Was zu Herzen geht


Gottesdienst am Sonntag, 16. Mai 2010

Thema: Was zu Herzen geht…

Text: Römer 5,5

Lebensbild Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf

 

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

"Werdet des Herrgotts fröhliche Leute!" Liebe Gemeinde, „werdet des Herrgotts fröhliche Leute!“, so lautete die schlichte Antwort des Grafen Zinzendorf, als ihn einmal junge Leute fragten, wie sie am besten Gottes Willen erfüllen könnten. Gottes fröhliche Leute zu werden – ich weiß sehr wohl, dass heute Morgen manch einem nicht danach zumute ist. Da ist vielmehr Trauer und Leid und Schmerz. Und es wäre wohl auch ein platter Spruch, wenn es nicht eben dieser Graf Zinzendorf gewesen wäre, von dem dieses Wort kommt, und der in seinem Leben selber manches Schwere erlebt hat. Ich bin immer fasziniert von dem, was Menschen mit Gott erleben – ganz gleich in welcher Zeit sie gelebt haben. Weil ich es so unglaublich glaubensstärkend empfinde, wie Gott in Biographien handelt, und wie all diese Glaubensleute auch schwache Menschen sind, mit Zweifeln, Fehlern und Macken. Und Gott gebraucht sie dennoch. Das macht Mut. Was dieser Mann erlebt hat, dessen 250. Todestag genau vor 1 Woche am 9. Mai gewesen ist, das geht zu Herzen. Und weil für ihn die Liebe von besonderer Bedeutung war, möchte ich als Predigttext einen Vers aus dem Römerbrief wählen: Römer 5,5: „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

 

1) Von Gott ins Herz geschlossen

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf kommt am 26. Mai 1700 in Dresden zur Welt. Am Anfang sieht es nicht so danach aus, als ob Gott ihn in sein Herz geschlossen habe. Denn nur sechs Wochen nach seiner Geburt stirbt sein Vater. Als Nikolaus vier Jahre alt ist, heiratet seine Mutter zum zweiten Mal und zieht nach Berlin. Sie vertraut den gerade mal vierjährigen Jungen seiner Oma in der Oberlausitz an. Und doch – auch wenn es menschlich gesehen eine traurige Kindheit war, Gott hatte den kleinen Nikolaus Ludwig oder einfach Lutz – wie ihn Oma nannte – doch in sein Herz geschlossen. So wie er jeden von uns ins Herz geschlossen hat, auch wenn wir es manchmal nicht spüren und erkennen. Für Zinzendorf war die Zeit bei seiner Oma im Rückblick wohl die wichtigste Grundlage für sein ganzes Leben. Denn seine Oma war eine fromme Frau. Der kleine Junge schlief bei ihr im Zimmer. Und wenn Oma schlafen ging und dachte, dass er schon längst eingeschlafen sei (Lutz tat auch so, als ob), dann betete sie. Aber sie betete nicht irgendwelche leeren Worte, einfach ein Ritual, sondern aus einer tiefen innigen Liebe zu Jesus heraus. Das hat sich dem kleinen Lutz tief eingeprägt. Über die Oma und ihre Gebete hatte Gott seine Liebe in das kleine Herz hineingegossen. Lutz hatte die Oma zwar sehr lieb, allerdings hatte er bei ihr keine Spielkameraden. So macht er sich kurzerhand Jesus selbst zu seinem Bruder. An ihn schreibt er Briefe, die er vom Balkon aus in den Himmel wirft. Später erinnert sich Zinzendorf:

Ich habe stundenweise mit ihm geredet. Ich glaubte von Herzen, dass der Heiland ganz nahe bei mir wäre... Ich dachte auch, er ist Gott und kann mich verstehen, wenn ich mich auch nicht recht ausdrücke; er hat ein Gefühl davon, was ich ihm sagen will.

