Paulus IV: Liebevoll - Geh unter der Gnade
Gottesdienst am Sonntag, 28. März 2010
Thema: IV. Liebevoll: Geh unter der Gnade
Text: Apostelgeschichte 20; Epheserbrief; 1. Kor. 12,9
Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
„Möge nie euch der Reichtum ausgehen, damit nicht offenbar werde wie arm und verkommen ihr seid!“ Liebe Gemeinde, das sagte der große griechische Philosoph Heraklit. Er sagte es nicht den Deutschen, sondern den Ephesern. „Möge nie euch der Reichtum ausgehen, ihr Epheser, damit man nicht merkt, wie arm und verkommen ihr seid!“
Als ich vor einigen Jahren die antike Stadt Ephesus besuchte (nahe dem türkischen Selcük) konnte ich mich von beidem überzeugen: Einerseits unermesslicher Reichtum – prunkvolle Tempel, die gewaltige Celsos-Bibliothek, Thermen, ein prächtiges Brunnenhaus, Paläste, ein Theater mit 24.000 Sitzplätzen, Marktplatz, Bürgersteige mit kostbaren Mosaiken. Andererseits: antike römische Bordelle, Reklame – in das Straßenpflaster eingeritzt, wo es zu den nächsten Prostituierten geht und für welchen Preis. Als prosperierende Handels- und Hafenstadt war man der irrigen Meinung: Für Geld muss man doch alles kriegen, auch die Liebe. Mir scheint, dies ist wohl ein Grundproblem von Wohlstandsgesellschaften, vielleicht auch der unsrigen: Ist Glück käuflich?
Das also war Ephesus, eine der wichtigsten Stationen im Leben des Paulus. Eine der größten Städte des römischen Reiches. Man schätzt: etwa 200.000 Einwohner. Hier war eins der 7 Weltwunder der Antike zu Hause gewesen: Der berühmte Tempel der Artemis. Nachdem Paulus lange in Korinth geblieben war, wovon wir letzte Woche erfahren haben, blieb er während seiner 3. Missionsreise knapp drei Jahre in Ephesus. Das war seine Basisstation, um den gesamten Westen der heutigen Türkei mit dem Evangelium zu durchdringen. Und er entwickelte in dieser Zeit zur Gemeinde in Ephesus ein ganz inniges, liebevolles Verhältnis. Als er sich schließlich verabschiedet, da geht das nur unter großen Tränen. Und als er der Gemeinde später einen Brief schreibt, den Epheserbrief, da bringt er noch einmal den Kern des ganzen Evangeliums auf den Punkt: Gnade und Liebe. Wie die beiden Balken des Kreuzes: Der senkrechte Balken, der uns symbolisch mit Gott verbindet – der steht für die Gnade Gottes. Darum geht’s in der ersten Hälfte des Epheserbriefs: die Beziehung zu Gott. Der waagerechte Balken, der ein Bild für die Beziehung unter uns Menschen ist, der steht für die Liebe untereinander. Das ist Thema der zweite Hälfte des Briefs: die Beziehung zum Nächsten. Aus der Erfahrung der Gnade Gottes wächst die Liebe untereinander! Die Gnade Gottes ist das Grundthema des Paulus. – So hat Mendelssohn-Bartholdy dieses wunderbare Lied: „Lasst uns singen von der Gnade des Herrn“ in seinem Oratorium ganz passend genau an die Stelle platziert, wo Paulus zu seinen Missionsreisen aufbricht! Denn das war seine Botschaft: die Gnade des Herrn.
