Shalom

Gottesdienst am Sonntag, 8. August 2010

Thema: Schalom!

Text: Römer 9,1-5.16

 

Liebe Gemeinde,

es war während meines Studienjahrs in Jerusalem, als ein jüdischer Gast uns Studenten mit verschmitztem Gesicht und mit typisch jüdischem Humor folgende Anekdote erzählte: Der Oberrabbiner ist beim Papst in Rom zu Besuch. In dessen Büro sieht er ein rotes Telefon. Neugierig deutet er fragend darauf. Der Papst möchte seinen Besucher ein klein bisschen auf den Arm nehmen und sagt ganz stolz: "Also, Herr Oberrabiner. Sie befinden sich doch in Rom. Das ist die direkte Leitung zum Allmächtigen." Der Oberrabbiner bittet, das Telefon benutzen zu dürfen. Der Papst lächelt. „Viel zu teuer! So eine außergewöhnliche Verbindung kostet 1000 Euro die Minute.“
Einige Monate später ist der Papst zum Gegenbesuch in Jerusalem im Büro des Oberrabbiners. Auch da steht auf dem Schreibtisch ein rotes Telefon. Der Oberrabbiner sagt seinem erstaunten Gast: „Hier, wenn Sie möchten, können Sie telefonieren. Sie wissen schon: Die Leitung zum Höchsten!“ Der Papst winkt ab. „Was kostet denn bei Ihnen die Minute?“ Der Oberrabbiner: "Zwanzig Cent". Der Papst ist platt: "Zwanzig Cent - wie das"? Der Oberrabbiner grinst ihn an und antwortet: "Bei uns hier ist das Ortsgespräch.“

 

Bei uns hier in Jerusalem, bei uns hier in Israel ist das Ortsgespräch. Das meint wohl: Bei uns ist Gott zu Hause. Und da steckt ja eine Menge Wahrheit drin. Ist nicht die ganze Bibel hindurch immer wieder davon die Rede, dass Israel Gottes auserwähltes Volk ist.

Das weiß auch Paulus. Und er selber ist Jude. Doch warum, warum lehnt es ausgerechnet Gottes eigenes Volk in seiner Mehrheit ab, an Jesus als den Messias und Sohn Gottes zu glauben? Wo Gott ihn, seinen Sohn, doch nicht nur, aber zuerst zu den Juden gesandt hat? Als Paulus darüber nachdenkt, ist er fassungslos. Es ist für ihn unbegreifbar. Es ist für ihn ohne Zweifel das allerschwierigste Problem im Glauben. Aber es ist für ihn kein abstraktes, theoretisches Problem, über das er gerne mal diskutieren würde. Nein, es ist ein zutiefst persönlicher Schmerz, der ihn im Inneren fast zerreißt.

Schalom – so heißt heute doch eigentlich unser Thema. Schalom: Wir kennen dieses Wort und seine Bedeutung: Friede. Doch wenn Paulus an Israel denkt, da ist absolut nichts von einem inneren Frieden zu spüren. Vielmehr Schmerz und Traurigkeit.

Und so möchte ich eine erste Überschrift so nennen:

 

1) SCHmerz und Trauer – Wo ist Gottes Friede?

Er ist aufgewühlt, verzweifelt, im Innern zerrissen. Er ist erfüllt mit unaussprechlicher Traurigkeit: Warum nur sind so viele von meinen jüdischen Stammesgenossen, von meinen Freunden, von meiner Familie gegenüber Jesus so verschlossen?

1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist,

2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe.

Ja, er versteigt sich sogar zu der unglaublichen Aussage:

3 Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, wenn es ihnen was bringen würde, wenn sie anstelle meiner zum Glauben kommen würden… Aber dies ist unmöglich.

Wie geht es uns heute Morgen? Wenn wir an Israel denken – sind wir da auch so aufgewühlt? Gerade wir als Deutsche? Ein Moment, der mich selber im Innern tief erschüttert hat, als ich das erste Mal in Yad VaShem, jener Holocaustgedenkstätte in Jerusalem war und ich vor einem großen Schwarzweißfoto stand. Irgend so ein bayerisches Dorf war im Hintergrund zu sehen. Dann am Ortseingang ein riesiges Schild: Juden sind hier unerwünscht – und direkt daneben stand ein Kruzifix mit dem gekreuzigten Jesus. Darüber die Kreuzesinschrift: INRI. Jesus von Nazareth, König der Juden. Wie blind müssen Menschen sein, dass sie nicht merken, wie sie mit dem Hass auf die Juden, auch den Juden Jesus ausschließen aus ihrem Herzen! Und offensichtlich haben manche bis heute nichts begriffen, wie man wohl nächste Woche wieder in Bad Nenndorf erleben kann!

