Paulus II: Kraftvoll - Wenn die Ketten fallen

Gottesdienst am Sonntag, 7. März 2010
Predigtreihe: Paulus – wie Dynamit und Rosenduft
Thema: II. Kraftvoll – Wenn die Ketten fallen…
Text: Apostelgeschichte 16; Römer 1,16f.


Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus!

Ein Samstag im September 1864, 10.30 Uhr in Stockholm. Ein ohrenbetäubender "Rumms!", ein Fenster zerschmetternder Donner, der die Stockholmer an diesem Herbsttag vom Brunch aufschreckte. Es war das Labor von Alfred Nobel, das da gerade mit 125kg Nitroglycerin in die Luft flog. Zwei Jahre später hatte er es geschafft, die Sprengkraft dieser Substanz etwas mehr zu kontrollieren,  das Dynamit war erfunden. Er wählte bewusst diese Bezeichnung: Dynamit von griechisch: Dynamis = Kraft. Ja, sein Dynamit hatte Kraft, ganze Berge in die Luft zu heben, Tunnel zu sprengen, für Bergbau und Eisenbahnbau bildete es bald die unentbehrliche Grundlage. Der Bau so gigantischer Projekte wie der Panama-Kanals und der Gotthard-Tunnel wären damals ohne die Kraft des Dynamits gar nicht denkbar gewesen.

Merkwürdig, dasselbe Wort, was Nobel für seine kraftvolle Erfindung gewählt hat, hat auch Paulus gewählt für das Evangelium, für die gute Nachricht von der Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus zeigt. So haben wir es eben in der Lesung gehört: Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, eine dynamis, ein Dynamit Gottes.

In der Person des Paulus wird diese Kraft besonders sichtbar. Letzte Woche haben wir es gehört: Es ist eine Kraft, die aus einem der größten Christenhasser einen der mutigsten Christuszeugen gemacht hat. Was für eine Veränderung!

Eine Kraft, die Berge weichen lässt und Ketten sprengt. Heute wollen wir dieser Kraft des Evangeliums nachspüren. Doch zunächst eine kleine Rückblende. Letzte Woche haben wir diesen Paulus kennen gelernt. Wie der jüdischen Aufsteiger Saulus, der ganz auf seine eigene Leistung vertraute, plötzlich auf dem Weg nach Damaskus vom hohen Ross seiner Selbstgerechtigkeit gestürzt wurde. Wie sich Christus selber ihm in den Weg gestellt hat, wie durch das gleißend helle Licht vorübergehend blind wurde, und ihm dadurch die Augen geöffnet wurden, für das Geheimnis des Glaubens: Ich kann mir den Himmel nicht verdienen – ich kann ihn nur wie ein Kind annehmen als ein Geschenk. Doch wie ging es weiter mit Paulus? Wir können auf Schritt und Tritt sehen, was Gottes Kraft bewirkt.


Die Kraft zur Demut

Zunächst fällt auf, während er früher Saulus genannt wurde, in Erinnerung an den ersten König Israels Saul, nennt er sich nun mit seinem zweiten Namen Paulus, und das heißt lateinisch: Der Kleine. Da wird schon mal ein ganz anderes Denken deutlich: Er hält sich nicht mehr für den großen Helden, sondern er erkennt: Ich selber komme nicht weit. Ich brauche Christus.

Wie der Liederdichter singt: „Nichts hab ich zu bringen, alles Herr bist du.“ Oder wie Johannes der Täufer sagt: „Christus muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Oder der Namensvetter von Paulus, der andere Paul, Paul Gerhardt nämlich: „An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd, was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert.“

Paulus lernte schnell, dass ein Leben als Christ nicht immer ein Spaziergang ist. Aus dem Verfolger wurde bald selbst ein Verfolgter, denn er predigte ohne Scheu von Jesus Christus. In Damaskus ging das nicht lange gut. In einer abenteuerlichen Nacht- und Nebel-Aktion musste er dann fliehen. Da die Stadttore streng bewacht waren, wurde er in einem Korb über die Stadtmauer abgeseilt. Eine spannende Story! Doch Gott hatte Großes mit ihm vor. Er sollte ja zum Missionar für das ganze römische Reich werden. Also, keine Zeit verlieren, sofort los! --- Von wegen. Der Mensch denkt, und Gott lenkt.