Schauen wir uns mal an, wie sich Paulus von der Gemeinde aus Ephesus verabschiedet. Ganz liebevoll, ganz seelsorgerlich wünscht er ihnen das Wichtigste: Dass sie unter der Gnade Gottes bleiben. Geht unter der Gnade! Gute Wünsche, gute Worte, mögen euch Begleiter sein. Doch die besten Wünsche münden alle in den einen ein: Geht unter der Gnade! Als Predigttext lese ich uns einige Verse aus Apg. 20:
Ihr wisst auch, dass ich nichts verschwiegen habe. Ich habe euch alles gepredigt und gelehrt, was eurer Rettung dient - öffentlich, aber auch in euren Häusern. 21 Juden wie Griechen habe ich klargemacht, dass sie zu Gott umkehren und an unseren Herrn Jesus Christus glauben sollen. 22 Jetzt folge ich dem Willen des Heiligen Geistes, wenn ich nach Jerusalem gehe. Was dort mit mir geschehen wird, weiß ich nicht. 23 Nur dies eine weiß ich, dass mich Gefangenschaft und Leiden erwarten. Denn so sagt es mir der Heilige Geist in allen Gemeinden, die ich besuche. 24 Aber mein Leben ist mir nicht wichtig. Vielmehr will ich den Auftrag ausführen, den mir Jesus Christus gegeben hat: die rettende Botschaft von Gottes Gnade und Liebe zu verkünden. 29 Denn ich weiß: Wenn ich nicht mehr da bin, werden falsche Lehrer wie reißende Wölfe über euch herfallen, und sie werden die Herde nicht schonen. 31 Seid also wachsam! Denkt daran, dass ich drei Jahre lang unermüdlich jedem von euch Tag und Nacht, manchmal sogar unter Tränen, den rechten Weg gewiesen habe. 32 Und nun vertraue ich euch Gottes Schutz an und der Botschaft von seiner Gnade. Sie allein hat die Macht, euren Glauben wachsen zu lassen und euch das Erbe zu geben, das Gott denen zugesagt hat, die zu ihm gehören. 36 Nun knieten alle nieder, und Paulus betete mit ihnen. 37 Sie küssten und umarmten Paulus zum Abschied; viele weinten laut,
Zweimal ist in dieser Abschiedsszene von der Gnade die Rede als der zentrale Inhalt des Evangeliums. Wir wollen nun drei Kennzeichen dieser Gnade näher kennenlernen.
1) Gottes Gnade ist unbezahlbar
Das war das Problem in Ephesus. Für die Leute dort spielte Geld die große Rolle. Wenn wir lesen, was Paulus in Ephesus erlebt hat, da sehen wir, wie die hinter dem Geld her waren. Und das man dachte: Für Geld kriegt man alles. Das ist ja ein bisschen so wie heute. Haste was, dann biste was. Und haste genug, dann kannst du dir alles leisten: Das schickste Auto, den exotischsten Urlaub, die teuersten Ärzte, die beste Behandlung, die hübscheste Frau. Ein siebzigjähriger Millionär heiratet eine bildschöne Zwanzigjährige. "Wie hast du das bloß gemacht?", fragt sein Freund. "Ganz einfach", sagt der Millionär, "ich habe ihr gesagt, ich sei neunzig!"
Aber ist das Glück käuflich? In Ephesus gab es die einflussreiche Zunft der Gold- und Silberschmiede. Angeführt von einem gewissen (und gewissenlosen) Demetrius. Die machten kleine silberne Tempelchen, Modelle von dem berühmten Artemis-Tempel. Und solche Figürchen von der Göttin. Und das Geschäft boomte. Aber als Paulus nun von einem unsichtbaren Gott sprach, von Jesus Christus, und dem ewigen Heil, das es umsonst gibt, da wurde der Kerl wütend. Er spricht zu seinen Genossen (Apg. 19): „Liebe Männer, ihr wisst, dass wir großen Gewinn von diesem Gewerbe haben. Und ihr seht und hört, dass dieser Paulus viel Volk abspenstig macht.“ Er hetzt das ganze Volk auf, und die Massen strömen durch die Straßen von Ephesus ins Theater und rufen „Groß ist die Artemis der Epheser.“ Und: „Weg mit Paulus! Der Paul kriegt eins auf’s Maul!“ Ihnen war das Materielle ihre Religion. Ihnen ging es nicht um ihren Glauben an ihre Götter, an Artemis oder Diana (so der lateinische Name). Sondern letztlich nur um ihr Portemonnaie. Ihr Gott hieß Geld.
