Paulus VII: Wundervoll - Wie Dynamit und Rosenduft

Festgottesdienst am Ostersonntag, 4. April 2010

Thema: Wundervoll: Wie Dynamit und Rosenduft

Text: 1. Korinther 15,1-11

 

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“ – Liebe Gemeinde, diese Worte stammen vom David Ben Gurion, einem der Gründerväter des Staates Israel. Und welches Land der Erde wäre mehr dafür geeignet den Hintergrund solch einer Aussage zu bilden? „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ – Das heißt: Es passieren in unserer Wirklichkeit – nicht nur in der Geschichte Israels – immer wieder Ereignisse, die die Grenzen des Erklärbaren und Verstehbaren sprengen. Man könnte auch anders sagen: Wer nicht mit dem Eingreifen Gottes in diese sichtbare Welt rechnet, ist kein Realist. Wer um Gottes Macht weiß, und wer damit rechnet, dass Gott eben nicht unbeteiligt irgendwo weit draußen im Weltall herum schwebt, sondern  dass er in diese Welt und in mein Leben real eingreift, für den kann das Leben wunder-voll sein. Wundervoll – so ist die Überschrift über diesem heutigen Ostersonntag. Zugleich der 7. und letzte Teil unserer Paulusreihe. Wundervoll: Wie Dynamit und Rosenduft. Paulus – seine Botschaft und sein Leben. Beides ist untrennbar verbunden mit Auferstehung Jesu. Mit dem unglaublichen, mit dem wunder-vollen  Ereignis am Ostermorgen! Wir wollen heute versuchen, ein wenig dem Wunder von Ostern auf die Spur zu kommen.

Lesen wir als Predigttext noch einmal ein Zeugnis des Paulus aus dem 1. Korintherbrief:
1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht,
2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.
3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;
4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;
5 und dass er gesehen worden ist von Kephas (=Petrus), danach von den Zwölfen.
6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.
7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.
8 Als Letzter von allen habe auch ich ihn gesehen, so als wäre ich zur falschen Zeit geboren worden.
9 Denn ich bin der geringste der Apostel und eigentlich nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
10 Doch was immer ich jetzt bin, das bin ich durch die Gnade Gottes - und seine Gnade blieb in mir nicht ohne Wirkung.

Was Paulus hier beschreibt, ist das größte Wunder aller Zeiten. Die Auferstehung Jesu von den Toten. Und er macht ganz deutlich: Hier geht es nicht um eine Einbildung, eine Halluzination, einen Wunschtraum – nein, hier geht es um bestens bezeugte historische Realität. Und dieses Wunder hat einen zweifachen Charakter:
Es ist gewaltig wie Dynamit und zart wie Rosenduft.


1) Ein Wunder  - gewaltig wie Dynamit

Es ist erstaunlich, wie kompakt, wie nüchtern die biblischen Zeugen von der Auferstehung reden. Paulus sagt es in einem Halbsatz: Dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift.