Die Kraft zur Geduld

Die Wege des Paulus lenkte er erst mal in die Wüste, nach Arabien. Drei Jahre lang! Merkwürdig. So ist Gott! So bereitet er seine Leute vor. Erst mal ging es in die Stille, in die Einsamkeit. Denken wir an Mose: Erst mal ließ Gott ihn 40 Jahre Schafe hüten, bevor er das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei führen konnte! Gott hat Zeit! Wie ungeduldig sind wir, manchmal auch im wohlmeinenden Eifer für die Sache Gottes, dass wir meinen, sofort alle und jeden für Jesus gewinnen zu müssen. Ja, das ist gut. Aber manchmal ticken Gottes Uhren anders. Bei Paulus hieß es erst mal: 3 Jahre auf dem Abstellgleis. Eine Zeit des innerlichen Reifwerdens, eine Zeit der Wüste. Doch dann ging es los.

Über Jerusalem zur 1. großen Missionsreise durch das südliche Kleinasien, heute Türkei. Zwischendurch gab’s Zoff mit Petrus und mit andern Aposteln und Mitarbeitern und manche theologische Diskussion.


Die Kraft zur Einheit

Sehr tröstlich, denn wir sehen: Auch unter gläubigen Christen geht’s nicht immer so ganz entspannt und liebevoll zu. Ja, auch in einer Gemeinde kann man durchaus auch mal unterschiedlicher Meinung sein und streiten. Wichtig nur ist, dass man auf derselben Basis steht. Dieselbe Grundlage hat: Nämlich das Wort Gottes, die Bibel. Schließlich, nach dem ersten großen Konzil, der Zusammenkunft aller Apostel hat man sich betend und durch den Heiligen Geist über die Streitfragen geeinigt. Und es ging los zur 2. Missionsreise.


Die Kraft zur Korrektur

Und schon wieder erlebt Paulus, dass seine eigenen Pläne durchkreuzt werden. Das ist so wichtig im Glauben, dass wir bereit sind für Gottes Führung, dass wir uns korrigieren lassen, wenn wir auf falschem Wege sind. Bei Paulus geschah dies dadurch, dass er – wohl beim Gebet – in einem inneren Eindruck einen Mann sah aus Mazedonien, Europa, der rief ihn: „Komm herüber und hilf uns!“ Ein Hilferuf, der hatte erste Priorität. Eigentlich wollte Paulus eine ganz andere Richtung einschlagen, Richtung Schwarzes Meer. Aber er war bereit, eigene Wünsche zurückzustellen und zu helfen, wo Not ist. Wie ist das bei uns? Wollen wir mit dem Kopf durch die Wand und unsere Wünsche und Pläne – und mögen sie noch so fromm und gut gemeint sein – um jeden Preis durchsetzen? Oder können wir uns korrigieren lassen. Den Rat anderer annehmen, im Gebet Gott um Orientierung fragen. Paulus jedenfalls war bereit dazu. Und nun kommt er nach Philippi. Das ist Apostelgeschichte 16. Und wie er da die Kraft des Evangeliums erlebt, ist noch mal unglaublich spannend. Eine Sprengkraft, die Ketten sprengen kann. Ketten, die ausgrenzen, Ketten, die fesseln, Ketten, die gefangen nehmen. Drei Erlebnisse des Paulus in Philippi.


1) Die Ketten der Ausgrenzung fallen

Da kommt Paulus also nach Philippi, seiner ersten größeren Station in Europa. Wo geht er hin? Auf den Marktplatz? In die Synagoge? Nein, hören wir aus Apostelgeschichte 16: Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

Das ist doch spannend! Paulus redet als erstes mit den Frauen. Manche sagen aber doch: Paulus war ein Frauenfeind, weil sie einzelne Sätze aus seinen Briefen missverstehen. Das Gegenteil ist wahr. Bedenken wir, in welcher Zeit, in welchem Umfeld Paulus lebte. Frauen galten da nicht viel. Vor allem in seiner jüdischen Tradition wurden Frauen wirklich ausgegrenzt. So ist im jüdischen Talmud festgelegt: Die Mindestzahl für einen Gottesdienst sind zehn Männer über dreizehn Jahre (Minjan). Selbst wenn dreihundert Frauen und nur neun Männer versammelt wären, wäre das kein Gottesdienst.

