Zu Besuch bei Hiob
Gottesdienst am Sonntag, 10.10.2010
Text: Verschiedene Hiobtexte
Predigt: Pastor Gero Cochlovius
Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Wenn das Schweigen mich umgibt
wird ein Lied zum Gebet
und ich warte so auf eine Antwort.
Ich such' das Licht,
das die Flamme entfacht. -
Wer führt mich durch die dunkle Nacht?
So singt es Peter Maffay in einem Song aus den 80ern. „Ich warte so auf Antwort. Wer führt mich durch die dunkle Nacht?“
Eine Frage, die sich Menschen seit Urzeiten immer wieder stellen. Und immer wieder das Warten auf Antwort. Ich möchte Sie heute einladen mitzukommen auf einen Besuch. Wir wollen den besuchen, der viel besser als ich etwas zum Thema Leid erzählen kann. Ja, er hat so viele schlechte Nachrichten erhalten, dass diese schon sprichwörtlich geworden sind, diese Hiobsbotschaften. Wir besuchen ihn einmal, diesen Hiob. Sehen Sie ihn vor Ihrem inneren Auge?
Da sitzt er! Vor seinem Haus, im Schatten eines mächtigen Feigenbaumes. Alt ist er geworden. Sein immer noch volles, schlohweißes Haar, weht ihm immer wieder über die Stirn. Ein starker Kontrast zum dunkel gebräunten Gesicht. Es ist zerfurcht, gezeichnet vom Leben. Seine Bewegungen sind langsam und bedächtig, doch seine Augen funkeln noch lebhaft und hellwach. Sein Blick strahlt viel Weisheit, Wärme und Barmherzigkeit aus.
Zugegeben, ein anderes Land, eine andere Zeit.
Und doch, als er anfängt, mit seiner leisen, aber immer noch festen Stimme zu erzählen, kommt uns manches so vertraut vor. Er redet zunächst von Wohlstand, Glück und Reichtum. Ja, das kennt unser Land und unsere Zeit, kennen viele von uns doch auch.
Damals, so sagt er und holt tief Luft, so als saugt er mit der Luft die schönen Erinnerungen ein… Damals, es ging so lange so gut. Ich habe mich manchmal mit meiner Frau unterhalten und gesagt: Weißt du eigentlich, wie gut es uns geht? Wie lang das noch so weitergehen wird? Es war mir schon fast unheimlich wie gut es uns ging. Familiär, beruflich, alles lief bestens. Wir hatten gesunde Söhne und Töchter, Unmengen Schafe, Kamele und Rinder, waren angesehen in unserem Stamm. Mein Wort hatte Gewicht. Ja, und auch Gott spielte eine große Rolle in meinem Leben. Ich war ihm dankbar für alles. Und ich betete zu ihm, dass er uns und auch insbesondere meine Kinder vor allem Bösen bewahren möge.
Hiob, es fällt sicher leicht, zu glauben, wenn alles glatt läuft im Leben, oder?
Hiob überlegt eine Weile. Dann antwortet er zögernd: Hm, könnte man meinen. Aber ich bin mir nicht sicher. Wie vielen geht es so gut, dass sie über all den guten Gaben den Geber ganz vergessen. Doch, ich pflegte die Gemeinschaft mit Gott.
Naja, Hiob, man könnte vielleicht vermuten, du hattest so eine Art Handel mit Gott: Gott, ich glaube an dich, und du schenkst mir dafür ein glückliches und zufriedenes Leben.
Ein Schatten zieht auf Hiobs Gesicht. Ein wenig zittert seine Stimme: Ja, das hat schon mal jemand gesagt. Der meinte zu Gott, ich würde ja nur glauben, damit es mir gut geht, und er wünschte zu wissen, ob ich auch noch glaube, wenn‘s mir schlecht geht. Ein teuflischer Wunsch. Und plötzlich kamen sie, die Unglücksboten mit ihren schlechten Nachrichten.
Die Hiobsbotschaften.
Ja, in so kurzer Zeit war all unser Glück zerstört. Ein Blitz schlug in die Stallungen und vernichtete einen Großteil meines Besitzes. Feindliche Krieger kamen und stahlen den Rest, und meine geliebten Kinder, mitten in einer großen Familienfeier geschah das furchtbare Unglück, das Haus stürzte ein und begrub sie alle unter den Trümmern. Und als wäre das Leid noch nicht genug, wurde ich selber schwer krank, eine Hautkrankheit, die mich furchtbar entstellte und quälte. Aber dann, und das gab mir vielleicht den tiefsten Stich ins Herz, dann stichelte auch noch meine Frau gegen mich: Sie sagte: „Hältst du immer noch fest an deinem Glauben? Sage Gott ab und stirb!“ Da erlebst du schon so viel Leid und der Mensch, den du am meisten liebst, entfernt sich innerlich auch noch von dir.
