Sympathisch - praktisch - gut
Gottesdienst am Sonntag, 17. Januar 2010
Thema: “Sympathisch, praktisch, gut…”
Text: Römer 12,9-18
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Liebe Gemeinde!
Quadratisch - praktisch - gut, so wirbt seit 1970 ein bekannte Schokoladenhersteller. Ein einprägsamer Slogan. Bei einer Umfrage konnten über 90% der Befragten den Slogan sofort zuordnen. In dem heutigen Predigttext wird keine Schokolade beworben, sondern die Gemeinde. Eine Gemeinde - wie sie sein könnte, manchmal auch ist, manchmal aber auch gar nicht ist. Und ich denke: in leichter Abwandlung des bekannten Slogans könnte man sagen: Paulus sieht eine lebendige Gemeinde so: Sympathisch - praktisch - gut. Es ist geradezu eine Fülle von guten Hinweisen und so lebensnahen, praktischen Tipps für den Alltag, dass es schon ein Genuss ist diese Worte zu hören. Gemeinde, die wirklich gut schmeckt:
Römer 12,9-18:
9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.
17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Diese Worte zergehen einem förmlich auf der Zunge!
Allerdings: Schmeckt die Wirklichkeit in unserem Alltag und auch in der Gemeinde nicht oft viel bitterer?
Paulus würde das nicht überraschen. Denn auch in der Gemeinde in Rom lief nicht immer alles bestens. Sonst bräuchte er ja diese Ermahnungen gar nicht aussprechen. Aber Paulus rechnet mit der verändernden Kraft des Wortes Gottes und seines Heiligen Geistes. Paulus weiß, dass Christsein mehr ist als nur ein privates Gefühl: Echtes Christsein hat Hand und Fuß - d.h. packt an, geht hin. Wenn auch vielleicht manchmal in kleinen Schritten. Er erwartet nicht, dass sozusagen mit einem Fingerschnipsen das alles funktioniert. Aber er zeigt uns, welche konkreten Auswirkungen Glaube haben kann auf unseren Alltag und auf unsere Gemeinde.
Wenn man jedem einzelnen Aspekt dieses Predigttextes nachgehen wollte, dann wären statt der gewohnten 3 oder 4 Predigtpunkte heute morgen 24 Punkte zu bedenken. Das würde doch den Rahmen etwas sprengen. Aber ich schnapp mir mal die drei Stichworte unseres heutigen Slogans: Sympathisch - praktisch - gut. Dazu passt eine ganze Menge aus den Worten des Paulus.
1) Sympathisch: Glaube voller Liebe
Moment mal: Sympathie und Liebe ist wirklich nicht dasselbe. Ich kenne das ja gut: Mit Leuten, die mir sympathisch sind, da bin ich gerne zusammen. Aber die Liebe Gottes muss doch noch etwas anderes sein. Natürlich ist es toll, und das macht ja auch die Gemeinschaft aus, wenn man in der Gemeinde viele nette, sympathische Leute trifft, mit denen man dann gerne klönt. Aber was ist mit den andern? Liebe ist doch noch etwas anderes als Sympathie. Aber warum habe ich dann das Wort “sympathisch” in unseren heutigen Slogan gepackt? Nur weil “quadratisch” noch weniger auf eine Gemeinde oder einen Christen passt? Nein. Wenn wir dem Wort auf den Grund gehen, dann haben wir einen ganz wesentlichen Aspekt der biblischen Botschaft heute morgen entdeckt. “Sympathie” kommt von syn patheo aus dem Griechischen und heißt eigentlich: “mit leiden”. In Mayers Großem Konversations-Lexikon heißt es treffend: “Sympathie ist die ursprünglich die Fähigkeit, Freude und Leid anderer mitzufühlen” Und das ist ein ganz wesentlicher Bestandteil von Liebe. Dieses Wörtchen mit ist so entscheiden für unsere Gemeinschaft, für unser “Mit”einander. Denn es reißt mich heraus aus dem ständigen Kreisen nur um meine eigenen Bedürfnisse. Es öffnet mir den Blick für den andern. “Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Weinenden.” -So sagt es Paulus. Das ist sympathisch! Und dazu gehört unbedingt der erste Satz: Die Liebe sei ohne Falsch. Wörtlich: Ohne Schauspielerei. Ohne Heuchelei. Gerade in christlichen Kreisen und offensichtlich auch in der römischen Gemeinde ist das wohl durchaus eine ganz Gefahr, da will man ja sich liebhaben, da muss man sich ja liebhaben und kann es sein, dass manchmal die Liebe ein bisschen unecht ist? Und wenn man tiefer schauen könnte, könnte dann aus manch einem Heiligenschein auch schnell ein Scheinheiliger werden… Das Gegenteil von geheuchelter Liebe ist der V. 10: Eure brüderliche Liebe sei herzlich! Eine Herzlichkeit, die eben von Herzen kommt. Das ist sicherlich bei jedem im Stil und Temperament sehr unterschiedlich. Der eine hat da eher eine übersprudelnde Art und könnte die ganze Welt umarmen, beim andern drückt sich die Herzlichkeit vielleicht dadurch aus, dass man ohne lang zu fragen einfach mit anpackt, wenn man sieht, wie der andere sich mit den schweren Taschen beim Autoausladen plagt und müht.