Doch vielleicht ist das Thema Israel gar nicht unbedingt das Thema, das dir den Frieden raubt. Vielleicht hast du ganz andere Probleme. So wie Paulus um sein Volk trauert, dass es Jesus ablehnt, so bist du vielleicht traurig, dass deine eigene Familie noch nicht zum Glauben gefunden hat, dein Ehemann, deine Kinder, oder deine besten Freunde. Oder dass sie sich von dir entfernt haben. Und du verstehst die Welt nicht mehr und Gott nicht mehr. Gott wo ist dein Friede? Doch dann erinnert sich Paulus plötzlich an all das, was Gott Israel geschenkt hat – obwohl sich sein Volk immer wieder von ihm abgewandt hat:

 

2) Alles geschenkt – Gottes Gaben an Israel und an uns

Paulus beginnt eine große Aufzählung der Gaben Gottes an sein Volk:

4 die Israeliten sind es, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen,

5 denen auch die Väter gehören.

Klingt ein bisschen kompliziert. Ist aber eine wunderbare Zusammenfassung all dessen, was Israel mit Gott erlebt hat, eigentlich des ganzen Alten Testaments. Was sind die vielen Gaben an Israel? Und sehen wir darin nicht auch Geschenke an uns? 1) Gott hatte Israel erwählt als sein Kind: 2. Mose 4,22: So spricht der Herr: „Israel ist mein erstgeborener Sohn.“ Auch wir – obwohl wir keine Israeliten sind – können Kinder Gottes sein durch den Glauben an Jesus Christus: Johannes 1,12: Wie viele ihn aber aufnahmen, den gab er das Recht Kinder Gottes zu sein. 2) Die Herrlichkeit – Was ist damit gemeint? Israel hat die Herrlichkeit Gottes erlebt, wie Gott es wunderbar geführt hat, den Weg durch die Wüste, mit Feuersäule und Wolkensäule, seine Gegenwart auch in Zeiten der Not, Siege über übermächtige Feinde… Hast du nicht auch schon Gottes Herrlichkeit erlebt? Hat er dich nicht auch durch die Höhen und Tiefen deines Lebens begleitet und geführt? 3) Die Bundesschlüsse – mit Abraham, Isaak, Jakob, der Bundesschluss am Sinai mit den 10 Geboten. Und wir? Auch mit uns hat er einen Bund geschlossen, den neuen Bund durch das Blut Jesu, was für unsere Sünden vergossen ist. 4) Das Gesetz. Für die Juden eine der größten Gaben. Sehen sie doch das Gesetz, etwa die 10 Gebote, nicht als Einengung, als etwas, wo Gott ein Spaßverderber ist und uns drücken und unterdrücken will, sondern als Gottes gute Wegweisung zu einem gelingenden Leben. Können wir die Gebote auch so sehen? Als gute Gabe Gottes? Merken wir denn nicht, wie unser Volk immer mehr kaputt geht, je mehr die Gebote Gottes mit Füßen getreten werden: Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht lügen, nicht stehlen… Das dient doch zu unserem eigenen Schutz. Das Gesetz: ein Geschenk Gottes! 5) Der Gottesdienst. Ja, Israel hat ihn so gern gefeiert, den Gottesdienst im heiligen Tempel. Und hat gespürt: Hier ist Gott uns ganz nah. Können wir das auch spüren in unseren Gottesdiensten? Gott redet durch sein Wort. Auch heute Morgen! Ganz persönlich. Zu dir. Ein Geschenk. Hörst du ihn?