Gott hat den kleinen Halbwaisen ins Herz geschlossen. Doch merkwürdig: Ein braves Musterkind wird Lutz keineswegs. Im Gegenteil: Er ist ein ungezogenes, trotziges und vorlautes Kind. Als Zehnjähriger wird er in ein christliches Internat nach Halle geschickt. Und dass es in solchen Einrichtungen auch manchmal recht menschlich, mitunter sogar unmenschlich zugeht, das haben wir in den letzten Wochen hinreichend in unserem Land erfahren. Dass Zinzendorf als Sohn eines Reichsgrafen eine Sonderbehandlung erfährt, etwa ein Einzelzimmer bekommt, erweckt den Neid der anderen Jungs. Sie können ihn nicht leiden. Ständig versuchen sie ihm, eine reinzuwürgen. Lästern und hänseln den kleinen Lutz. Auf dem Weg zum Unterricht halten sie ihn absichtlich auf, damit er zu spät kommt, dann verpetzen sie ihn, und auch bei den Lehrern ist er nicht beliebt. Zur Strafe muss er nach vorne kommen und es werden ihm Eselsohren aufgesetzt, und die ganze Klasse darf Lutz auslachen. Mobbing pur.  Wie wird eine so verletzte Kinderseele, die so wenig Liebe erfährt, jemals Lieben können? Lutz wird immer schwieriger und unausstehlicher – und der Kreislauf der Lieblosigkeit setzt sich immer schneller fort. Dies Teufelskreis ist doch heute auch so oft zu beobachten: Da ist ein Junge, vielleicht hat er ADS, vielleicht hat er keine Freunde. Schnell ein Außenseiter, und bist du erst mal in der Rolle, kommst du nicht mehr raus. Andere hacken auf ihm rum und dadurch wird er nur aggressiver, schlägt zu und verliert auch noch die letzten Sympathisanten, wird immer einsamer. Von Gott ins Herz geschlossen? Ja, Gott liebt gerade die am Rande stehen, die Schwierigen, die alleine sind. Als Lutz von allem Mobbing so krank geworden ist, dass er die Schule unterbrechen muss, kommt er für ein paar Wochen zur Oma. Er erinnert sich, dass er ja doch nicht ganz allein ist. Dass Jesus bei ihm ist, und dass es einen gibt, der ihn in sein Herz geschlossen hat – auch wenn er so schwierig ist. Wieder zurück an der Schule passiert, was er nicht für möglich gehalten hätte: Gott schenkt ihm doch noch Freunde. Und dann gründet er – so zwischen 12 und 14 Jahren muss er alt gewesen sein – einen Schülerbibelkreis. „Senfkornorden“ nennt er es. Weil er weiß: Auch wenn mein Glauben manchmal klein ist wie ein Senfkorn und ich mich ganz allein fühle, kann Gott doch einen großen Baum daraus machen. Die Jungen treffen sich, lesen in der Bibel und beten zusammen für ihre Schulkameraden, für die Lehrer, für die Welt. Wenn uns das nicht Mut machen kann: Egal, wie du dich fühlst, auch wenn du dir als Außenseiter vorkommst, wenn dir dein Glaube so senfkornklein erscheint, dass du ihn nur mit Lupe sehen kannst: Gott hat dich ins Herz geschlossen, es ist bei dir, er möchte dich gebrauchen.

 

2) Im Herzen berührt

Zinzendorf wird älter. Inzwischen war sein Glaube wieder abgekühlt. Wie das bei jungen Leuten oft geschieht, auf einmal sind andere Dinge wichtig, Mädchen und Zukunftspläne… Nach der Schule soll er – wie damals für junge Adlige üblich – eine Bildungsreise durch die europäischen Nachbarländer machen, nach Frankreich und Holland. Doch auf dieser Reise war nicht etwa Paris sein persönliches Highlight, sondern Düsseldorf. Dort besuchte er eine Gemäldegalerie. Wie vom Blitz getroffen bleibt er vor einem Gemälde stehen und konnte nicht mehr davon  wegsehen. Gemalt von einem gewissen Domenico Feti. Was Zinzendorf nicht wusste, war die Vorgeschichte dieses Bildes.