Gemeinde heißt “sympathisch” sein, mitfreuen und mitleiden: Glaube voller Liebe.
Es ist schon eine Reihe von Jahren her. Bei der Olympiade der Behinderten in den USA bewegte die wenigen Zuschauer vor allem der 400-m-Endlauf der Männer. Acht Behinderte laufen los. Sie laufen nicht elegant, aber sie laufen, jeder mit einem anderen Handicap. Das sieht nicht so schön aus, und mancher wendet sich erschrocken ab. Doch dann schauen wieder alle hin, als kurz vor dem Ziel der führende Läufer stürzt. Der zweite rennt nicht vorbei, um sich den Sieg zu sichern. Er läuft zu dem Gestürzten, richtet ihn mühsam auf, greift unter seine Arme, schleppt ihn mit sich, und zu zweit humpeln sie weiter. Da kommen die anderen auch schon heran, aber auch sie laufen nun nicht an den beiden vorbei, sondern auf sie zu. Alle greifen sich unter die Arme, den Gestürzten haben sie in der Mitte, und so laufen sie und schleppen sich gemeinsam ins Ziel. Sehr sympathisch!
Unsere Gemeinden sind ähnlich. Vieles läuft nicht so elegant und schneidig, mehr gebrochen und behindert, oft erbärmlich anzuschauen und eher kümmerlich. Aber der Glanz und die Schönheit unserer Gemeinden liegt gar nicht in unserem Können, unserer Eleganz und Kompetenz, unserer Superform und bestechenden Cleverness, sondern darin, dass wir Gestürzte aufheben, Schwache tragen, mitleiden, mitfreuen und einander helfen und lieben. Sympathisch!
2) Praktisch: Glaube, der handelt
Seid nicht träge, wörtlich “nicht zaudernd” in dem, was ihr tun sollt. Praktisch - d.h. nicht die Theorie ist entscheidend, sondern die Praxis. Wir können im Kopf so viel von Jesus und dem Glauben wissen, den Katechismus auswendig lernen und meterweise die Werke von Augustinus und Martin Luther lesen, wir können theoretisch die besten Christen sein und doch verloren gehen, wenn es eben nur alles reine Theorie bleibt. Und nicht zur Lebenspraxis wird. Ein theoretischer Christ ist praktisch Unsinn. Glaube heißt auch: Handeln. Und es fällt uns so oft so schwer, das, was wir als richtig erkannt haben, auch umzusetzen. Gerade jetzt, zu Beginn des neuen Jahres geht es vielen so - mir selber übrigens auch - dass einige der guten Vorsätze schon wieder zumindest bisher noch nicht in die Tat umgesetzt werden! Seid nicht träge, zaudernd, zögernd darin das Richtige zu tun!
Jetzt das furchtbare Erdbeben auf Haiti! Schrecklich! Als ich in den Nachrichten davon hörte, sagte der Sprecher, dass bereits die Hilfsorganisation humedica zur Soforthilfe aufgebrochen ist. Was er leider nicht dazu gesagt hat: humedica ist eine christliche Organisation, viele Menschen, vor allem Ärzte und medizinisches Personal, die motiviert durch ihren christlichen Glauben und gedrängt von der Liebe Christi ehrenamtlich - ohne Bezahlung! - ihren Urlaub opfern, um ohne Zögern und Zaudern sofort in den Katastrophengebieten der Welt zur Stelle zu sein um zu helfen. Das ist Glaube, der handelt. Sympathisch - und praktisch!