Hiob, kannst du uns mitnehmen auf deinen Weg durch das Leid hindurch? Was hat dir geholfen, was hat dich wütend gemacht, konntest du noch an Gott glauben? Hattest du Zweifel? Warst du verzweifelt?
Ich will euch vier Erfahrungen mitgeben, die ich erlebt habe.
1) Dankbar zurückschauen
Weißt du, was ich meiner Frau geantwortet habe, als sie mir das letzte, was ich noch hatte, meinen Glauben an Gott, auch noch nehmen, noch kaputt machen wollte? Ich habe ihr gesagt: „Frau, haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ Ich gebe zu, das war noch am Anfang, da war ich noch stark, oder ich stand so unter Schock, dass ich noch gar nicht alles begriffen hatte. Später konnte ich das Böse nicht mehr so einfach aus Gottes Hand annehmen. Da hab ich dann auch ganz schön gegen Gott rebelliert. Aber was mir schon geholfen hat: Zurückschauen auf das Gute, was ich aus Gottes Hand empfangen hatte. Wie viele Jahre waren so froh und erfüllt, voller Sonne und Glück. Unverdient, einfach ein Geschenk Gottes. Dafür musste ich einfach dankbar sein. Dieser Dank erfüllte mein Herz und gab mir zumindest anfangs die Kraft, das Schwere zu ertragen. Auch wenn ich Gott nicht verstehen konnte, aber ich wusste: Er hatte mir schon viel Gutes geschenkt in meinem bisherigen Leben. Da wollte ich ihm im Bösen auch nicht verlassen, weil ich darauf vertraute, dass auch er mich nicht verlässt. Und doch immer wieder das bohrende Warum?
Und - hast du Antworten gefunden?
Um ehrlich zu sein: Nein! Warum mir dies alles geschehen ist, warum Gott es zugelassen hat – ich weiß es nicht. Ich habe aber etwas gelernt, und das ist das zweite, was ich euch mit geben möchte:
2) Klagen erlaubt
Meine Freunde kamen zu mir. Die ersten sieben Tage waren sie still bei mir, weinten mit mir und sagten nichts. Und das war das Beste, was sie sagten. Denn alles, was dann aus ihrem Munde kam, ganz ehrlich, das hat mir nicht wirklich geholfen. Das hat mich nur noch trauriger gemacht.
Hiob, wieso? Ist es denn besser, gar nichts zu sagen?
Nein, es ist schon gut, auch zu reden, allerdings viel besser ist es zuzuhören. Aber was völlig daneben war: Sie wollten mein Leid erklären. Sie meinten, eine Antwort auf mein Warum zu wissen und sie glaubten sogar, Gott verteidigen zu müssen. Und dann kamen ihre Schlüsse, Kurzschlüsse und Trugschlüsse: So sagten sie: Gott lässt keinen Unschuldigen leiden. Also: Ich bin selber schuld an meinem Elend. Irgendwas Böses hab ich wohl getan, dass mir das alles zustößt, als Strafe! Diese Neunmalklugen! Passiert nicht täglich so viel Leid auf der Welt, wo Unschuldige leiden müssen? Ist das etwa eine Strafe für Sünde? Wenn es danach ginge, gäbe es doch keinen Menschen auf der Welt, der vom Leid verschont bleiben dürfte! Außerdem haben die mir noch Vorwürfe gemacht, ich sei zu hochmütig, wenn ich Gott mein Leid klage. Schließlich sei er Gott und mache keine Fehler. Ich solle demütig sein und Buße tun. Also, ganz offen gesagt: Besonders einfühlsam hab ich meine Freunde nicht erlebt. Obwohl sie es doch gut gemeint haben, und obwohl sie selbst sicher einen festen Glauben hatten. Also, wenn ich euch einen Tipp geben darf: Manchmal enttäuschen uns Menschen, die an Gott glauben. Doch lassen wir uns davon nicht abhalten, selber Gott zu suchen. Er ist doch nochmal ganz anders als seine Leute. Also, ich habe wenig Trost von meinen Freunden bekommen. Stattdessen habe ich Gott mein Leid geklagt, ich habe ihn angeklagt, ich habe geschrien, gezweifelt, du kannst dir nicht vorstellen, wie ich gekämpft habe mit Gott. Ich habe ihn angeschrien, und den Tag meiner Geburt verflucht. Ich habe ihn angeklagt. Ja, ich bin dabei auch zu weit gegangen. Aber Gott hat es mir nicht zum Vorwurf gemacht. Er ist barmherzig. Er hatte Mitleid mit mir. Manchmal kann man nur noch klagen und weinen. Aber selbst dann ist es so hilfreich, Gott zu haben, vor den ich meine Klage bringen kann! Mir tun die Menschen leid, die keinen Gott mehr haben. Die können ja nur in ein dunkles, kaltes Nichts klagen! In ein hartes, namenloses Schicksal, ohne Sinn, blanker Zufall. Keiner, der sie hört. Sie haben keinen, den sie anklagen können. Aber Gott, er hält das aus, wenn wir ihm unser Leid klagen, ja sogar, wenn wir ihn anklagen! Er hält es aus, und er hält uns fest.