Doch auch die Evangelien sind für solch ein Weltereignis überraschend zurückhaltend. Das unterscheidet sie wohltuend von irgendwelchen Fabelgeschichten und antiken Mythen oder einer spannenden fantasievoll ausgeschmückten Bildzeitungs-Titelstory. Hier geht es nur um Fakten. Und doch war dieses Ereignis gewaltig. Lediglich Matthäus beschreibt ein wenig die Begleitumstände, und da ist der Dynamit-Vergleich noch viel zu harmlos: Am Ostermorgen, so berichtet Matthäus: „Siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg vom Grab – und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.“ Ein Erdbeben passierte, im wörtlichen und im übertragenen Sinn: Denn nicht nur die Grundfesten der Erde erbebten, sondern es erbebten auch die Grundfesten unserer empirisch messbaren, naturgesetzlich erforschten und vom Verstand durchdrungenen wahrnehmbaren Wirklichkeit. Auf einmal ist nichts mehr so sicher wie es schien. Nicht mal das Sicherste unsere Erfahrungswelt: Der Tod. Von dem bisher galt: Er ist todsicher! Das gilt nun nicht mehr. Was ist ein „Wunder“? Wissenschaftlich betrachtet und definiert ist ein Wunder die „Durchbrechung der natürlichen Kausalkette“. „Natürliche Kausalkette“ heißt: Alles, was geschieht, steht in einem Ursache-Wirkung-Zusammenhang.  Und diese Ursache ist im Rahmen der erforschbaren Naturgesetze zu suchen. Und wenn etwas geschieht ohne eine natürliche Ursache, dann ist dies ein Wunder. Die einen sagen dann: Es gibt keine Wunder, man hat eben nur die Ursache noch nicht entdeckt. Die anderen sagen: Es gibt Wunder. Was um alles in der Welt sollte Gott den Schöpfer hindern, dann, wenn er es für richtig hält, in den Weltenlauf einzugreifen, die natürliche Kausalkette zu unterbrechen und selber die Ursache für ein Ereignis sein, das eben nicht experimentell beliebig wiederholbar ist. Und so wird mit der Auferstehung Jesu das Naturgesetz von Tod und Verwesung durchbrochen. Und vom Standpunkt eines Historikers sind die Berichte von der Auferstehung historisch absolut glaubwürdig. Bedenken wir: Schon an Pfingsten, 7 Wochen nach Ostern, verkündigten die Apostel damals vor Ort in Jerusalem das leere Grab und die Auferstehung. Ja, die wären doch bekloppt, wenn sie gelogen hätten! Jeder konnte doch hingehen zum Grab und sich überzeugen. Und hatte man den Leichnam Jesu vielleicht gestohlen? Ausgeschlossen, denn nicht umsonst hatten römische Soldaten das Grab massiv bewacht. Die Evangelien berichten ja auch von den Leichentüchern, die noch im Grab lagen. Und schließlich die Begegnungen mit dem Auferstandenen. Merkwürdig: Alle vier Evangelien berichten davon, dass es zuerst Frauen waren, denen der auferstandene Jesus begegnete. So was würden die sich niemals ausdenken. Denn das Zeugnis von Frauen galt in der jüdischen Welt nichts. Und dann all die anderen Jünger. Die fast alle für ihre Botschaft von dem auferstandenen Christus als Märtyrer starben. Das macht man nicht für eine Idee, für eine Einbildung. Sondern, sie haben selber erlebt und gesehen: Jesus lebt. Und nicht nur sie.  Paulus berichtet wie wir gehört haben von 500 weiteren Personen. Von denen viele noch bei Abfassung des 1. Korintherbriefs am Leben sind und als Zeugen befragt werden können. 25 Jahre nach der Auferstehung war das! Halten wir fest: So unglaublich das Wunder der Auferstehung ist – so historisch glaubwürdig ist zugleich!

Gewaltig wie Dynamit. Aber - Dynamit zerstört doch auch. Ist denn diese Botschaft, das Evangelium etwas Zerstörerisches? Ja! 1. Johannes 3,8: Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. Hier wird tatsächlich etwas zerstört, etwas in die Luft gesprengt. Nämlich die Macht des Teufels. Der Teufel hat den Endsieg verloren. Indem seine stärkste Waffe, der Tod, überwunden ist, stellt alles andere Wirken des Teufels nur noch Rückzugsgefechte eines Besiegten dar. Sicher, er hat noch Macht! Und was für welche! Er kann Menschen blind machen und zu teuflischen Taten bewegen, so dass Kinder zu wehrlosen Opfern werden, so dass Schwache ausgebeutet und unterdrückt werden. Er kann noch mächtig Hass, Krieg und Gewalt säen. Aber er ist besiegt! Er hat nicht das letzte Wort. Und wenn er dir in deinem Leben Angst machen will, wenn er dich wegen deiner Sünden anklagen will, wenn er dich mit Sorgen beladen will, so darfst du wissen: Die Auferstehung Jesu ist das Dynamit, das die Werke des Teufels in die Luft sprengt. Und deshalb hat uns Christus uns mit seiner Auferstehung auch den Weg zum Himmel, zum ewigen Leben freigesprengt! Das war für Paulus das allerwichtigste, warum er Christ war. Der Glauben an Jesus Christus war für ihn nicht deshalb wichtig, weil er – wie wir heute oft meinen – ihm half, besser durchs Leben zu kommen. Im Gegenteil: Er hatte als Christ mehr Probleme als vorher. Aber er glaubte dennoch mit Leidenschaft an Christus, und zwar, weil er um das ewige Leben wusste. Dieses Leben hier ist nicht das Entscheidende. Das ewige Leben – darauf kommt es an. So sagt er im Bewusstsein, dass er auch wegen seines Glaubens umgebracht werden würde: „Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn.“ Paulus wusste: Weil Christus auferstanden ist, werde auch ich auferstehen, wenn ich ihm gehöre.

