sinn des Wortes. Sogar noch mehr: Ein Abwurf. Er stürzt von seinem hohen Ross der eigenen Leistung. Er fällt auf die Erde. Das sind Momente, in denen Menschen fassungslos fragen: Wie kann Gott das zulassen? Da ist einer auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft – und plötzlich diese schwere Krankheit, ausgerechnet jetzt. Da ist einer schon fast ganz oben – und dann plötzlich – dieser Fehltritt. Da haben sie alles geschafft, alle Träume verwirklicht: Erfolg, Kinder, Haus gebaut, zwar mit Schulden aber immerhin, - und dann plötzlich: zerbricht die Ehe. Nach dem Aufstieg kommt der Abstieg. Ich erinnere mich: Ein längeres Gespräch mit einem Obdachlosen. Er machte einen hochintelligenten Eindruck. Mich interessierte es ernsthaft: Wie ist er denn dazu gekommen? Er war einmal erfolgreicher Geschäftsmann, glücklich verheiratet. Alles lief bestens. Und er merkte gar nicht, wie er über allem Geld seine Familie völlig vernachlässigte. Er tat es doch alles für seine Frau und Kinder! Und plötzlich waren die weg. Immer war er weg gewesen, in seiner Arbeit, und plötzlich warn die weg! Und daran ist er zerbrochen. Der Griff zur Flasche. Die Abhängigkeit, Schulden, Wohnung weg. Der Abstieg. Nur, das hat mir imponiert: Er hat die Schuld nicht auf andere geschoben, nicht auf Gott geschoben, sondern hat seine eigenen Fehler erkannt. Saulus meinte, er hat sein Leben im Griff, er hat die Zügel in der Hand – erst viel später merkte er im Rückblick, dass nicht er der Reiter war, sondern das Reittier, geritten von einem anderen, vom Teufel. Und später erst, im Rückblick sah er, dass sein Absturz die größte Gnade Gottes war. Jesus Christus selber hat sich ihm hart in den Weg gestellt. (Wie einst der Engel sich dem Bileam in den Weg stellte!). Achtung: Wir dürfen und sollen uns gerne freuen über Erfolge und Glück, über erfolgreiche Karriere und Aufstiege, aber: Manchmal ist das vermeintliche Glück unseres Lebens ein Unglück, nämlich dann, wenn es uns ganz auf uns und unsere Leistung fixiert. Und manchmal ist das vermeintliche Unglück unseres Lebens, auch Abstieg und Fall eine Gnade Gottes, wenn es uns zum Glauben an Gott bringt…

Es war ja Jesus Christus selber gewesen, der sich ihm entgegen gestellt hat. Wir lesen in der Apostelgeschichte: Er hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich. Ich aber sprach: Herr, wer bist du? Der aber sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.

Kann das sein – Jesus stellt sich uns in den Weg? Gott stellt sich uns in den Weg? Der liebe Gott? Ja. Ich glaube, wir haben manchmal ein falsches Bild von Gott: Wir leben so unser Leben ganz gut ohne Gott, so für uns selbst. Und wenn mal was schief geht, dann beten wir zum „lieben Gott“, dass er uns hilft. Das ist kein Glaube! Das ist auch nicht der Gott der Bibel! Sondern: Gott, der heilige, lebendige, liebende Gott hat einen Anspruch auf unser ganzes Leben. Und Jesus Christus ist nicht nur so ein netter Mensch, der uns bei Bedarf mal in den Sinn kommt. Nein! Er ist Heiland und Herr! Und im Licht seiner Heiligkeit entdecken wir unsere Sünde! Dass wir verlorene Menschen sind. Verstrickt in Stolz und Selbstsucht, incurvatus in se ipsum, wie es Luther sagt: in uns selbst verkrümmt. Und da muss er sich uns auch mal hart in den Weg stellen. Uns vom hohen Ross unseres Stolzes herunterstürzen. Das tut weh, ist schmerzhaft. Das macht nicht der „liebe Gott“, aber der Gott der Liebe. Weil er uns damit zu sich rufen will. Uns vom falschen Weg abbringen will.

Tja, denken Sie vielleicht: Wenn Gott mir auf so wunderbare Weise begegnen würde wie damals dem Saulus, dann würde ich ihm auch glauben. Aber das sind ja nur vielleicht nur Geschichten. Das passiert in echt nicht, zumindest nicht mehr heute. - Falsch.

Kennen Sie Friedrich Kurz? Er war auch so einer, der nach oben wollte, und er hat es weit geschafft auf der Karriereleiter. Er machte im deutschsprachigen Europa Musicals populär. 1986 brachte er, der Gründer der Firma Stella, den großen Erfolg „Cats“ auf die Bühne, später den „Starlight Express“ und das „Phantom der Oper“. Ein wirklicher Aufsteiger. Er legte eine Bilderbuchkarriere hin: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Allein mit dem Musical Cats machte er in Hamburg über Jahre einen Umsatz von 1,8 Milliarden D-Mark. Doch nach einem kometenhaften Aufstieg folgte in den 90er Jahren ein genauso steiler Abstieg. Er legte ein paar Flops hin, überwarf sich mit seinem Geschäftspartner, verlor seine Lebensgefährtin an Robert Redford. 2004 war es – als er sich ganz am Boden fühlte. Er war damals in Berlin, und empfand nur noch Ekel. Und dann – so berichtet er: „Spontan reiste ich per Zug und Schiff ins schwedische Trelleborg. Dort nahm ich ein billiges Hotelzimmer. Ich legte mich sofort hin, ohne mich auszuziehen. Dann passierte das Wunderbare, das mein Leben für immer verändern sollte.“ Und dann beschreibt er ein Erlebnis, das dem des Paulus ganz nahe kommt. Er erlebte ein Art Vision. Zunächst sieht er sein Leben wie in einem Kino als Film auf einer großen Leinwand. Plötzlich sieht er Satan da sitzen, wie er ihn angrinst. Auch Dämonen, hässliche Fratzen, acht oder zehn davon. Doch dann sieht er auf einmal ein helles Licht, das sein Hotelzimmer erfüllt, heller als er es beschreiben kann. Und er spürt: Hier ist Gott. Er findet in dem Hotelzimmer eine Bibel, eine Gideonbibel, wie sie in den meisten Hotels zu finden ist, und beginnt zu lesen. Sein Blick fällt auf Wort des Paulus: „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Sein Leben ändert sich. Auf einmal entdeckt Friedrich Kurz ganz andere Prioritäten. Nicht mehr materielle Dinge sind es, für die es sich zu leben lohnt. Sondern die gute Nachricht von Jesus Christus, der uns annimmt wie wir sind. Nicht um unsrer Leistung willen, sondern um seiner Gnade willen.

 

3. Der Einstieg

Saulus war drei Tage blind. Er, der Macher, musste sich von seinen Gefährten führen lassen bis nach Damaskus. Dort begegnete er einem Christen namens Hananias. Und dann lesen wir: Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn uns sprach: Lieber Bruder Saulus, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf und ließ sich taufen. Der Einstieg in ein neues Leben. Ein neues Leben, in dem er sagen kann (Philipper 3): „Aber seit ich Christus kenne, ist für mich alles wertlos, was ich früher für so wichtig gehalten habe. Es ist für mich bloß noch Dreck, wenn ich bloß Christus habe.“

Amen.