Und die Botschaft von Paulus ist nun: Euer ganzes Geld nützt euch nichts. Denn das Entscheidende im Leben ist unbezahlbar, ist gratis! Mit anderen Worten: Gnade! Denn gratis kommt von gratia = lateinisch Gnade. Hast du darüber schon mal nachgedacht? Die Luft, die du atmest: gratis. Der Herzschlag, der Puls in deinen Adern: gratis. Die echte Liebe eines anderen Menschen: gratis. Das Lächeln deines Kindes oder Enkels: gratis. Das Gebet in der Not: gratis. Vergebung deiner Schuld: gratis. Das ewige Leben: gratis. Gratis heißt Gnade. Gnade ist unbezahlbar. Das heißt aber auch: Wir brauchen nicht nur nicht zu bezahlen, sondern wir können es auch gar nicht! Der Preis wäre viel zu hoch. Und denken wir bitte nicht nur ans Geld. Wie viele Menschen wollen etwas anderes bezahlen. Wollen etwa durch religiöse Leistungen, durch Mitmenschlichkeit, durch soziales Engagement, durch gute Werke den Himmel bezahlen. Nein! Nichts gegen diese Dinge. Man hat ja nichts dagegen, wenn einer anständig lebt. Nur: Das bringt dich nicht in den Himmel! Der Das ewige Leben gibt es nur gratis, nur aus Gnade – oder gar nicht. Denn der Preis wäre viel zu hoch. Nur einer konnte ihn bezahlen, mit seinem Leben. Wir sind in der Passionszeit. Jesus Christus bezahlte den teuersten Preis: Er gab sein Leben. Das heißt: Du musst es im Glauben annehmen, dass du ohne ihn verloren bist. Du musst Jesus Christus in dein Leben einladen. Du musst die Gnade annehmen. Sie ist umsonst, kostenlos. Aber wenn du es nicht tust, dann ist sie umsonst, vergeblich.
2) Gottes Gnade ist unbegreifbar
„Was mit Händen gemacht ist, sind keine Götter.“ Wir wollen gerne etwas zum Anfassen, was Sichtbares. Was Handfestes. Eben etwas zum Greifen. Etwas Be-Greifbares. Auch intellektuell: Etwas, was wir mit unserem Verstand anfassen, begreifen können. Gottes Gnade ist anders. Aber dadurch auch so wunderbar. In Großbritannien diskutierten während einer Konferenz einige Religionswissenschaftler, was das Christentum von anderen Religionen unterscheidet. Die Menschwerdung Jesu? Ähnliches gab es aber schon bei den alten Griechen. Seine Auferstehung? Davon berichten andere Religionen auch! Man argumentierte, man widerlegte eine Zeitlang. Dann betrat C.S. Lewis den Raum. Er erkundigte sich nach Gesprächsthema, und erfuhr, dass es um den Unterschied zwischen Christentum und den Weltreligionen ging. Ohne viel zu überlegen antwortete er: "Oh, das ist leicht zu beantworten. Es ist die Gnade."
In allen Religionen geht es um Leistung. Du musst was bringen, du musst was erfüllen. Aber im christlichen Glauben geht es darum, dass dir etwas gebracht wird: Vergebung, sinnerfülltes Leben, ewiges Leben. Und zwar ohne, dass du es verdient hättest. Es gibt keinen einzigen Grund dafür außer der Liebe Gottes. Das kann man nicht erklären, da kann man keine Gründe für anführen. Das ist mit dem Verstand nicht zu begreifen wie so vieles im Glauben nicht. Das heißt nicht, dass man den Verstand bei Glauben draußen an der Garderobe abgeben muss. Nein, im Gegenteil, er ist eine hohe Gabe Gottes, und wir dürfen auch unseren Glauben durchdenken. Aber im letzten werden wir Gottes Handeln nie begreifen können. Der Kirchenvater Tertullian hat einmal gesagt: „Credo, quia absurdum est.“ – Ich glaube gerade, weil es absurd ist, nicht zu verstehen ist. Sonst wäre Gott kleiner als mein Denken. Aber er übersteigt alles. Er passt in unsre drei Pfund graue Hirnmasse nicht rein. Wie unbegreifbar seine Gnade ist illustriert folgende kleine Begebenheit, die von dem einstigen italienischen König Umberto I. (1844 - 1900) erzählt wird. Ihm wurde vom Justizminister das Gnadengesuch eines zu langjähriger Zuchthausstrafe Verurteilten vorgelegt, der darum bat, ihm den Rest seiner Strafe zu erlassen. Unter das Gesuch hatte der Minister geschrieben: "Gnade unmöglich, im Gefängnis zu belassen!"
Der König las das Bittgesuch aufmerksam durch, griff zur Feder und verschob in der Anmerkung des Ministers das Komma um ein Wort nach vorne, so dass der Satz lautete: "Gnade, unmöglich im Gefängnis zu belassen!"