Der Maler Domenico Feti begegnete einst auf der Suche nach Modellen einer schönen wie damals sagte „Zigeunerin“. Ihr ebenholzschwarzes Haar und ihre reizvollen Tanzbewegungen fesselten ihn so, dass er sie zu malen beschloss. Während sie ihm Modell saß, sah sie in seinem Atelier das Bild des gekreuzigten Christus, das er für die Düsseldorfer Hieronymuskirche zur gleichen Zeit malte. Da sie noch nie etwas von Jesus gehört hatte, ließ sie ihm keine Ruhe, bis er ihr die Leidensgeschichte erzählte, wie Jesus für unsere Sünden am Kreuz starb, na ja, eben was man so im Konfirmandenunterricht gelernt hat. Als er zu Ende war, sagte sie: "Sie müssen ihn aber sehr lieb haben, diesen Jesus, da er dies alles für sie ausgestanden hat?" Der Künstler errötete, da er nie darüber nachgedacht hatte. Er hatte eben einfach eine Auftragsmalerei begonnen. Aber die Worte ließen ihn nicht mehr los, mehr und mehr merkte er, dass er zwar viel über den Glauben wusste, dass sein Herz aber nicht davon berührt war. Schließlich ordnete er sein Leben neu, kam zum lebendigen Glauben und wollte nun als Maler ganz bewusst Gott dienen. Er malte ein Bild des dornengekrönten Christus, der in auf unnachahmliche Weise den Betrachter anschaut und schrieb darunter auf lateinisch als Worte Jesu: "Das tat ich für dich - was tust du für mich?" Als Zinzendorf vor genau diesem Gemälde stand, wusste er nichts von alledem. Aber er kam nicht wieder weg davon. Er fühlte sich tief im Herzen berührt. Was hat Jesus voller Liebe getan? Und wie sinnlos vergeude ich manchmal meine geschenkte Lebenszeit? Was kann ich für ihn tun? Wo und wie kann ich meine Zeit, meine Kraft, meine Gaben einsetzen für Gott? Gibt es überhaupt etwas Wichtigeres, etwas Größeres als dem Herrn der Welt zu dienen?

 „Ein Leben gegeben für den Herrn der Welt, ein Leben gegeben für das, was wirklich zählt.“ So haben wir vorhin gesungen… Diesen Entschluss traf der 19jährige Zinzendorf damals in Düsseldorf. Und wir? / Wohlgemerkt: Die Reihenfolge ist die: Weil Jesus alles getan hat, deshalb können wir Kraft bekommen für unser tun. Oder – so wie wir es am Freitag gehört haben, als wir voller Dank Abschied genommen haben von unserem Kirchenvorsteher Willi Steege: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht: Christus.“ Nicht unser Tun und Machen ist das Entscheidende, sondern was er getan hat! Aber aus Dankbarkeit darüber, werden wir uns von Christus fragen lassen: „Das tat ich für dich – Was tust du für mich?“

Bei Zinzendorf hat diese Begegnung mit Christus seinen Glauben zu neuer Leidenschaft entfacht. Seine Parole war von da ab: „Ich habe nur eine Leidenschaft, die ist Er, nur Er.“

Hingabe… Jesusliebe. Nur eine Passion, Er nur Er.

Dass dennoch nicht alles glatt läuft im Leben, hat er bald erfahren. Das Mädchen, dass er von Herzen liebte, die schöne Juliane, ließ ihn abblitzen. Ihn den Grafen! Das traf ihn doch tief in seinem Innern. Und als er sich einige Zeit später bis über beide Ohren in eine andere junge Dame verliebte, Theodore von Castell, da muss er miterleben, wie einer seiner besten Freunde sie ihm vor der Nase wegschnappt und Verlobung mit ihr feiert. Er schreibt in sein Tagebuch: „Das ist ziemlich sauer für mich. Aber der liebe himmlische Vater wird für mich sorgen.“ Das tat er auch. Bald danach lernt Zinzendorf die Schwester von Theodore kennen, Erdmuthe Dorothea – und die war sogar noch besser! Und sie war für ihn, was ihr Name Dorothea bedeutet: Ein Gottesgeschenk. Es lohnt sich, alle Dinge des Lebens dem himmlischen Vater anzubefehlen. 1722 läuten die Hochzeitsglocken: Und beide sind sich einig: Ihr gemeinsames Leben soll dem Herrn gehören. So lassen sie in ihre Ringe 1. Johannes 4,19 eingravieren: Bei Dorothea: „Lasset uns ihn lieben“ – und bei ihm die Fortsetzung: „denn er hat uns zuerst geliebt.“

 