Nun müssen wir aber noch einmal einem Missverständnis vorbeugen. Wenn Paulus sagt: Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt, dann kann manch einer das auch als ganz schönen Druck empfinden: Ich muss doch schon so viel tun, in meinem Beruf, in der Familie, ich bin doch schon so kaputt - jetzt soll ich im Glauben auch noch tun und machen… Nein! Das ist keine Aufforderung dazu, sich kaputt zu machen und auszubrennen. Sondern: Luther übersetzt setzt gut: Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Also es geht nicht darum, dass jeder von uns alles Mögliche und Unmögliche tun soll. Wir können nicht alle die Koffer packen und nach Haiti reisen, nicht jeder ist zu allem berufen. Sondern es geht darum, dass wir uns von Gott unsern Auftrag zeigen lassen. Da kommt es nicht auf die Menge unseres Engagements an. Sondern auf die Herzenseinstellung. Wir müssen uns nicht selber die Last der Verantwortung für alle möglichen Menschen oder Aufgaben aufladen. Im Gegenteil: Wenn wir meinen, wir sind unersetzbar und Gott könnte ohne uns einpacken, dann fehlt uns im tiefsten das Gottvertrauen und die Gelassenheit des Glaubens. Wir dürfen auch getrost und müssen sogar lernen: Nein zu sagen, wenn es zu viel ist. Aber das, was Gott uns aufs Herz legt, das was unsere Gabe und Aufgabe ist, das sollen wir dann auch gerne, mit Freude, engagiert und fröhlich - und nicht träge machen! Und das kann bei jedem anders sein. Paulus zählt ja ein paar ganz praktische Sachen auf: Nehmt euch der Nöte der Heiligen, das sind die Mitchristen, an! Also: Unsere Glaubensgeschwister sind besonders im Blick - aber nicht nur, sondern: Seid auf Gutes bedacht gegen jedermann (V. 17). Hilf andern in Not, z.B. durch Spenden oder auch direkt in deinem Umfeld. Hilf einem Mitschüler beim Lernen für die Mathearbeit, hilf der alten Nachbarin beim Schneeschippen. Oder in der Gemeinde beim Rasenmähen (im Sommer) oder besuche den, der einsam ist. Manch einer hat die Gabe der Gastfreundschaft: Übt Gastfreundschaft! Da macht es jemandem Freude zu kochen, die Wohnung hübsch herzurichten und Gäste einzuladen. Mensch, das kann Gottesdienst sein! Da kann man mal Nachbarn und Freunde einladen. Nicht nur zur Tupper-Party, sondern z.B. mal zu einem Frühlingsfest, wo man dann auch - ganz ungezwungen auch seinen Glauben einfließen lassen kann, und sei es durch ein Tischgebet vor dem Essen. So bekommt Glaube Hand und Fuß. Bleibt nicht theoretisch, sondern wird praktisch. Allerdings könnte man meinen: Aha: Glaube muss also vom Kopf in die Hand und den Fuß gehen! Richtig - doch zuvor muss er ins Herz kommen. Sonst wird alles nur reiner Aktionismus. Sonst sind wir vielleicht gutmeinende humanistische Weltverbesserer, aber keine Christen.
Deshalb noch der dritte Gedanke:
3) Gut: Glaube, der gut tut
Wenn wir unseren Predigttext einmal im Zusammenhang lesen, dann fällt auf: All diese praktischen Aufforderungen und Tipps für die Gemeinde kommen erst recht spät, im 12. Kapitel. Hier erst nimmt Paulus die Beziehung zum Mitmenschen, zum Nächsten in den Blick. Zuvor aber geht es um die Beziehung zu Gott. Die muss erst ins Reine kommen. Die Nächstenliebe gründet in der Gottesliebe. Ich muss erstmal auf das sehen, was Christus getan hat, bevor ich überlege, was ich tun kann. Wie bei einem Kreuz mit seinen zwei Balken: der senkrechte erinnert uns an die Beziehung nach oben, der waagerechte an die Beziehung zum andern. Wenn ich mich nicht selbst von Gott geliebt weiß, wenn ich nicht Jesus Christus in mir habe und seine Liebe und Vergebung, wird es mir schwer fallen, andere zu lieben, andern zu vergeben. Glaube tut nicht nur Gutes, sondern er tut gut! Er tut mir selber gut. Hängt dem Guten an, sagt Paulus. Wer oder was ist das? Nur einer ist ganz und gar gut: Jesus Christus. An ihn wollen wir uns klammern, ihm anhängen. Hasst das Böse, die Sünde… Seid brennend im Geist! Der gute Geist Gottes ist damit gemeint. Brennt das Feuer des Glaubens und der Liebe Gottes in uns? Dient dem Herrn. Das beinhaltet alles andere. Dann ist der Glaube, dann ist eine Gemeinde nicht nur sympathisch und praktisch, sondern auch wirklich gut. Wenn dies unser Ziel ist: Jesus zu dienen, ihm nachzufolgen, nicht nur ihn zu bewundern, wie es vorhin im Anspiel deutlich wurde!
Und dann haben wir die Verheißung, dass er immer bei uns ist, wie es der Taufspruch von Pia so wunderbar zum Ausdruck bringt: „Jesus sagt: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Amen.