Eine gewaltige Botschaft.  Mahatma Gandhi, der große indische Freiheitskämpfer, sagte einmal: „Ihr Christen habt in eurer Obhut das Evangelium: ein Dokument mit genug Dynamit in sich, die gesamte Zivilisation aufzuwirbeln, die Welt auf den Kopf zu stellen, dieser kriegszerrissenen Welt Frieden zu bringen. Aber ihr geht damit so um, als ob es bloß ein Stück guter Literatur wäre, sonst weiter nichts.“ Die Auferstehung ist ein gewaltiges Wunder, gewaltig wie Dynamit. --- Aber zugleich ganz sanft, ganz zart…


2) Ein Wunder - zart wie Rosenduft

Wissen Sie, liebe Gemeinde, das fasziniert mich immer wieder an unserm Gott: Obwohl er so unglaublich mächtig und gewaltig ist, Herr über Blitz und Donner, über Leben und Tod, Engel und Gewalten ist, begegnet er uns doch so oft so ganz klein, so unscheinbar, so liebevoll, so zart. In einem kleinen Kind in Bethlehem etwa. Und hier am Ostermorgen? Eben nicht nur im gewaltigen Erdbeben. Sondern als Maria Magdalena zum Grab kommt, begegnet der Auferstandene ihr in Gestalt eines – Gärtners. So meinte Maria es erst. Das Grab war in einem Garten. Und Jesus der Gärtner. Der sich liebevoll um die kleinen Blümchen und Pflanzen kümmert. Ein Garten, der an diesem Morgen durchzogen wird vom Duft des Lebens. Vielleicht wie Rosenduft. Das ist doch kein Zufall, dass hier am Ostermorgen von einem Garten die Rede ist. Denken wir da nicht gleich an den Garten Eden, ans Paradies? Aus dem der Mensch durch die Sünde vertrieben wurde. Seitdem sind wir jenseits von Eden. Doch mit der Auferstehung Jesus ist der Weg zurück zum Garten Eden gebahnt. So hat Maria gar nicht so Unrecht, wenn sie in Jesus einen Gärtner erkennt. Ja, das ist er. Er will auch der Gärtner in deinem Leben sein. Dich zum Blühen bringen. Dir neues Leben schenken. Dir begegnen wie im Rosenduft. Rosen als Blumen der Liebe.

Wussten Sie eigentlich, dass Rosenduft Schmerzen lindern kann. So haben es kürzlich Wissenschaftler der Uni Quebec herausgefunden. Das ist auch ein Wunder, das uns Jesus schenken kann: Dass er unsere Schmerzen lindern kann. Schmerzen der Einsamkeit, der Traurigkeit, Schmerzen der Missachtung und seelischer Verletzungen, Schmerzen der Enttäuschung und des eigenen Scheiterns. Maria Magdalena hatte das erfahren. Und seitdem haben das unzählige Menschen erlebt. So auch ein Pfarrerskollege aus der sächsischen Landeskirche, Johannes. Ihr drittes Kind Margarete, kerngesund, fröhlich, quicklebendig, stirbt im Alter von 18 Monaten völlig überraschend am plötzlichen Kindstod. Das junge Pfarrersehepaar ist fassungslos. Sie beten um ein Wunder. Eine Auferweckung – wie damals bei der Tochter des Jairus. Ein gewaltiges Wunder, kraftvoll und machtvoll. Es blieb aus. Verzweiflung, Tränen, Schmerzen, Fassungslosigkeit. Und doch – es geschah ein Wunder. Nicht ein so gewaltiges wie erhofft, stark wie Dynamit. Aber ein ganz zartes, unscheinbares, eher wie Rosenduft. Johannes und seine Frau Franziska wurden getröstet, die Schmerzen gelindert. Sie spüren in vielen Kleinigkeiten, wie Gott sie liebevoll durch die schwere Zeit hindurch begleitet. Sie wissen: Weil Jesus auferstanden ist, werden sie auch ihr Töchterlein wiedersehen. Dass sie in ihrem Leid wieder Kraft zum Weiterleben gefunden haben, das war ihr Auferstehungswunder. Zart wie Rosenduft. Rosen, die noch viele Dornen tragen. Und dennoch den Duft des Lebens verströmen.

Und so ist ein Leben, das von Ostern her gelebt wird, von der Auferstehung Jesu her seine Hoffnung und seine Kraft empfängt, immer voller Wunder, wunder-voll.

Amen.