3) Herz und Herz vereint zusammen

Der junge Graf und seine Frau möchten ganz für Jesus da sein. Sie erfahren von mährischen Glaubensflüchtlingen. Menschen, die wegen ihres Glaubens aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Für die setzen sie sich ein, sie gründen das Dorf Herrnhut und nehmen dort die Flüchtlinge auf. Und bald schon merkt Zinzendorf: Es kommt nicht nur auf den persönlichen Glauben an, sondern Christsein gibt es nur in Gemeinschaft mit anderen. Er sagt: "Ich statuiere kein Christentum ohne Gemeinschaft." Es kommt zur Gründung der Herrnhuter Brüdergemeinde – wobei für Zinzendorf die Schwestern darin gleichberechtigt eingeschlossen sind. Er stellt Regel, eine Art Verfassung für das kleine Dorf auf: 84 Richtlinien sind es. Das klingt z.B. so: „Die Einwohner von Herrnhut sollen einander liebhaben. Ein Streit darf nicht länger als 8 Tage dauern. Jeder soll dem Nächsten helfen. Nichts darf aus dem Fenster geworfen werden. Die Straßen sind immer sauber zu halten. Gänse und Hühner dürfen nicht auf den Gassen herumspazieren.“ Also auch sehr praktisch und lebensnah. Und immer orientiert am Liebesgebot Jesu. Ganz am Anfang wurde die Brüdergemeine durch einen großen Streit bedroht. Graf Zinzendorf schlug vor, dass man, anstatt nur miteinander zu debattieren, zusammenkommen und den ersten Johannesbrief studieren sollte. Tag um Tag versammelte man sich und las diesen Brief. Dann, am 13. August 1727 traf man sich zu einem Liebesfest, eine große Abendmahlsfeier. Als sie miteinander sprachen und beteten, ging ein Zittern durch die wartende Gemeinde. Sie wandten sich einander zu und sprachen: »Was ist das? Zweifellos muss dies der Geist von Pfingsten sein.« Als sie später beschreiben sollten, was geschehen war, antworteten sie: »An jenem Tag haben wir gelernt zu lieben: Christus zu lieben und einander zu lieben.« Anstelle der Wortgefechte begannen sie eine Gebetsgemeinschaft.

Und zur Gemeinschaft gehörte für Zinzendorf das Singen. Rund 2000 Lieder hat der Graf im Laufe seines Lebens gedichtet. Als die „Gemeine“ größer wurde, war ihm klar: Gemeinschaft braucht auch den persönlichen Austausch. Dazu schlägt er die Aufteilung in verschiedene „Chöre“ vor. „Chöre“ nicht, weil sie da immer nur singen sollen. Sondern, weil es in einer Gemeinschaft wie in einem Chor darum geht, aufeinander zu hören, harmonisch zusammenzuwirken. Und so gab es Chöre für junge Männer, für junge Frauen, für Teenager, für Witwen usw. Also so etwas Ähnliches wie Hauskreise waren die Chöre. Man kam zusammen, man teilte Freud und Leid miteinander. So konnte Gemeinschaft wachsen. Und schließlich kam Zinzendorf dann auch auf die Idee mit den Losungen. Er wollte seinen Leuten für jeden Tag ein Wort Gottes mit auf den Weg geben. 1731 wurde das 1. Losungsbüchlein gedruckt. Heute ist es in rund 50 Sprachen übersetzt ein Dauerbestseller.

Natürlich hatte auch Zinzendorf seine Fehler und Macken. Und in seiner Bewegung gab es auch manche Fehlentwicklungen. Da gab es Schwärmerei, und die Bodenhaftung wurde zeitweilig verloren… Doch Zinzendorf war bereit, sich korrigieren zu lassen und Fehler einzugestehen.

 

4) Ein weites Herz

Zinzendorf hatte ein weites Herz und einen weiten Horizont.

Wo immer der Graf hinkam, erregte er Aufsehen, sei es, weil er unterwegs laut mit Jesus sprach und dabei wild gestikulierte oder weil er eine schwarze Sklavin mit Handkuss begrüßte.

Und eines Tages kam Anton, ein schwarzer Sklave aus St. Thomas in Westindien in der Karibik. Er berichtete von den schrecklichen Zuständen der Sklaverei: „Wir werden ausgebeutet und unterdrückt und schlimmer behandelt als Tiere.“ Das ließ Zinzendorf nicht kalt, so schickte er Missionare aus, die helfen sollen. Er blickte über den Tellerrand und begann ein gewaltiges Engagement in der Weltmission, setzte sich für die Abschaffung der Sklaverei ein.

Werdet des Herrgotts fröhliche Leute! Diese Ermutigung gründete in dem, wie er selber seinen Glauben gelebt hat. Möge sie auch uns gelten. Und wir werden Gottes fröhliche Leute sein und bleiben, wenn wir 1) wissen, dass wir von Gott ins Herz geschlossen sind, wenn wir uns 2) immer wieder neu von seiner Liebe in unserem Herzen berühren und dadurch herausfordern lassen, wenn wir 3) „Herz und Herz vereint zusammen“ die Gemeinschaft pflegen, und wenn wir bei alledem ein weites Herz bekommen, über unseren Tellerrand hinaus schauen  und das Evangelium in Wort und Tat weitergeben.

Amen