6) Die Verheißungen. Verheißungen sind Zusagen der Treue Gottes an sein Volk. Und wie viele davon haben sich bereits erfüllt! Denken wir an das Lied von vorhin, die Nationalhymne Israels Hatikwah. Dass sie in das Land der Väter zurückgekommen sind. Nach 2000 Jahren der Zerstreuung in die ganze Welt, nach 2000 Jahren Verfolgung, das ist doch ein Wunder! Und es ist die Erfüllung der Verheißung: Ich will sie von überall her sammeln und in ihr Land bringen. Und die Verheißungen gelten auch uns: Dass Gott uns behütet. Wie es der Taufspruch von Jannik sagt: „Behüte mich wie einen Augapfel, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel.“ Gottes Augapfel – so wird auch Israel bezeichnet. Aber Gottes Augapfel bist auch du, kleiner Jannik! Und du, kleine Loreley. Auch dir gelten seine Verheißungen. Denn er hat dich so wunderbar geschaffen, wie es in deinem Taufspruch heißt: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“ Das zu erkennen ist doch ein Geschenk! Und 7) die Väter. Damit sind die Erzväter gemeint: Abraham, Isaak, Jakob. Auch die sind ein Geschenk. Warum? Weil sie Vorbilder im Glauben sind. Segensträger. Waren sie besonders toll? Nein, im Gegenteil: Abraham hat gelogen, Isaak auch, Jakob war noch schlimmer er hat hinterlistig betrogen. Und doch hat Gott sie gebrauchen können, hat ihnen vergeben, weil sie nicht auf ihre eigene Frömmigkeit, sondern ganz auf Gott vertrauten. Und so sind sie Vorbilder auch für uns. So können auch wir Abraham als Vater sehen, als Glaubensvater. Und wie viele Glaubensväter und –mütter haben wir noch! Vorbilder, die längst verstorben sind, oder vielleicht auch noch leben. Haben wir Gott dafür schon einmal gedankt? Für die Menschen, die uns geprägt und zum Glauben gebracht haben? Was wäre Hohnhorst ohne die Erweckung von Ludwig Harms? Und ist nicht auch unser lieber Pastor Renzelberg für viele solch ein Glaubensvater geworden? All diese Gaben an Israel und uns – nichts davon haben wir verdient, erworben. Es ist alles geschenkt. Und da fällt dem Paulus noch was ein:

 

3) LObpreis dem Gott über alles

…und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.

Das größte Geschenk ist Jesus Christus. Ein Geschenk, das er in besonderer Weise Israel gemacht hat. Denn da kommt er her „nach dem Fleisch“, also nach seiner äußeren Volkszugehörigkeit war Jesus Jude! Geboren von Maria, einer Jüdin. Aber dann sagt Paulus: der ist Gott über alles. Ihm sei Lobpreis in Ewigkeit. Während er das sagt, spüren wir, wie in seinem Herzen Frieden einkehrt. Denn wenn Christus der Gott über alles ist, wenn er alles in seiner Hand hat, dann wir er auch sein Volk nicht zugrunde gehen lassen. Dann wird er auch ihre Ablehnung überwinden. Zwei Kapitel später bringt Paulus es auf den Punkt: Am Ende der Zeiten wird ganz Israel errettet werden! Dann werden sie Jesus als ihren Messias und Retter erkennen und annehmen. Dann wird er die menschlich unlösbaren Probleme und Konflikte in dieser Welt – wie etwa im Heiligen Land, aber auch in unserm ganz persönlichen Leben zu einem guten Ende führen zu seiner Zeit! Darum gilt es, ihm zu vertrauen und ihn dafür zu loben. Was für ein Trost auch für dein Leben! Wenn du Christus hast, hast du den, der Gott ist über alles. Der Herr über alles ist. Das gibt dir tiefen Frieden. Schalom.

 

4) Mehr als du glaubst

Nur ein kurzer Ausblick in das weitere Kapitel. Da wird uns gezeigt: Wir brauchen uns nicht über Israel erheben, wie es die Kirche Jahrhunderte lang getan hat. Wie etwa am Straßburger Münster, wo die Kirche als strahlende selbstbewusste Frau mit Krone auf dem Haupt dargestellt ist, und die Synagoge als blinde, gebeugte und gedemütigte Frau. Denn dass wir an Jesus glauben – und ohne Glauben geht’s nicht! – ist nicht unsere eigene Leistung, sondern Gottes Erbarmen über uns Heidenvölker! Dass wir gerettet werden, liegt ganz und gar an Gottes Erbarmen! Und wenn du Ja sagst zu Gott, wenn du zum Glauben findest, oder wieder neu oder vertieft, wenn du dich vielleicht endlich durchringst, dich zum ALPHA-Kurs anzumelden, dann ist das zwar dein Glaube – aber hinterher wirst du merken: Es ist mehr als du glaubst. Es ist Gottes Erbarmen. Schalom heißt übrigens nicht nur Frieden, es ist im Hebräischen viel umfassender gemeint: Es heißt Heil und Heilwerden. Es heißt: Ganzwerden. Es heißt Vollendung. Nur so kommt Frieden.

Schauen wir noch einmal auf unsere 4 Überschriften – und lesen darin: Schalom.

Amen.