Unter diesen Vermerk setzte er dann sein "Genehmigt". Damit war der Verurteilte begnadigt und frei. Das war unerklärlich. Dafür gab‘s keine Vernunftgründe. Es war Gnade. - So macht unser Herr Jesus die Anklage, die von Menschen, vom Teufel und vom eigenen Gewissen gegen uns erhoben wird durch sein Eintreten für uns gänzlich wirkungslos. Aus Gnade.
3) Gottes Gnade ist unbezwingbar
32 Und nun vertraue ich euch Gottes Schutz an und der Botschaft von seiner Gnade. Diese allein hat die Macht, euren Glauben wachsen zu lassen und euch das Erbe zu geben, das Gott denen zugesagt hat, die zu ihm gehören.
Hier ist von einer Macht die Rede. Die Gnade Gottes ist eine große Macht. Eine unbezwingbare Macht! Größer als unser Glaube. Ich sage oft: Wir müssen an Jesus Christus glauben, um gerettet zu werden. Der Glaube an Jesus Christus ist der einzige Weg zum ewigen Leben. Das stimmt auch. Keine Frage. Aber wenn wir uns nur auf unsern Glauben verlassen, sind wir verlassen. Denn unser Glaube ist oft vermischt mit Zweifeln und Fragen. Wir können für unseren Glauben nicht einstehen. Wir können ihn nicht festhalten. Denken wir jetzt in dieser Passionszeit auch an Petrus. Er hatte einen großen Glauben und eine noch größere Klappe. „Jesus, wenn alle dich verlassen – ich halte zu dir, was auch immer kommen mag.“ Doch Jesus antwortet: „Petrus, du kennst dich selber nicht. Du wirst mich auch verlassen und verleugnen. Aber ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre!“ Das ist Gnade!!! Gnade, die unseren Glauben trägt und hält. Gottes Gnade, die – anders als unser Glaube - unbezwingbar ist. Dass wir überhaupt zum Glauben gefunden haben oder finden werden, ist Gnade. Wie sagt es Paulus den Ephesern? „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es!“ (Epheser 2,8). Gottes Gnade ist eine unbezwingbare Macht und Kraft – gerade dann, wenn wir uns ohnmächtig, kraftlos und schwach fühlen. Paulus selber hat das erlebt. Er hat mit Gott gerungen. Lange für eine bestimmte Sache gebetet, konnte Gott nicht verstehen. Andere konnte er durch sein Gebet heilen, aber er selber wurde nicht geheilt. Und dann antwortet ihm Gott: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9).
Da war ein junges Mädchen irgendwo im Osten, Anfang der 90er Jahre. Es hatte Konfirmation. Und anders als bei uns wurden dort die Sprüche nicht von den Konfirmanden selber ausgesucht, sondern wurden vom Pastor ausgewählt. Es bekam den Spruch über die Kraft der Gnade Gottes: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Erst war sie ziemlich enttäuscht und konnte damit gar nichts anfangen. Wer will schon gerne „schwach“ sein? Und das als Teenagermädchen. Da will man doch stark sein. Und als Erwachsener vielleicht noch mehr. Alles alleine schaffen, selber in die Hand nehmen. Doch in späteren Jahren hat dieses Mädchen immer öfter und häufiger erlebt, wie dieser Zusage ihr wirklich geholfen hat. Gerade, wenn sie erschöpft und ausgebrannt war, am Boden zerstört oder verzweifelt. Dann durfte sie die unbezwingbare Gnade Gottes erfahren, dass seine Kraft gerade in den Schwachen mächtig ist. Das gab ihr neuen Mut. Inzwischen ist das Mädchen eine Frau und ihr könnt sie selber dazu befragen. Es ist meine Frau Christiane.
Ich schließe mit Worten von Manfred Siebald, die er zu dieser wunderbaren Gnadenzusage Gottes geschrieben hat: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Wir brechen zusammen
auf zu Gottes Ziel.
Uns treiben die Ängste
nicht die Hoffnung aus.
Wir geben den Mut auf
keinen Fall mehr her.
Wir suchen das weite
Land, das Gott verspricht.
Wir gehen jetzt unter
Gottes Schutz voran.
Wir stehen im Dunkeln
noch in seinem Licht.
Im Letzten verlassen
wir uns ganz auf Gott.
Wir sind ganz am Ende
noch in seiner Hand.