Im täglichen Morgengebet danken orthodoxe jüdische Männer bis heute Gott mit den Worten: „Gepriesen sei Gott, der mich nicht als Frau geschaffen hat.“ Und im letzten Jahr erst wurde von ultraorthodoxen Juden in Jerusalem eine Buslinie in Betrieb genommen, in der die Frauen nur hinten einsteigen und hinten sitzen dürfen.

Wie anders nun Paulus. Er überschreitet die menschengemachten Grenzen! Er geht hin zu den Frauen, und eine von ihnen, Lydia, bekehrt sich und wird der erste Christ in Europa! Mit der Kraft des Evangeliums, das allen Menschen gilt. Egal ob Juden oder Griechen (oder Hohnhorster Germanen!), egal ob arm oder reich, egal ob Mann oder Frau. Dazu schreibt er in Galater 3,28: Da ist kein Unterschied vor Gott! Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Gleichwertigkeit bedeutet nicht Gleichartigkeit. Was nun durch das Gender-Mainstreaming immer weiter umgreift sich, ist aus biblischer Sicht völliger Unsinn. Mann und Frau sind unterschiedlich, und es ist gut sich zu ergänzen statt gegeneinander zu kämpfen.  Aber wie ist das denn, ich hab mal gehört, dass Paulus auch solche Sätze geschrieben hat wie: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter!“ Oder: „Der Mann ist das Haupt der Frau.“ Stimmt! Steht in Epheser 5. Doch bevor man so was vorschnell in die Schublade „frauenfeindlich“ reinpackt, sollte man mal genau hinschauen, was Paulus meint. Zum einen beginnt er den Abschnitt mit der Aufforderung an alle: „Ordnet euch einander unter in der Ehrfurcht Christi.“ Sich selber zurücknehmen können, das ist auch eine Aufgabe für uns Männer. Und wie ist das mit Mann und Frau? Nun, Paulus nimmt einen Vergleich: So wie Christus Haupt der Gemeinde ist, so soll der Mann Haupt sein. Das ist nun aber genau das absolute Gegenteil zu dem, was die Männer über Jahrhunderte daraus gemacht haben. Das hat mit Unterdrückung nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. Sondern ist eine hohe Verantwortung und Aufgabe für den Mann. Denn wie ist Christus Haupt? Indem er voll Hingabe und Opferbereitschaft für uns da ist, indem er uns dient, erfüllt mit überströmender Liebe. Paulus macht uns Männern klar: Lebt nicht in eurer typisch männlichen Selbstsucht und Ichbezogenheit, sondern seid bereit zu dienen und zu lieben. Und die Frauen erinnert er, dass sie – obwohl sie in vielem den Männern überlegen sind, gerade im praktischen Leben, dass sie sich nicht innerlich in falschem Stolz über den Mann erheben.

Merken wir: Da ist keine Spur von Frauenfeindlichkeit, sondern Paulus mahnt uns zu einem versöhnten Miteinander zwischen Mann und Frau – ohne Konkurrenzkampf, getragen von tiefer Liebe, gegenseitigem Respekt und Wertschätzung.


Diese Sicht hat wirklich Sprengkraft in sich. Die Ketten der Ausgrenzung fallen. Und kurz darauf passiert noch etwas Kraftvolles:


2) Die Ketten okkulter Bindungen fallen

Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, da begegnete uns eine Magd, die hatte einen Wahrsagegeist und brachte ihren Herren viel Gewinn ein mit ihrem Wahrsagen. 17 Die folgte Paulus und uns überall hin und schrie: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen. 18 Das tat sie viele Tage lang. Paulus war darüber so aufgebracht, dass er sich umwandte und zu dem Geist sprach: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, dass du von ihr ausfährst. Und er fuhr aus zu derselben Stunde.