Hiob, das stimmt nachdenklich. Klagen erlaubt. Manchmal ist es eher dran, Fragen zu stellen, als Antworten zu haben. Diese Frage nach dem Warum – hat nicht selbst Jesus sie am Kreuz gestellt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Doch wenn du keine Antworten auf das Warum gefunden hast, hat Gott sich denn ganz und gar in Schweigen gehüllt?
Lange ja. Mir kam es vor: zu lange! Aber dann. Als ich schon nicht mehr damit gerechnet habe, da hat er zu mir gesprochen. Ganz klar und deutlich habe ich seine Stimme in meinem Herzen gehört. Und er hat mir liebevoll eins gezeigt, was ich euch auch als drittes mitgeben möchte:
3) Gott ist größer
Gott öffnete mir die Augen für die Schöpfung, für das ganze Universum, für Meer und Land, für Sonne und Regen, für Wind und Wetter, für die Sterne des Weltalls, für größte und kleinste Lebewesen. All das kann doch nicht durch Zufall aus Nichts entstanden sein. Und wenn es ein Schöpfer ist, der all das gemacht hat, dann ist er so groß, dass er unser Denken übersteigt. Er ist viel, viel größer als unser Denken und Begreifen. Und wir können vieles einfach nicht verstehen. Aber ich habe gelernt, dass er trotz seiner Größe nicht unnahbar ist, sondern uns auch durch das Leid hindurchträgt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
Hiob, du hast am Ende deines Lebens noch einmal viel irdisches Glück erfahren, Gott hat dich noch einmal beschenkt. Aber zuvor hast du dies nicht gewusst. Hattest du da Hoffnungen?
Ja, wenn ihr mein Buch lest, werdet ihr es entdecken. Ich gebe zu, nur ganz selten, leuchtete diese Hoffnung für mich auf. Aber doch: Einmal, da habe ich es ganz klar gespürt: Bei aller Not – und das ist das Letzte:
4) Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt!
Das war und ist meine Hoffnung. Es gibt Erlösung! Selbst vom Tod. Der Tod wird am Ende nicht siegen, da bin ich gewiss.
Hiob, du hast da einen prophetischen Blick gehabt! Das ist schon interessant. Genau in der Mitte deines dicken Buches, da kommt dieser mutmachende Ausruf: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Du hast den Erlöser bereits geahnt: Jesus Christus. Ja, er hat den Tod besiegt. Er ist der Erlöser, der lebt, der auferstanden ist, der stärker ist als der Tod. Wenn wir uns an diesen Erlöser klammern, dann werden auch wir mit ihm zusammen den Tod überwinden. Dann gibt es Hoffnung über den Tod hinaus.
Wir wollen Hiob und seine Geschichte nun wieder verlassen. Wir sind wieder hier mit unseren Fragen in unserer Zeit. Und wir merken, es ist nicht so viel anders. Peter Maffay singt: Wer führt mich durch die dunkle Nacht? Und dann kommt ein Gebet, wie man es kaum besser sagen kann. Er singt:
„Brich dein Schweigen und lass uns nicht allein.
Und hilf uns aus der Einsamkeit.
Lieber Gott, wenn es dich gibt, zeig uns deinen Weg,
eh das Böse in uns siegt.“
Amen.