Das ist eine packende Geschichte. Eine Frau mit einem Wahrsagegeist. Seltsam. Wahrsagerei – Ist das nicht alles harmloser Humbug, Hokuspokus, so wie Horoskope, manches Esoterikzeugs und so weiter. Nun, sicher ist da ein großer Anteil schlichter, alberner Unfug dabei. Über 90.000 steuerlich registrierte Wahrsager in Deutschland – gegenüber 15.000 Pastoren! Aber die Bibel zeigt uns: Es kann da auch noch mehr dahinter geben: Es gibt böse, dämonische  Mächte, die uns Einblicke in verborgene, also okkulte Welten und Energien geben wollen, und von denen Gottes Wort eindeutig sagt: Lasst die Finger davon. Diese Frau war gefangen in so einer Macht. Das gefährliche: Es scheint doch zu funktionieren: Und die Frau sagt ja sogar die Wahrheit über Paulus – Was Besseres kann ihm doch nicht passieren! Warum denn nicht zum Besprechen gehen, wenn es denn hilft? Warum denn nicht verborgene Energien anzapfen, wenn es mir dann besser geht? Das kann doch dann nichts Böses sein – oder? Vorsicht: Die Bibel sagt uns: Der Satan verstellt sich als Engel des Lichts! Und was hülfe es dem Menschen, wenn er körperliche Besserung gewinnt – und nimmt Schaden an seiner Seele? Doch die Kraft des Evangeliums ist stärker! Der Glaube an Jesus Christus hat die Macht, dich vor allem Bösen zu bewahren – und wenn du bereits okkulte Erfahrungen gemacht hast, dann geh in die Seelsorge, das Gebet macht frei.


3) Die Ketten der Verzweiflung fallen

Was dann in Philippi geschieht, ist unglaublich! Die Auftraggeber dieser Frau, die selber gefangen waren in ihrer Gewinnsucht, die flippen völlig aus als diese von ihnen missbrauchte Frau frei wird. Sie sehen – wie so oft – Geld über Menschen! So lassen sie Paulus und seinen Begleiter Silas ins Gefängnis stecken. Und da sitzen sie nun im Knast, die beide. Und es ist Mitternacht. Ob sie in dem Moment die Kraft des Glaubens gefühlt haben? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Paulus oft genug in seinem Leben eine tiefe Kluft erlebt hat, zwischen dem, was er wusste: Nämlich dass das Evangelium wirklich eine unglaubliche Kraft ist, und dem, was er fühlte: Nämlich manches Mal Ausweglosigkeit, Schwachheit, Schmerzen. Und er ringt manches Mal mit Gott, dass er doch diese Kraft, von der er selber oft gepredigt hat, auch im eigenen Leben noch stärker spüren und fühlen darf. Doch dann sagt ihm Gott eine tiefe Zusage: „Lass dir an meiner Gnade genügen, den meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Vielleicht hat er sich in diesem Augenblick, in der tiefsten Dunkelheit, in seiner verzweifelten Lage daran erinnert. Und dann konnte er auf einmal mit Silas Loblieder singen.

Ketten der Verzweiflung fallen von uns, wenn wir den Blick nach oben richten. Auch wenn sich die Umstände nicht immer so eindrücklich verändern wie damals, aber unser Herz verändert sich. Denn was damals geschah, das war schon ein besonderes Wunder. Durch eine Art Erdbeben fielen tatsächlich Mauern und Ketten ab, öffneten sich Türen im Knast. Der Gefängniswärter bekam schon Panik, wollte sich das Leben nehmen, und Paulus sagte: „Halt, warte, wir sind noch alle da.“ Da staunte der nicht schlecht. Was für eine Souveränität! Was für ein Glaube! Was für eine Kraft ist da! Das wollte er auch haben, und so fragt er: „Was muss ich tun, damit ich gerettet werde?“ – Und Paulus antwortete: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und deine Familie gerettet.“

Ich wünsche dir und mir auch diese Kraft des Glaubens, die nicht immer die äußeren Umstände verändert, die aber uns selbst verändert und wir Gottes Zusage erfahren: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“